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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.10.2016

Gesundheitsreform in den USAIst "Obamacare" eine Errungenschaft oder ein Desaster?

Von Jasper Barenberg und Katja Ridderbusch

Barack Obama beantwortet Fragen zu seinen Plänen in Sachen Gesundheitsreform (August 2009 in Washington).  (picture alliance / dpa / Axel Wong)
Die Gesundheitsreform - eines der wichtigsten Projekte von Barack Obama. (picture alliance / dpa / Axel Wong)

Die Gesundheitsreform, die unter dem Namen Obamacare bekannt ist, ist das wichtigste Projekt in der Amtszeit von Barack Obama. Mit der Reform sollte es zu Verbesserungen kommen - haben sich diese Erwartungen erfüllt? Eindrücke aus Notaufnahmen in den USA.

Frani Green hat beschlossen, sich keine Sorgen zu machen. Zumindest vorläufig. Nicht über ihre Gesundheit und nicht über ihre Krankenversicherung. Sie steht barfuß auf dem Holzfußboden in der Küche ihres kleinen Hauses in Atlanta und schaut ihrem Freund zu, wie er das Abendessen zubereitet, wie Zwiebeln, Lachs und Paprika langsam in der Pfanne schmoren.

"Ich lebe nicht in Angst. Ich kann nicht in Angst leben, obwohl ich mich fürchte, wohin unser Land treibt nach den Wahlen."

Besonders umstritten im aktuellen Wahlkampf ist die Gesundheitsreform, das Vorzeigeprojekt der Präsidentschaft von Barack Obama, von Freund und Feind "Obamacare" genannt.

Donald Trump: "Obamacare is a disaster. You know it, we all know it. We have to repeal it."

Für den Republikaner Donald Trump ist Obamacare ein Desaster; er will das Projekt rückgängig machen. Die Demokratin Hillary Clinton preist dagegen die Errungenschaften der Reform und will darauf aufbauen.

Clinton: "Right now, we are at ninety percent health insurance coverage. That is the highest we have ever been in our country."

Tatsächlich haben heute, knapp drei Jahre nach dem Inkrafttreten von Obamacare im Januar 2014, 90 Prozent der Amerikaner Versicherungsschutz – das sind 20 Millionen mehr Menschen als vor der Reform.

Eine Krankenversicherung wie ein Wunder

Eine von ihnen ist Frani Green, klein, braunhaarig, im schwarzen Tank Top.

Die 56-jährige Yogalehrerin und Mutter zweier erwachsener Töchter ist eine Obamacare-Versicherte der ersten Stunde.

"When I got on Obamacare it was like a miracle that I could afford it."

Es sei wie ein Wunder gewesen, eine Krankenversicherung zu bekommen, die bezahlbar war, sagt sie.

Zuvor hatte Green eine private Versicherung, Monatsbeitrag: knapp 400 Dollar. Dann wurde sie krank.

"Ich bekam die Diagnose: Gebärmutterkrebs. Ich war geschockt, denn bis dahin war ich vollkommen gesund. Jedenfalls empfahl mir mein Arzt, die Gebärmutter entfernen zu lassen."

Ihre alte Versicherung hätte zwar einen Teil der Kosten für die Operation getragen, aber Green hätte noch immer viele tausend Dollar zuzahlen müssen. Einer Studie der Harvard Universität zufolge sind Gesundheitskosten der Hauptgrund für Privatinsolvenz in den USA.

"Ich bin ausgeflippt. Ich war wütend. Ich habe geweint. Und dann habe ich mich entschieden, eine Obamacare-Versicherung zu beantragen."

Der "Patient Protection and Affordable Care Act", so der offizielle Name des Reformpakets, richtet sich an Amerikaner, die nicht über ihren Arbeitgeber versichert sind und sich keine private Krankenversicherung auf dem freien Markt leisten können. Sie haben die Möglichkeit, an staatlich regulierten Online-Börsen subventionierte Krankenversicherungen zu erwerben.

Frani Green qualifizierte sich und ist seit Januar 2014 unter Obamacare versichert. Ihre Operation verlief gut, der Krebs hatte nicht gestreut. Und die Rechnung war erschwinglich.

"Die Gesamtrechnung lag bei 111.000 Dollar - für alles zusammen, CT, Operation, Krankenhaus, Medikamente. Ich habe am Ende 1.100 Dollar zuzahlen müssen."

Doch die Euphorie hielt nicht lang. Knapp drei Jahre später ist Frani Green ernüchtert. Zwar ist der Krebs nicht zurückgekehrt, aber sie hatte im letzten Jahr eine leichte Gehirnblutung, die keine bleibenden Schäden hinterließ. Kurz darauf stellte ihr Arzt Nierensteine fest, die operativ entfernt wurden.

Prämie verdoppelte sich - und stieg weiter

Die Versicherung übernahm den Großteil der Kosten. Allerdings: Die Prämien für viele Obamacare-Policen sind seit 2014 rasant angestiegen, auch im Fall von Frani Green:

"The first year it was 32 dollars and something ...."

Im ersten Jahr kostete ihre Versicherung 32 Dollar im Monat, sagt Green. Im zweiten Jahr verdoppelte sich die Prämie auf 65 Dollar, aber das war noch immer preisgünstig. In diesem Jahr stieg die Prämie jedoch auf 328 Dollar und 55 Cent an - und liegt damit fast so hoch wie ihre alte Versicherung.

Und es kommt wohl noch schlimmer: Ihre Krankenversicherung wird zum Jahresende aus der Obamacare-Versicherungsbörse aussteigen.

"So I have to find a new insurance plan."

Alles auf Anfang für Frani Green. Sie muss sich nach nur drei Jahren eine neue Versicherung suchen.

Was Frani Green passiert ist, erleben derzeit viele Obamacare-Versicherte: Immer mehr Versicherungen steigen aus dem Programm aus, immer mehr Ärzte und Kliniken lehnen Patienten mit Obamacare-Policen ab. Das verringert den Wettbewerb und treibt die Preise in die Höhe.

Frani Green will deshalb bis zum Jahresende, so lange sie eben noch versichert ist, möglichst viele Arzttermine vereinbaren. Und dann?

"Ich weiß noch nicht. Ich muss schauen, was es gibt und was ich mir leisten kann. Ich werde viel Zeit am Telefon und im Internet verbringen. Aber ich werde etwas finden. Ich habe damals eine Versicherung gesucht, und jetzt werde ich halt wieder suchen."

Notaufnahme weniger chaotisch

Es ist kaum jemand da. Es ist ein Montagnachmittag in der Notaufnahme im University Medical Center Brackenridge in Austin, Texas. Geradezu verloren wirkt der einzige Patient in einem Warteraum, der leicht 50 Menschen Platz bieten könnte. Doktor Christopher Ziebell schmunzelt, ein Mann mit breiten Schultern und kurz rasiertem Schädel. Seine Schicht von neun Stunden hat der Direktor der Notaufnahme gerade hinter sich. Er hatte alle Hände voll zu tun. Aber ohne das Chaos, dass vor vier, fünf oder sechs Jahren hier noch an der Tagesordnung war.

Die Notaufnahme am University Medical Center (Deutschlandradio / Jasper Barenberg)Die Notaufnahme am University Medical Center (Deutschlandradio / Jasper Barenberg)

Christopher Ziebell: "Die ganze Mannschaft hat wirklich zusammengearbeitet, um das ganze System zu verändern. Wir rennen nicht kopflos herum, um herauszufinden, was als nächstes zu tun ist. Alles ist inzwischen sehr gut organisiert. Der Patient kommt rein, bekommt, was er braucht und geht wieder."

Der leere Warteraum und die Ruhe in den Gängen mit den Behandlungszimmern können schnell darüber hinwegtäuschen, dass hier an jedem Tag im Schnitt 200 Patienten versorgt werden. Sie kommen aus der Millionenstadt Austin, aber auch aus dem Umland. Sie bestimmen den Rhythmus, nach dem Christopher Ziebell die 38 Ärztinnen und Ärzte und 180 Krankenschwestern und Pfleger in Schichten einteilt.

"Heute war ein typischer Tag: Ich habe jemand wegen einer Vergiftung behandelt, jemanden mit einer Überdosis Drogen und jemanden mit einem Anfall. Ein Patient hatte Asthma, eine Patientin eine Fehlgeburt. Anderen musste ich neue Medikamente verschreiben. Die ganze Palette eben."

Gesundheitsversorgung auf breiterer Grundlage

Bis zu drei Stunden mussten Patienten noch vor wenigen Jahren warten, bis sie überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekamen. Heute sind es im Schnitt 20 Minuten. Früher haben Patienten oft Tage in der Notaufnahme verbringen müssen. Weil keine andere Station Platz hatte. Heute verbringen die meisten nur zwei bis drei Stunden im Emergency Room. Dafür hat Doktor Ziebell viel an den Abläufen geändert. Für den Arzt ist es aber auch ein Erfolg von Obamacare. Zum Beispiel bei der Behandlung von Patienten mit psychischen Problemen.

Ziebell: "Noch vor drei oder vier Jahren mussten Menschen mit einer schweren Krise hier drei bis fünf Tage warten, bis für sie ein Bett in einem anderen Krankenhaus frei wurde. Wir haben sie hier ruhig gestellt und bewacht. Heute habe ich viele andere Möglichkeiten. Wir haben mobile Teams, die diese Patienten in ihrer gewohnten Umgebung jeden Tag betreuen. Ich kann sie stabilisieren und dann entlassen. Sie müssen gar nicht in ein Krankenhaus. Und ganz bestimmt nicht für drei bis fünf Tage in eine Notaufnahme!"

Dazu habe Obamacare gerade in seinen Verästelungen beigetragen. Indem die Regierung  in Washington neue Behandlungsmöglichkeiten vor Ort angeschoben und finanziell unterstützt habe. Für den Direktor der Notaufnahme im University Medical Center Brackenridge in Austin liegt darin der bedeutende Fortschritt von Obamas Gesundheitsreform. Sie habe die gesamte Gesundheitsversorgung auf eine neue, breitere Grundlage gestellt. Das vollständig rückgängig zu machen, wie es Donald Trump für den Fall seines Wahlsieges angekündigt hat, hält Christopher Ziebell für unmöglich. Vor allem aber wäre es fatal.

"Es ist nicht so leicht, wie es manche in ihren Wahlkampfreden behaupten, den Bürgern das wieder wegzunehmen und zu glauben, eine politische Zukunft zu haben. Ich hoffe, sie machen es nicht. Ich wäre am Boden zerstört, würden die Menschen nicht die Gesundheitsversorgung bekommen, für die wir so hart gearbeitet haben!"

Dr. Christopher Ziebell, Direktor der Notaufnahme. (Deutschlandradio / Jasper Barenberg)Dr. Christopher Ziebell, Direktor der Notaufnahme. (Deutschlandradio / Jasper Barenberg)

In einem anderen Punkt allerdings hat Obamacare die Erwartungen nicht erfüllt.  Zwar sind inzwischen 20 Millionen Amerikaner versichert, die es vorher nicht waren. Sie alle könnten sich jetzt einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt geben lassen. Doch viele kommen nach wie vor in die Notaufnahme. Manche aus Gewohnheit. Weil der Emergency Room immer das letzte Sicherheitsnetz für alle war, die sich keine Versicherung leisten konnten oder wollten. Andere kommen vorbei, weil sie auf einen Termin in einer Arztpraxis oft Monate warten müssen. Gerade weil die Zahl der Versicherten erheblich gestiegen ist. Schließlich wird es auch weiterhin diejenigen geben, die keinen Versicherungsschutz haben. Obdachlose zum Beispiel. Oder Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis.

Dr. Ziebell in Austin will auch in Zukunft weiter für die sorgen, die sich anderswo nicht willkommen fühlen.

"We often become the place where people feel welcome when they don’t feel welcome anywhere else."

Schränkt Obamacare die Freiheit ein?

Willkommen fühlen. Nicht nur in der Notaufnahme, sondern auch beim Hausarzt. So sollte es eigentlich sein, doch die Hausarztpraxen in den USA sind hoffnungslos überfüllt.  Es gibt immer mehr, vor allem ältere, Patienten – und immer weniger Allgemeinmediziner, die sie behandeln können.   

Dr. Alex Rikhter ist einer von ihnen.

"I see every day between 30 to 35 patients. I assume I have 5000 patients in total."

Rikhter ist Hausarzt in Atlanta und hat jeden Tag 30 bis 35 Patienten, 5.000 insgesamt. Allerdings: Obamacare-Patienten sind nicht dabei. So wie viele Ärzte und Krankenhäuser in den USA, so akzeptiert auch Rikhters Praxis keine Obamacare-Versicherungen.

Das sei keine persönliche Entscheidung, sagt der Arzt – ein kompakter Mann mit dunklem Bart und warmen Augen, der vor fast 30 Jahren aus der heutigen Ukraine in die USA auswanderte. Sondern die Politik des Klinikkonzerns, für den er arbeitet. Doch auch er selbst war von Anfang an skeptisch gegenüber der Gesundheitsreform.

"Vor allem, weil Obamacare die Freiheit einschränkt, die Freiheit, einen Arzt, ein Krankenhaus und damit auch eine Behandlungsmethode zu wählen. Das halte ich für nicht akzeptabel."

Da war zum Beispiel ein Unternehmerpaar in Atlanta, erzählt Rikhter, beide langjährige Patienten. Als das Geschäft schlechter lief, konnten sie sich irgendwann keine Versicherung auf dem freien Markt mehr leisten. Sie kauften eine subventionierte Obamacare-Police und waren anschließend gezwungen, ihre Ärzte zu wechseln, auch den Hausarzt.

Außerdem seien auch andere Versicherungen infolge von Obamacare teurer geworden, sagt Rikther.

"Viele meiner Patienten müssen jetzt bei jedem Praxisbesuch mehr Geld aus der eigenen Tasche dazuzahlen. Und wegen der gestiegenen Kosten schieben sie ihre Arztbesuche oft mehrere Monate auf, so lange wie es eben geht."

Der Arzt räumt jedoch ein: Besser weniger Wahlfreiheit als gar keine Krankenversicherung.

Im übrigen sorge Obamacare dafür, dass Menschen mit Vorerkrankungen jetzt nicht mehr, so wie zuvor, von Versicherungen abgelehnt werden dürfen. Dass Kinder bis 26 Jahre unter der Police ihrer Eltern versichert bleiben können. Dass es keine Obergrenze mehr für die Versicherungsleistungen gibt.

Und vor allem: Ein jährlicher Gesundheits-Checkup beim Hausarzt muss seit Obamas Reform komplett erstattet werden - und zwar von allen Versicherungen. Dr. Rikhter:

"Ich habe jetzt auch mehr Patienten zwischen 18 und 35, die einmal im Jahr aus genau diesem Grund in meine Praxis kommen: für eine allgemeine Untersuchung. Das ist ein positiver Aspekt von Obamacare."

Obamacare bracht junge, gesunde Einzahler

Junge, gesunde, möglichst gut verdienende Menschen, die in das Versicherungssystem einzahlen: Das ist die Bevölkerungsgruppe, die Obamacare benötigt, um langfristig zu funktionieren. Allerdings: Auch wenn sich die Zahl der neuversicherten sogenannten Millennials erhöht hat – es sind noch lange nicht so viele wie ursprünglich erhofft.

Sei es die Skepsis einiger Bürger oder der Widerstand der Ärzte, Krankenhäuser und Versicherungen: Obamacare hat es nach wie vor schwer, in den USA Fuß zu fassen. Weil die Gesundheitsreform den Amerikanern aufgedrückt worden sei und eigentlich nicht recht zu dem Land passe, zum Geist der freien Marktwirtschaft, meint Rikhter.

"It's a free spirited country and the whole healthcare reform was pushed down the throat of the country."

Er würde ein System bevorzugen, in dem jeder Bürger eine steuerfinanzierte Basisversicherung hat und darüber hinaus,  je nach persönlichen Prioritäten und finanziellen Möglichkeiten, selbst entscheidet, wie er sich versichert.   

Allerdings, und trotz aller Kritik: Wie sein Kollege Christopher Ziebell, der Notfallmediziner aus Austin, so hält auch Alex Rikhter es für unrealistisch, dass Obamacare vollständig abgeschafft wird.

"Man kann das nicht mehr rückgängig machen. Es wird vielleicht verändert, hoffentlich in einer positiven Weise. Und es gibt ja auch einige gute Errungenschaften, die erhalten bleiben sollten. Jedenfalls ist die Debatte über die komplette Abschaffung von Obamacare meiner Meinung nach einfach nicht ernst zu nehmen."

Eine Einschätzung, die Frani Green, Obamacare-Patientin der ersten Stunde, ganz sicher beruhigen dürfte.

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