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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.06.2016

Gesundheitstraining per InternetBei "Grübelgedanken" den e-Coach rufen

Von Gerhard Richter

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Ist die Depression erst mal manifest, dann ist die Therapie langwierig und teuer. Umso wichtiger ist daher eine frühzeitige Intervention. Die kann auch ein Online-Training leisten − "Get.on" heißt eins davon.

Frau: "Vor einigen Wochen fragte mich eine gute Freundin, was eigentlich mit mir los sei? In der Tat, ich hatte zu vielen Dingen einfach keine Lust mehr. Selbst zu denen, die ich früher gerne unternommen habe."

Im Internetvideo erzählt eine Frau von ihrer Befindlichkeit. Sie ist eine Schauspielerin, die aber das wiedergibt, was Depressive klassischerweise über ihre Krankheit berichten:

"Und an manchen Abenden habe ich mir solche Sorgen gemacht, dass ich vor lauter Grübeln nicht mehr schlafen konnte."

Müdigkeit, innere Unruhe, Schwierigkeiten sich zu entscheiden, Verzweiflung, Selbstmordgedanken. All das sind Anzeichen einer aufkommenden Depression.

Frau: "Meine Freundin erzählte mir von einem Training im Internet, das helfen solle, die Stimmungslage zu verbessern."

Eins dieser Online-Angebote heißt "Get.On" − und anders als andere soll es tatsächlich helfen. Das zumindest belegen Studien, die Dr. David Ebert von der Friedrich-Alexander Universität Nürnberg-Erlangen regelmäßig durchführt. Er erforscht systematisch, was online hilft und was nicht:

"Wir machen das bis zu einem Jahr und wenn sich dann langfristig die Gruppen unterscheiden, und der Gruppe, mit der neuen Behandlung es besser geht, urteilen wir, dass es sich wohl lohnt, die Intervention zu machen."

Depression bei der Entstehung bekämpfen

Zusammen mit Forschern der Universitäten Amsterdam, Marburg und Lüneburg hat David Ebert bereits Online-Hilfen gegen Panikattacken, unkontrolliertes Trinken und chronische Schmerzen entwickelt, sie alle funktionieren. Jetzt also wollen sie die Depression bekämpfen. Und zwar schon bei ihrer Entstehung:

"Wir haben gerade eine Studie abgeschlossen, die erste Studie in Deutschland, die zeigen konnte, dass wir Depressionen tatsächlich verhindern können, wenn wir frühzeitig ansetzen mit einem internetbasierten Programm. Und klassische Methoden, die man da durchgeht, sind bewährte psychologische Methoden, die seit Jahrzehnten teilweise gemacht werden."

Wer das Gefühl hat, seine Stimmung rutscht gerade ab, der kann sich auf der Seite Get.on.de mit ein paar Klicks anmelden. Ein Kurs dauert mehrere Wochen und kostet je nachdem zwischen 70 und 300 Euro. Die Einführung erfolgt per Video.

Stimme: "Wie ist das Training aufgebaut? Das Online-Training besteht aus sechs Trainingseinheiten, die sie im Lauf von drei bis sechs Wochen bearbeiten."

Praktisch: "Get on" ist zeit- und ortsunabhängig verfügbar, kann also jederzeit abgerufen werden. Zuhause oder in der Mittagspause im Büro, morgens, mittags, abends. Gut so. Dabei sind die Inhalte nicht neu. Sie sind nur internetgerecht aufbereitet. Ein Psychologe erklärt im Video beispielsweise, wie der Betroffene seine Probleme strukturieren kann, wie er lösbare Probleme im Alltag erkennt, schrittweise in Angriff nimmt und löst. Letztendlich: Nicht mehr als eine Anleitung zur Selbsthilfe. Aber eine wirksame.

David Ebert: "Eine andere bewährte Methode im Bereich von Prävention der Depression nennt sich kognitive Umstrukturierung. Also, die Frage, wie ich mit meinen Gedanken anders umgehen kann, dass sie weniger belastend für mich sind und dass ich weniger depressive Gefühle tatsächlich entstehen."

Dinge machen, die Spaß machen

Am wichtigsten ist jedoch, selbst wieder aktiv zu werden. Bevor man abstützt in das tiefe Motivationsloch, in dem dann wirklich gar nichts mehr geht. Das Online-Training fordert deshalb die Teilnehmer immer wieder dazu auf, sich den Dingen zu widmen, die potentiell Freude und Spaß machen. Und man bekommt praktische Tipps, was man etwa gegen Schlafstörungen machen kann, wie man Grübelgedanken wieder verschwinden lässt und wie man richtig entspannt.

David Ebert: "Dann kann ich über eine Smartphone-App das abfragen, ob ich das tatsächlich mache, ob sich dadurch meine Stimmung verändert hat. Und wenn ich das nächste Mal wieder in die Intervention komme, berichte ich darüber, wie es mir geht."

Intervention heißt, dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer online auch von einem Psychologen begleitet wird. "eCoach" heißt das dann hier. Und der gibt ganz individuell Rückmeldung, ermuntert und motiviert. Damit das gelingt, müssen die Teilnehmer ein Tagebuch führen, das der Psychologe einsehen kann. Aber mehr als ermuntern und motivieren kann der Psychologe beim Online-Gesundheitstraining nicht, denn das ist keine Therapie.

David Ebert: "Dabei ist es weniger der Fokus, dass der Psychologe Therapie online macht, sondern es geht mehr darum, den Teilnehmer dabei zu unterstützen, die Methodenrichtig anzuwenden, und dranzubleiben und das wirklich in den Alltag zu integrieren. Denn auch in dem Bereich ist es genauso wie mit jedem Silvester-Vorsatz: Ich muss es anwenden im Alltag und ich muss es üben."

Anders denken, freudige Erlebnisse schaffen, Sozialkontakte pflegen, auf seine Gefühle achten, gut schlafen.

Dass "Get.on" hilft, das zeigt eine gerade veröffentlichte Studie mit 400 Teilnehmern. Von sechs Teilnehmern erlebt einer eine bedeutsame Verbesserung seiner Situation. Bei 17 Prozent der Teilnehmer kann so eine Depression verhindert werden.

Ideales Instrument zur Vorsorge

Auch volkswirtschaftlich sind solche Online-Programme hilfreich. Eine verhinderte Depression spart eine Menge Geld. Denn eine Behandlung ist langwierig und teuer. Eine Therapie-Sitzung kostet 80 Euro, und bis zu 40 Sitzungen sind nötig. Macht über 3.000 Euro.

Die Krankenkasse "Barmer" etwa bietet ihren Mitgliedern deshalb als eine der ersten Krankenkassen "Get on" schon jetzt an. Kostenlos. Ein erster Test war erfolgreich.

Andrea Jakob-Pannier: "Wir haben einen hohen Zuspruch bekommen und haben gesehen, dass das Angebot sehr gut wahrgenommen wird."

Für Andrea Jakob-Pannier von der "Barmer" sind solche Gesundheitstrainings ein ideales Instrument zur Vorsorge. Denn Menschen mit einer drohenden Depression sind oft schwer zu erreichen. Sie ziehen sich zurück, gehen gar nicht erst oder viel zu spät zum Arzt. Oft fürchten sie wegen ihrer psychischen Probleme stigmatisiert  zu werden oder sie  glauben, selbst mit allem fertig werden zu müssen. Alles falsch! Depressionen sind eine schwere Erkrankung. Sie lassen sich nicht mit Willenskraft oder Selbstdisziplin beheben. Die Menschen brauchen Hilfe: Je früher, umso besser. 

Andrea Jakob-Pannier: "Daher sind grade die Online-Trainings auch ein sehr guter niedrigschwelliger Zugang, und ist zudem auch orts- und zeitflexibel. Und natürlich auch anonym."

Und noch was: Beim Online-Training müssen die Patienten auch nicht monatelang auf einen Termin warten und erleben, wie ihre Situation sich verschlimmert. Deshalb also: Get on!

Mehr zum Thema:

Globalisierung psychischer Krankheiten - Wie die USA anderen Kulturen Therapien aufdrängen
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 26.02.2016)

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(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 09.02.2016)

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