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Interview | Beitrag vom 29.05.2019

Gesundheitsökonom über Homöopathie"Placeboeffekt auch in der Schulmedizin"

Jürgen Wasem im Gespräch mit Dieter Kassel

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Auf einer Fingerspitze liegen drei weiße Kügelchen, im Hintergrund liegen weitere Kügelchen auf einer Holzplatte, in der linken Ecke ist eine kleine Arzneiflasche zu sehen (imago/Photocase)
Satte Gewinne mit Zuckerkügelchen: Viele Kranke greifen zu sogenannten Globuli und bescheren den Herstellern Millionenprofite. (imago/Photocase)

Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Dennoch übernehmen Krankenkassen teilweise die Kosten. Warum das so ist, erklärt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.

Heute beginnt in Stralsund der Deutsche Ärztekongress für Homöopathie. Die berühmten Kügelchen, die Globuli, sind ein Erfolg: Viele Patienten schwören darauf; der Umsatz der Branche lag 2018 bei 670 Millionen Euro. In wissenschaftlichen Studien wurde die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel aber bisher nicht nachgewiesen.

Dass die Politik den Krankenkassen trotzdem vor einigen Jahren erlaubte, zum Teil die Kosten zu erstatten, beurteilt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem so: "Das ist ethisch in der Tat ein Spannungsverhältnis." Denn für Brillen oder Zahnersatz zahlen die Kassen fast nichts mehr.

Keine Beweise für Wirksamkeit von Globuli

"Wir haben mit guten Gründen uns einerseits für das Prinzip der sogenannten evidenzbasierten Medizin entschieden", sagt Wasem im Gesprächt mit Deutschlandfunk Kultur. "Das heißt: Wir machen das, für das es gute, doppelblinde Studien gibt, die zeigen, dass es wirkt. Andererseits haben wir aber natürlich auch das Thema Präferenzen, Wünsche der Patienten."

Dem seien Politik und Krankenkassen nachgekommen. Die Kassen selbst, die "scharf unter einem Wettbewerb über Beitragssätze" stünden, würden sogar Geld sparen. Denn Schulmedizin sei oft teurer als Homöopathie. Wasem verweist aber noch auf einen anderen Aspekt: 

"Wir haben in der Schulmedizin auch einen relativ hohen Placeboeffekt. Das wissen wir. Wenn Sie eine doppelblinde Studie machen, wo Sie ein wirksames Arzneimittel gegen Placebo testen, also wo kein Wirkstoff drin ist, dann sind teilweise auch in der Placebogruppe beachtliche Heilungserfolge. Das heißt, dass homöopathische Arzneimittel auch ohne Wirksamkeitsnachweis aus Studien durchaus bei den einzelnen Patienten positive Effekte haben mögen. Das allein ist schon wegen des Placeboeffekts zu erwarten."

(bth)

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