Studio 9 08.12.2014

Gewalt gegen FrauenRaus aus der OpferrolleJunge Inderin kämpft nach Misshandlungen für die Rechte der Frauen in IndienVon Ariane von Dewitz

Neehari Mandali (Deutschlandradio Kultur/ Ariane von Dewitz)Fürs Leben gezeichnet: Die Inderin Neehari Mandali (Deutschlandradio Kultur/ Ariane von Dewitz)

Die 26-jährige Inderin Neehaari Mandali wurde von ihrem Ehemann jahrelang misshandelt. Aus Verzweiflung zündete sie sich selbst an - und überlebte schwer verletzt. Heute hilft sie anderen Frauen und prangert die Missstände in Indien an.

Eine Buchhandlung im Berliner Westen, Dienstagabend, es ist kurz vor halb acht, gleich beginnt hier eine Lesung. Unter den rund 40 Gästen steht auch eine junge Frau. Es ist Neehaari Mandali, eine 26-jährige Inderin. Sie ist auch abgebildet im Fotoband "Invisible", der hier heute Abend vorgestellt wird. Sie ist angereist, um ihre Geschichte zu erzählen. Eine tragische Geschichte, die Neehaari für immer durch zahllose schwarz-weiß gefleckte, geschwulstartige Brandnarben ins Gesicht geschrieben steht.

Schwanger von der Familie allein gelassen

Es ist sechs Jahre her, da merkt Neehaari, dass sie schwanger ist. Der Vater des ungeborenen Kindes ist ihr Ehemann, der seine junge Frau seit Jahren psychisch und sexuell misshandelt, vor dem die eigenen Eltern sie nicht schützen wollen. Damals denkt Neehaari: Wenn es ein Mädchen wird, steht ihm ein ebenso trostloses Leben bevor wie mir selber. Dieser Gedanke lässt sie verzweifeln, Neehaari entschließt sich deshalb zu einem schrecklichen Schritt.
 
"Ich habe mich mit  Kerosin übergossen und dann habe ich versucht, 49 Streichhölzer zu entzünden. Ich habe eigenhändig meinen Körper verbrannt. Warum? Ich hatte keine Unterstützung von meiner Familie. Es gab immer nur eines: Kompromisse, Kompromisse, Kompromisse. Aber das Leben ist kein Kompromiss. Ich habe dabei mein Baby verloren."

Neehaari überlebt damals nur, weil ihr Vater herbeistürzt und verzweifelt Wasser über ihren brennenden Körper schüttet, sie in eine Klinik bringt. Dort wird sie neunmal operiert. Die Schmerzen, sagt Neehaari, waren entsetzlich.

Einen Tag später, ein Treffen morgens im Viktoriapark in Kreuzberg.

Ihr Gesicht will sie nicht zurück

Sie ist schweigsam, wirkt angespannt, abends wird sie zurück nach Indien fliegen. Es graut ihr davor, das Gesicht dort wieder hinter einem Schleier verstecken zu müssen. Denn in Indien, so sagt sie, akzeptierten die Menschen keine körperlichen Defekte. Mit ihren durch die Flammen gekrümmten, aber – wie aus Stolz und Protest – violett gelackten und manikürten Fingern fischt sie ein Foto aus der Jackentasche. Es stammt aus der Zeit vor dem Suizidversuch. Darauf zu sehen: Ein ausgesprochen hübsches Mädchen mit wohlgeformten Gesichtszügen. Nur die großen rehbraunen Augen verraten, dass es sich hierbei um Neehaari handelt.

Plötzlich sagt sie: "Ich will mein Gesicht nicht zurück. Warum? Weil die Leute normalerweise immer nur auf die äußere Erscheinung achten. Manche Männer die erwarten dann etwas von den Frauen. Das ist der Grund, warum ich mein Gesicht nicht zurück will. Wenn ich mein altes Gesicht noch hätte, hätte ich niemals diesen Reifeprozess durchmachen können. Ich will nicht mein vergangenes Gesicht, Ich will nicht meine Vergangenheit zurück. Ich denke nur noch an meine Zukunft."

Erst seit dem "Vorfall" – so nennt Neehaari den Selbstmordversuch – hat ihr Ehemann endlich von ihr abgelassen. Er reichte die Scheidung ein.

Neehari gründet Hilfsorganisation für unterdrückte Frauen

Neehari Mandali hat damals ihr Gesicht verloren, dafür hat sie ihre Freiheit zurück. Sie lebt nun in einer kleinen Wohnung in der Stadt Hyderabad, 300 Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt. Heiraten will sie nie wieder. Die junge Inderin studierte nach der Scheidung Politikwissenschaften, arbeitet heute in einer Klinik für Plastische Chirurgie, als Ansprechpartnerin für Patienten. Außerdem hat sie eine Hilfsorganisation gegründet, mit dem Namen "Beauty of Burnt Women’s Heart", also: Die Schönheit der Herzen verbrannter Frauen. Sie möchte an die Öffentlichkeit treten und endlich den anderen Frauen helfen, die sich aus Verzweiflung anzünden oder Opfer von Brand- und Säureanschlägen werden – häufig verursacht durch eifersüchtige Ehemänner oder rachsüchtige Angehörige.

"Indiens größtes Problem sind einige der Familien. Familiäre Beziehungen sind dort sehr stark und mächtig. Es gibt so viele Gesetze, so viele Regeln, die extra zum Schutz für Frauen existieren. Aber Frauen sind nicht in der Lage aus ihren Familien herauszutreten. Wenn sie aus ihren Familien heraustreten, dann verlieren sie ihr Ansehen, ihr Gesicht."

Kleiner Bruder machte ihr Mut 

Wer überlebt, wird zur ewigen Aussätzigen. Mit dem verbrannten Gesicht bleibt auch das Stigma. Die so kämpferische Neehaari leidet bis heute unter dem Schaden, den sie ihren Eltern damit gesellschaftlich und finanziell zugefügt hat. Vor einigen Jahren hätte sie aus Scham darüber beinahe ein zweites Mal ihren Lebensmut verloren. Einzig der kleine Bruder verlieh ihr damals neue Zuversicht.

"Eines Tages kam ein Freund meines kleinen Bruders zum Spielen zu uns nach Hause. Und als er mich sah, war der kleine Junge geschockt. Er sagte zu meinem Bruder: Deine Schwester sieht aus wie der Teufel. Daraufhin antwortete mein Bruder: Sprich nicht so über meine Schwester. Nach ein paar Minuten beendete er die Freundschaft mit diesem kleinen Jungen. Das war für mich der erste ganz große Energieschub." 

Einen Energieschub hat ihr nun auch die Reise nach Deutschland verliehen. Neehaari hat hier einen wichtigen indischen Politiker kennengelernt: Er will dabei helfen, den Fotoband in Indien zu publizieren. Ein erster kleiner Versuch, Frauen wie Neehaari Mandali in ihrem eigenen Land wieder ein Gesicht und eine Stimme zu verleihen.

Tipp: Die Fotografin Ann-Christine Woehrl hat 48 überlebende Frauen von Säure- und Brandanschlägen in Bangladesch, Indien, Kambodscha, Nepal, Pakistan und Uganda mit ihrer Kamera begleitet. Neehaari Mandali ist eine der porträtierten Frauen. Die Bilder sind noch bis zum 11. Januar 2015 im Museum "Fünf Kontinente in den Staatlichen Museen" in München (Maximilianstraße 42) zu sehen.

Die Bilder der Ausstellung sind auch in dem Bildband "UN/SICHTBAR - Frauen Überleben Säure" erschienen.
Fotos: Ann-Christine Woehrl, Text: Laura Salm-Reifferscheidt
Preis: 49,90 Euro

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