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Zeitfragen | Beitrag vom 10.09.2019

GesundheitsversorgungIst Dänemarks Krankenhauspolitik ein Vorbild?

Von Carsten Schmiester

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In einer verschneiten Straße ragen die dunklen Mauern des Universitätsklinikum Aarhus auf. (Imago/Ritzau Scanpix/Claus Bonnerup)
Mehr als 80.000 Operationen pro Jahr: Das Uniklinikum Aarhus ist ein Leuchtturm in der dänischen Krankenhauslandschaft. (Imago/Ritzau Scanpix/Claus Bonnerup)

Eine bessere und billigere Gesundheitsversorgung: Das versprechen sich viele Experten von einer Schließung kleiner Krankenhäuser zugunsten weniger großer Klinikzentren. Dänemark ist diesen Weg gegangen. Das Beispiel zeigt: Geld spart man dadurch nicht.

Vor 20 Jahren war das dänische Gesundheitssystem selbst schwer krank und ein Patient der Politik. In dem kleinen Land mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern gab es an die 100 große und noch größere Krankenhäuser und die aktuell in Deutschland diskutierten Probleme: Viele machen alles, aber nur wenige machen es wirklich gut. Lars Løkke Rasmussen von der liberal-konservativen Venstre-Partei gehörte zu den Politikern, die dieses Problem lösen wollten. Und zwar mit einer großen Reform, nicht vielen kleinen Reförmchen. Erst als Gesundheitsminister und später in zwei Amtsperioden als Ministerpräsident hatte er maßgeblich Einfluss auf die dänische Gesundheitspolitik:

"Ende der 1990er-Jahre wurden Patienten mit Lungenkrebs an 90 verschiedenen Krankenhäusern in Dänemark operiert", sagt Rasmussen. "Wir erinnern uns auch alle noch daran, wie man auf Bornholm krebskranken Frauen die Brüste entfernt hat, nur weil man dort keine brustbewahrende Chirurgie beherrschte. Deshalb haben wir damals gesagt: Wir müssen höhere Anforderungen an Spezialabteilungen stellen, was die Kompetenz des Personals und das Patientenvolumen angeht."

Weltweit führend bei "E-Health"

Das war die Idee: Konzentration der Kompetenzen, nur noch 18 große Klinikzentren, einige als komplette Neubauten quasi auf der "grünen Wiese". Und für kleine bis mittelschwere Erkrankungen Ambulanzen im Umfeld dieser Großkliniken mit Zugriff etwa auf deren diagnostische Infrastrukturen. Umgerechnet 5,7 Milliarden Euro lässt sich Dänemark diesen Radikalumbau insgesamt kosten, rund 1.000 Euro pro Einwohner. Ein Fünftel des Geldes wird dabei allein in technische Modernisierung investiert, in hochmoderne Apparate und digitale Vernetzung.

E-Health lautet das Zauberwort. Dänemark mit seinem Online-Portal "sundhed.dk", auf das Patienten, Ärzte und Apotheker Zugriff haben, ist da weltweit führend. Und es hat mit dem vor zwei Jahren eingeweihten Superkrankenhaus in Aarhus, dem "Århus Universiätshospital", kurz AUH, eines der weltgrößten Klinikzentren geschaffen. Ein riesiger Komplex, der in einem Imagefilm erst einmal aus der Luft gezeigt wird und dabei fast einschüchternd wie eine riesige Gesundheitsfabrik wirkt:

"Das modernisierte Universitätskrankenhaus Aarhus bietet alle medizinischen Fachrichtungen unter einem Dach", heißt es da. "Das macht eine bessere und effektivere Patientenversorgung möglich. Das Krankenhaus ist innovativ und modern und bietet spezialisierte Behandlungen für die Menschen in Zentral-Jütland und im Rest von Dänemark."

Das beste Krankenhaus in Dänemark

Ein Krankenhaus der Superlative: 1150 Betten, um die 10.000 Mitarbeiter in 44 Abteilungen, mehr als 80.000 Operationen im Jahr. Claus Thomsen ist der "Chief Medical Officer", der medizinische Leiter, und strotzt im Film vor Selbstbewusstsein:

"Wir wollen zur absoluten Elite der internationalen Universitätskrankenhäuser gehören. Das ist möglich, weil wir auf vielen Gebieten hochspezialisiert sind. Wir haben ein sehr flexibles Zentrum für Operationsroboter. Als einzige in Dänemark bieten wir Protonentherapie an. Und dann sind wir auch noch das Krankenhaus für diese Stadt, wir haben deshalb ein umfassendes Behandlungsspektrum in allen Disziplinen."

Eine dänische Fachzeitschrift hat das AUH im vergangenen Jahr zum besten Krankenhaus in Dänemark gewählt und damit der Kernaussage des Imagefilms Recht gegeben:

"Die perfekte Struktur dieses modernen Krankenhauses sichert eine umfassende Patientenversorgung von hoher Qualität. Alle Prozesse sind automatisiert, aber die Bedürfnisse der Patienten stehen an erster Stelle."

Angestellte des Aarhuser Universitätsklinikums formen eine Menschenkette um das Gebäude um gegen Kürzungen ihrer finanziellen Mittel zu protestieren. (Imago/Ritzau Scanpix/Mikkel Berg Pedersen)Protest gegen die Einsparpolitik: Angestellte des Aarhuser Universitätsklinikums formen eine Menschenkette, um gegen Kürzungen ihrer finanziellen Mittel zu protestieren. (Imago/Ritzau Scanpix/Mikkel Berg Pedersen)

Aber wohl nicht die Bedürfnisse des Personals. Denn zwei Jahre nach Einweihung des Klinikgiganten gibt es erste Ernüchterung. Eigentlich war man davon ausgegangen, dass die Zusammenlegung der Krankenhäuser in Dänemark nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich lohnend wäre. Doch die Baukosten sind explodiert. Um dennoch das Sparziel zu erreichen, sind erste Kündigungen beschlossen worden. Und das bei einer laut Insidern wie dem Regionalpolitiker Carsten Kissmeyer ohnehin sehr dünnen Personaldecke:

"Der Regionalrat ist sehr besorgt über die Situation im Krankenhaus Aarhus. Wir fragen uns, ob wir die Anzahl der Patienten bewältigen können, ob das Personal ordentliche Arbeitsbedingungen hat und ob wir alle Spezialabteilungen halten können."

Auch Jakob Götsche, Vertrauensmann der AUH-Mitarbeiter, hat tiefe Falten auf der Stirn:

"Ich mache mir Sorgen wegen der Kündigungen. Können die Leute woanders weiterarbeiten? Und unter welchen Arbeitsbedingungen? Und die Pflege und Behandlung, die wir Patienten dann noch bieten könnten, würde dem 'besten Krankenhaus Dänemarks' wohl auch nicht mehr gerecht."

Kaum noch Zeit für die Patienten

Die Strukturen in Dänemarks Gesundheitssystem mögen vorbildlich sein, aber nicht unbedingt die Arbeitsbedingungen. Das ist auch das Ergebnis einer Dokumentation des öffentlichen Senders "Danmarks Radio" vom Frühjahr. Darin kommt die Krankenschwester Marie Möllenborg zu Wort. Ihre Kritik: zu wenig Leute, zu viel Bürokratie.

"Ich muss Kompromisse machen bei meiner Arbeit. Man schafft nur noch das Grundlegende. Für Gespräche, etwa um sich Sorgen und Ängste der Patienten anzuhören, habe ich oft keine Zeit. Wenn es hektisch wird, kann das auch dazu führen, dass ich etwas übersehe."

Das "dänische Modell" hat also Schattenseiten - auch, was die Zentralisierung angeht. Zeitungsberichten zufolge müssen nach Abschluss der Reform mehr als zehn Prozent der Dänen über 30 Kilometer weit zur nächsten Klinik fahren. Klingt erst einmal nicht dramatisch, kann es vor allem für Schwerkranke aber schnell werden, sagt Susanna Stjernegaard. Sie kümmert sich ehrenamtlich um Krebspatienten:

"Ihnen geht es häufig sehr schlecht und auch für die Angehörigen ist es schwierig, so weit fahren zu müssen. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten ihre Behandlung am Wohnort bekommen können."

Ökonomisch geht die Rechnung nicht auf

Die bekommen sie aber außerhalb der Ballungsräume immer seltener. Ein Nachteil der dänischen Superkrankenhäuser. Aber nicht der größte, sagt Torben Mogensen. Er war früher selbst Krankenhausdirektor und hält das neue Konzept in einem aus seiner Sicht zentralen Punkt für einen Irrtum. Danach geht buchstäblich die "Rechnung" der verschiedenen Regierungen, die die Reform durchgesetzt haben und sie umsetzen, nicht auf.

"Wenn die anderen Super-Krankenhäuser fertig sind, müssen sie ebenfalls sparen", sagt er. "Die Regierung und die Regionen haben einen achtprozentigen Spareffekt bei den Neubauten beschlossen. Ich behaupte, dass alle, die das unterschrieben haben, gewusst haben, dass das nicht klappt. Das Problem dabei: die Absprache ist bindend."

Seine These: Aarhus ist überall, mehr moderne Medizin für weniger Geld gibt es nicht, nicht einmal in Dänemark.

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