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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.06.2014

Gewalt gegen FrauenVergewaltigung als Kriegswaffe

Frauenrechtsaktivistin: Londoner Konferenz gegen sexuelle Gewalt "historisch"

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Mehrere Frauen stehen mit Sonnenschirmen in einem Dorf im Ostkongo. Sie wurden 2012 Opfer von Massenvergewaltigungen.  (dpa / Yannick Tylle)
Frauen und Vergewaltungsopfer in Luvungi, Ostkongo. (dpa / Yannick Tylle)

Sexualisierte Gewalt müsse strafrechtlich verfolgt werden, fordert Monika Hauser, Gründerin der Hilfsorganisation Medica Mondiale. Es brauche endlich Leitlinien, Straflosigkeit sei eins der größten Probleme.

Ute Welty: Es wird kein Auftritt auf dem roten Teppich, wenn Angelina Jolie ab heute den Vorsitz in London übernimmt für die Konferenz über sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten. Das ist ein Job, den die UN-Sonderbotschafterin und Schauspielerin sich teilt mit dem britischen Außenminister William Hague. Und immer wieder engagieren die beiden sich gegen Gewalt gegen Frauen, sind deswegen nach Indien und Bosnien gereist.

In Bosnien hat auch das Engagement von Monika Hauser seinen Ursprung. Inzwischen ist die Gynäkologin für ihre Arbeit mit medica mondiale vielfach ausgezeichnet worden, so auch mit dem alternativen Nobelpreis. Guten Morgen, Frau Hauser!

Monika Hauser: Ja, guten Morgen!

Welty: Diese Konferenz in London, an der Sie auch teilnehmen, wird schon vor Beginn als historisch bezeichnet. Das klingt jetzt nicht gerade nach britischem Understatement!

Hauser: Ja, und ich bin sehr froh, dass der britische Außenminister hier nun wirklich vor zwei Jahren die Initiative ergriffen hat und seinen politischen Willen der Welt deutlich gemacht hat, das Problem der sexualisierten Kriegsgewalt wirklich massiv anzugehen. Und wir bezeichnen das durchaus auch als historisch und sind sonst nicht allzu sehr lobend, was Regierungspolitik bedeutet, aber ich warte im Prinzip seit 20 Jahren darauf, dass ein europäischer Politiker eine solche Initiative startet.

Welty: Und inwieweit trägt diese historische Dimension für die Frauen zum Beispiel im Kongo, wo jeden Tag an die Tausend Opfer einer Vergewaltigung werden?

Trägerin des alternativen Nobelpreises Monika Hauser bei der Sendung "Kölner Treff" (Foto vom 10.10.2008) in Köln. (dpa / Horst Galuschka)Monika Hauser sieht Gewalt gegen Frauen als Kriegsinstrument. (dpa / Horst Galuschka)

Hauser: Erst mal müssen wir sehen, dass es überhaupt wichtig ist, dass ein europäischer Politiker eine solche Initiative gestartet hat. Wir haben ja seit Jahrzehnten das Problem der sexualisierten massiven Gewalt in Kriegen und hören nun seit Jahren Lippenbekenntnisse von UN, von internationaler Politik.

Es sind wunderbare Resolutionen geschrieben worden, auf Papier haben wir eigentlich schon sehr gute Maßnahmen, aber es waren meistens Lippenbekenntnisse und es hat sich nicht wirklich was umgesetzt für die Frauen vor Ort. Das ist wirklich die erste internationale Initiative, die tatsächlich auch uns Expertinnen, Frauenorganisationen aus aller Welt, auch von den Kriegs- und Nachkriegsgebieten einschließt, dazuholt, dass Wissen abgefragt wird und man gemeinsam berät, was denn weiter getan werden kann.

Welty: Ich habe es eben angedeutet, Sie haben sich Anfang der 90er vor allem um bosnische Frauen gekümmert. Ist die Lage im Kongo jetzt vergleichbar oder was macht womöglich graduelle Unterschiede aus?

Straflosigkeit ist eins der größten Probleme

Hauser: Ich warne davor, solche Regionen miteinander zu vergleichen. Es ist jede Situation anders. Und was das besonders Schwierige ist im Osten des Kongos, dass wir ja nun trotz verschiedener Friedensschlüsse immer noch, immer wieder neue militärische Wellen haben, die über die Dörfer schwappen, und jedes Mal wieder neu sexualisierte Gewalt von den diversen Tätern und Gruppierungen ausgeübt wird und tatsächlich auch letztendlich die absolute Straflosigkeit, die ja eines unserer größten Probleme ist, diese Straflosigkeit auch viele Männer dazu einlädt, sich Rebellen anzuschließen, weil sie eben über diese Rebellengruppen straflos vergewaltigen können.

Welty: Kommt es zu diesen Vergewaltigungen, weil sich Männer am Krieg beteiligen, oder beteiligen sich Männer am Krieg, um - wie Sie das gerade schon gesagt haben - zu vergewaltigen?

Hauser: Auch hier kann ich Ihnen leider keine einfache Antwort geben, beides ist der Fall. Auf jeden Fall wissen wir gerade in den Kriegen im Herzen Afrikas, wir wissen, dass Männer sich eben alleine zum Zweck, weil sie da vergewaltigen können, ohne bestraft zu werden, sich diesen Rebellengruppierungen anschließen, was natürlich dann wieder ein vergrößertes Sicherheitsproblem für diese Regionen ist.

Das ist auch erkannt worden von der UNO, damals ist vor drei Jahren die UN-Resolution Nummer 1820 erstellt worden, die genau dieses Problem in die Mitte stellt. Nur, wir haben sehr viel gutes Papier geschrieben mittlerweile, aber wir haben nicht den politischen Willen, dass sich tatsächlich Gesellschaft etwas verändert. Regierungen bestrafen die Täter nicht tatsächlich für das, was sie tun, und selbst, wenn Männer verhaftet werden, wir haben größte Armut in diesen Regionen. Das heißt, für 20 Dollar kann sich jeder Täter vom Richter, vom Polizeichef wieder freikaufen, er kann, wenn die Familie angezeigt hat, sich bei der Familie für ein paar Dollar freikaufen, sodass die Familien oft die Anzeige wieder zurückziehen.

Das heißt, Korruption, Armut und ein völlig mangelndes Bewusstsein, gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass sexualisierte Gewalt ein schweres Verbrechen ist, diese Faktoren kommen immer wieder zusammen. Und natürlich auch, dass mit Kriegen gerade in dieser Region Gelder gemacht werden, in denen Meinen erobert werden, in denen Dörfer erobert werden, wo dann wieder extreme Gewalt ausgeübt wird. Diese Dinge gehören leider alle zusammen.

Welty: Wenn Sie jetzt an das Ende dieser Konferenz denken, was möchten Sie einer kongolesischen Frau dann gerne sagen können?

Endlich mehr als Lippenbekenntnisse

Hauser: Ja, ich würde ihr gerne sagen, dass es endlich mehr als Lippenbekenntnisse gibt, dass es tatsächlich endlich Leitlinien, Protokolle gibt, die ja nun auch verabschiedet werden sollen auf dieser Konferenz, in denen tatsächlich auch Regierungen verpflichtet werden, dass ihr Personal, sei es militärisches Personal, sei es Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, die in der Justiz arbeiten - ganz wichtig -, auf der Polizei, dass die alle diese Leitlinien kennen und wissen, dass Frauen, die in so einer Situation sind, dringend unterstützt werden müssen in einer traumasensiblen Art und Weise, wie wir das sagen, und dass sie Unterstützung genügend bekommen.

Dass also nicht diese Organisationen vor Ort noch so große Geldsorgen haben müssen, dass die überhaupt ihre Arbeit weiter tun können, sondern dass diese Regierungen, die sich international verpflichten, einen Fonds zu errichten, aus dem Gelder geschöpft werden können von diesen Organisationen vor Ort. Ich möchte weiter der Frau sagen, dass die Straflosigkeit endlich ein Ende hat, weil Regierungen dazu endlich übergehen zu wissen, nur wenn sie die Täter bestrafen, das auch präventiv wirkt für den Beginn von neuen Kriegen!

Welty: Monika Hauser von medica mondiale, sie nimmt in London an der ersten internationalen Konferenz gegen sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten teil. Für die Tagung viel Erfolg und herzlichen Dank fürs Gespräch!

Hauser: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Zur Homepage der Londoner Konferenz: End Sexual Violence in Conflict

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