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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.05.2011

Gewalt als Antwort auf Gewalt

"Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" in Wien

Von Sven Ricklefs

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Die Wiener Festwochen dauern bis zum 19. Juni (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Die Wiener Festwochen dauern bis zum 19. Juni (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

"Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" hieß ein Science-Fiction-Roman der Gebrüder Strugazki in den 60er-Jahren, in dem einer aus einer moralisch-ethisch perfektionierten Zukunft in die Barbarei einer Vergangenheit geschickt wird.

Diesen Plot des Romans hat nun der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó für sein gleichnamiges Theaterstück übernommen. Die menschlichen Abgründe, die er in seiner aktuellen Version auftut, sind der Menschenhandel zwischen Ost und West, Prostitution, Sadismus und tote Mädchen als Kollateralschaden. Da wird einem nackten und in demütigender Weise gefesselten und geknebelten Mädchen der Rücken verbrüht. Da wird einer ein spitzer Gegenstand eingeführt, weil sie schwanger ist und abtreiben soll. Da wird geschlagen, missbraucht, erniedrigt und schließlich getötet, im Nebenbei.

Dabei muss der, der von einem anderen Planeten stammt, als Gott aber zum Nicht-Eingreifen verdammt ist, dabei muss der zuschauen, wie eben auch der Zuschauer zuschauen muss. Was letztlich natürlich auch unserer Situation in der Realität nahe kommt: Wir wissen vom Menschenhandel, von Zwangsprostitution, ohne Verantwortung zu übernehmen oder einzugreifen.

"Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein” zeigt Frauen als Ware, die durch Europa gekarrt wird. Auf den Ladeflächen zweier ineinander verkeilter Riesenlaster lässt Kornél Mundruczó sein Stück spielen. In Wien hat man dafür ein altes Straßenbahndepot aufgeschlossen. Eine dieser Ladeflächen bleibt hinter ihrer Plane verborgen. Hier werden die drastischen Szenen mit einer Handkamera gefilmt und auf Screens projiziert. Und hier soll – das ist ein weiterer Handlungsstrang des Stückes – eine Art ‚ultimatives Video’ gedreht werden.

Denn einer der Männer outet sich als Sohn eines EU-Politikers, der vor Jahren seine Tochter vergewaltigt und ermordet haben soll. Nun will sich dieser Sohn, der Bruder der Toten, am Vater rächen, indem er ein krudes Video dreht und ins Netz stellt, in dem er die Taten, die Vergewaltigung, Ermordung und das Verscharren der Schwester nachstellt. Dass dabei zwei Mädchen sterben, scheint ihn nicht weiter zu stören.

Mit der für das osteuropäische Theater oftmals typischen Drastik buchstabiert der 35-jährige Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó sein Anliegen in einer Mischung aus Reality-Show und Schauspiel auf die Bühne. Dabei vermischt er geschickt die Genres Theater und Film miteinander und lässt seine Darsteller zugleich immer mal wieder aus ihrem Hardcore-Realismus ausbrechen, indem sie Popschnulzen-Oldies singen.

Immer wieder macht Kornél Mundruczó damit klar: Das hier ist zwar Theater, aber sicherlich kein Dokumentartheater. Trotzdem stellt er fast schmerzhaft die Frage nach der Verantwortung, nach der Verantwortung beim Zuschauen. Sein Gott jedenfalls wird am Schluss seine menschliche Seite zeigen und eingreifen.

Er beantwortet Gewalt mit Gewalt und begeht ziemlich brutale Morde. Ob das eine Lösung ist, lässt Mundruczó allerdings offen. Und so entlässt dieses Theater einen sicherlich mit mehr Fragen, als es Antworten zu geben bereit ist. Aber auch das kann gerade der Sinn sein von Theater.

Informationen der Wiener Festwochen zur Inszenierung "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein"

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