Auswertung des Bundeskriminalamts

Die Gewalt gegen Frauen ist alltäglich

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Illustration mit dem Schatten eines wütenden Mannes, der wild vor einer Frau im Wohnungsfenster gestikuliert.
Fast 150.000 Fälle von häuslicher Gewalt wurden 2020 angezeigt. © imago / fStop Images / Malte Müller
Dagmar Freudenberg im Gespräch mit Axel Rahmlow · 23.11.2021
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Fast 150.000 Gewalttaten in Beziehungen wurden 2020 angezeigt, 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das geht aus einer BKA-Statistik hervor, die Opfer sind in der Regel Frauen. Die Opferschutz-Referentin Dagmar Freudenberg ordnet die Zahlen ein.
Gewalt in Beziehungen: Seit 2015 veröffentlicht das Bundeskriminalamt (BKA) jährlich eine kriminalstatistische Auswertung, so auch jetzt wieder.
Die Auswertung zeigt: Die Zahl der angezeigten Gewalttaten steigt seit 2015 kontinuierlich an. 2020 waren es 148.300 Straftaten, 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen.
Zu den Delikten zählen Bedrohung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Die Opfer sind meist zwischen 30 und 40 Jahre alt. 139 Frauen und 30 Männer starben infolge der Gewalt.

Die Gewalt wird nicht mehr versteckt

Die ehemalige Staatsanwältin Dagmar Freudenberg befasst sich seit 40 Jahren mit dem Thema Gewalt gegen Frauen. Sie erklärt, warum die Zahl der registrierten Straftaten kontiniuierlich ansteigt.
"Es wird zum einen darauf zurückzuführen sein, dass in der Gesellschaft das Bewusstsein gewachsen ist", sagt die Juristin. Gewalt in der Partnerschaft werde nicht mehr versteckt.
Es gebe eine offene Gesellschaft, die das Thema zulasse, sagt Freudenberg. Frauen würden darauf aufmerksam gemacht, "dass es eine Menschenrechtsverletzung ist, wenn sie Opfer häuslicher Gewalt werden".
Zum einen werde so die Dunkelziffer kleiner. Aber auch die Delikte, die angezeigt werden, nähmen zu. "Frauen werden sich zunehmend bewusst, dass sie da eine Straftat erleben."

Das Selbstverständnis von Männern muss sich ändern

Die Journalistin Bascha Mika sagt: „Wenn wir nicht grundsätzlich etwas am Selbstverständnis von Männern in diesem Land ändern, werden die Zahlen auch weiterhin ansteigen.“
Nötig sei eine Debatte über die Männerkultur in Deutschland. Corona wirke wie ein Brennglas: "Es ruft nichts hervor, was es vorher noch nicht gab." Es verstärke aber die Probleme, die Situation In den Familien habe sich dramatisch verändert.
Studio 9 -Der Tag mit Bascha Mika
33:14 Minuten
In den vergangenen 40 Jahren habe sich bereits viel getan, meint die Juristin Freudenberg. Die Gleichberechtigung sei vorangekommen. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde 1998 als Straftatbestand eingeführt.
Die Gewalt in der Erziehung sei 2000 verboten worden. "Das war ein ganz wesentlicher Punkt, der deutlich macht, dass die Gewalt in der Gesellschaft nicht mehr erwünscht ist."
Damals habe ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Die Poliitk habe erkannt: "Wir müssen etwas tun, was nachhaltig ist."
Noch in den 1990er-Jahren seien Familienstreitigkeiten nicht ernst genommen worden. Inzwischen werde Gewalt unter Partnern nicht mehr als Privatsache wahrgenommen.

Prävention ist nicht nur sinnvoll, sondern Pflicht

Seit der Istanbul-Konvention 2017 ist Deutschland in der Pflicht, auch präventiv tätig zu werden. Bereits im Kindergarten müsse es eine gewaltfreie Erziehung geben, so Freudenberg. Und auch die Täterarbeit müsse forciert werden. Hier fehle es an Kontinuität. Viele, die gewalttätig seien, hätten in ihrer Kindheit selbst Gewalt erlebt.

Dagmar Freudenberg studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und arbeitete als Richterin und Staatsanwältin. Als Referentin im niedersächsischen Justizministerium entwickelte sie unter anderem ein Konzept für psychosoziale Prozessbegleitung. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins Wege ohne Gewalt. Beim Deutschen Juristinnenbund leitete sie von 2001 bis 2017 die Kommissionen Gewalt gegen Frauen und Kinder.

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