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Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.03.2013

Gewaltlosigkeit im Islam

Nicht alle muslimischen Gelehrten setzen auf extreme Positionen

Von Brigitte Jünger

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Der Syrer Jawdat Sa’ id predigt Gewaltlosigkeit, die er aus dem Koran herleitet. (AP)
Der Syrer Jawdat Sa’ id predigt Gewaltlosigkeit, die er aus dem Koran herleitet. (AP)

Friedfertigkeit passt nicht in das Bild der Deutschen vom Islam. Es ist vielmehr geprägt von Terror und Gewalt. Dabei steckt schon in der Bezeichnung Islam das arabische Wort Salam, das Frieden bedeutet.

Aus dem Vortrag von Yahya Wardak: "Bei uns herrscht Gewalt – nicht nur in diesem 30-jährigen Krieg mit der Sowjetunion, Nato und allen anderen, sondern auch Gewalt gegenüber Kinder, Gewalt gegenüber Frauen ..."

Yahya Wardak, Arzt aus Afghanistan und Vorsitzender des Vereins Afghanic in Bonn, sieht die Sache schonungslos. Wenn er nicht praktiziert, ist er unterwegs, um einen Mann vorzustellen, der im 20. Jahrhundert in Indien, Pakistan und Afghanistan einen anderen, gewaltfreien Weg wies: Abdul Ghaffar, der als Badsha Khan in die Geschichte eingegangen ist.

Yahya Wardak: "Badsha Khan ist ein Paschtune, ein Afghane, der gemeinsam mit Gandhi gegen britische Kolonialherrschaft auf gewaltlose Weise Widerstand geleistet hat. Und interessant und wichtig ist, dass er Hunderttausende Muslime auf Gewaltlosigkeit eingeschworen hat im damaligen Indien, der heutigen pakistanisch-afghanischen Grenze."

Badscha Khan, 1890 in der Nähe von Peschawar geboren, erkannte schon früh, welche Faktoren für die hohe Gewaltbereitschaft der Muslime in dieser Region verantwortlich sind. Neben dem Widerstand gegen die britischen Kolonialherrscher gibt es noch andere Ursachen zu nennen.

Yahya Wardak: "So wie zum Beispiel das Nicht-Vorhandensein der staatlichen Strukturen, Unwissenheit der eigenen Religion, Bildungsferne, Unterentwicklung, und das ist bis heute, hat sich nicht viel geändert leider."

Schon 1910 eröffnete Badscha Khan als einer der ersten eine Schule, die sich von den traditionellen Religionsschulen deutlich unterschied. Hier wurden nun auch Mathematik und andere Naturwissenschaften unterrichtet. Auch Mädchen durften die Schule besuchen und religiöse Toleranz war selbstverständlich. In den 1920er-Jahren entstand aus diesen Ansätzen die Reformbewegung Khudai Khidmatgar, die "Diener Gottes"-Bewegung.

Yahya Wardak: "Interessant war, dass auch Nicht-Muslime, das heißt Christen und Sikhs, Mitglieder der Organisation waren. Frauen waren sehr stark beteiligt an diesen Aktionen und die gewaltlosen Protestaktionen gegen den damaligen Kolonialherrscher Engländer organisiert haben."

Leider ist diese Bewegung nach der Teilung Indiens 1947 in ein unabhängiges Indien und Pakistan zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Dass ihr Gründer Badsha Khan ein bedeutender religiöser Denker und Sozialreformer war, wissen heute nur noch wenige. Drei Jahrzehnte Krieg in Afghanistan haben die Erinnerung an die gewaltlosen Demonstrationen der "Diener Gottes"-Bewegung, sowie jegliche von ihr inspirierte Nachfolge gewaltsam ausgemerzt.

Yahya Wardak: "Als ich das feststellte und mit Afghanen darüber gesprochen habe, hab ich angefangen, über ihn Vorträge zu halten, sowohl hier in Deutschland für Afghanen als auch in Afghanistan. Und dann waren die auch verblüfft und sehr überrascht."

Ein anderer bedeutender islamischer Gelehrter ist der Syrer Jawdat Sa’ id. 1931 geboren, lebt er über 80-jährig immer noch in Syrien und predigt Gewaltlosigkeit, die er aus dem Koran herleitet, wie Muhámmad Smeer Múrtaza, Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos erläutert.

Als Theologe greift er die Kain und Abel-Geschichte auf und verweist eben auf den Sohn Adams, der im Koran erschlagen wird, aber sich vorher wehrt mit den Worten: "Wenn du mich auch erschlägst, so werde ich nicht meine Hand gegen dich erheben." Und dadurch, dass diese beiden Söhne Adams namenlos bleiben, kann er sie als Beispiel verwenden, um zu sagen, diese Geschichte gilt für alle Zeiten, sie sagt etwas grundsätzlich über den Menschen aus und kann auch heute herangezogen werden, ist verbindend eben auch für Menschen heutzutage und eben auch für die Muslime.

Das steht für westliche Ohren im Gegensatz zu all den Stellen im Koran, in denen ausdrücklich dazu aufgerufen wird, die Ungläubigen zu töten. Sa’id leugnet diese Aufrufe zur Gewalt keineswegs, erklärt jedoch, dass damit einzig und allein das Selbstverteidigungsrecht der Muslime gemeint ist. Doch selbst das ist heute obsolet geworden, erklärt Jawdat Sa’ id in seinen Schriften.

Muhammad Sameer Murtaza: "Weil hier Menschen Waffen gebaut haben, die zu unserer eigenen Zerstörung der gesamten Menschheit ausreichen. Deswegen ist jeder Krieg irrational, und deswegen muss der Gewaltverzicht total sein."

Solch radikaler Ruf nach Gewaltlosigkeit verhallt heute nicht nur in Syrien ungehört. Doch es gibt auch viele Beispiele, die Mut machen, wie Clemens Ronnefeldt vom Versöhnungsbund aus eigener Erfahrung weiß:

"Ich erinnere an Jemen, wo religiöse geistliche Umerziehungsprogramme für ehemalige El-Kaida-Kämpfer gestartet haben, um ihnen zu erklären: Der Islam ist keine Religion, die das Töten hinnehmen darf."

Jörgen Klußmann, der Studienleiter der Evangelischen Akademie im Rheinland, ist ebenfalls häufig als Konfliktberater in muslimischen Ländern tätig gewesen:

"Es gibt in jedem Konflikt, den ich bisher kennengelernt habe, gibt es immer Kräfte, die sagen: Gewaltlos und eben auf Versöhnung setzend. Meistens kleine NGO’s, private Organisationen, Einzelpersonen, aber sie gibt es immer, überall."

Der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza sieht den Islam deshalb, trotz aller Konflikte, an denen Muslime beteiligt sind, auf einem hoffnungsvollen Weg:

"Natürlich, wir haben jetzt eine Dekade voller Gewalt in der muslimischen Welt, und jetzt entstehen überall so Grüppchen, die versuchen eben gewaltlosen Widerstand zu leisten. Und das, find ich, ist ein positives Zeichen."


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