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Zeitfragen | Beitrag vom 16.09.2019

Gesundheitsfachkräfte an SchulenViel mehr als Erste Hilfe bei verletzten Knien

Von Ludger Fittkau

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Kinder beim Erlernen von Erste-Hilfe-Maßnamen in der "Schulsanitäter-AG" an der Ernst-Reuter Schule in Frankfurt in Hessen (Deutschlandradio / Ludger Fittkau )
In der "Schulsanitäter-AG" an der Ernst-Reuter Schule in Frankfurt in Hessen lernen die Kinder Erste-Hilfe-Maßnahmen. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau )

Gesundheitsberatung an Schulen – das wird gerade in Hessen getestet. Es geht um die Versorgung bei Verletzungen, aber auch um Bewegung, Ernährung und Krankheiten wie Diabetes. Eine Krankenschwester und Schüler erzählen, was das bringen kann – und könnte.

"Erstmal ein Knie hoch, dann müssen wir ihn halt umdrehen und aufpassen, dass halt eine Hand am Kinn ist. Denn, wenn er kotzen muss – oder halt erbrechen –, dass er das nicht verschluckt."

Stabile Seitenlage. Die zeigen gekonnt Karl, Melik, Akasia und Tim auf einer Bodenmatte. Die Elf- und Zwölfjährigen aus der Klasse 6 A der Frankfurter Ernst-Reuter Schule haben sich ein Schuljahr lang regelmäßig in der kleinen Krankenstation des weitläufigen Schulgeländes zur "Sanitäter-AG" getroffen. Die Gruppe zeigt sich zufrieden mit dem, was sie bisher gelernt hat.

"Ich finde, die AG lohnt sich, weil – stell Dir mal die Familie vor, ich bin mit meinem Bruder zuhause –, dass man dann weiß, was man macht. Und nicht irgendwas macht."

"Das lohnt sich wirklich. Weil ich ja Tierärztin werden will. Falls ich ein Tier untersuchen muss und die Besitzerin dann umfällt, damit ich auch weiß, was ich bei der Besitzerin machen kann."

Sagt die zwölfjährige Akasia lachend. Die nötigen Griffe für die "Erste Hilfe" hat die Schülergruppe von Karen Kreutz-Dombrofski gelernt. Die 53 Jahre alte Kinderkrankenschwester ist Teil eines Modellprojektes in Hessen. An verschiedenen Schulen des Landes sind Fachkräfte aus der Krankenpflege in den Schulalltag integriert worden.

Häufige Krankheiten im Schulalltag

Von der "Ersten Hilfe" bei Verletzungen auf dem Schulhof über Tipps zum richtigen Essen und Trinken in der Schule bis zur Teilnahme am Biologieunterricht reicht das Aufgabenspektrum, dass die hessischen "Schulgesundheitsberater" abdecken. 

"Vorher habe ich lange in Kinderklinken gearbeitet und auch mal in einer Arztpraxis. Und dann habe ich von diesem Modellprojekt gehört und dachte, es ist einfach mal eine besondere Aufgabe, als Kinderkrankenschwester mal Schüler und Schülerinnen in dem Lebensraum zu betreuen, in dem sie hauptsächlich ihre Zeit verbringen", sagt Karen Kreutz-Dombrofski. Und das fand ich eine besondere Herausforderung, mal in diesen Bereich zu gehen."

Am Tisch, um den sich heute die "Schulsanitäter-AG" bei Tee und Mineralwasser versammelt hat, steht eine ganze Reihe von Kinderbüchern. Sie informieren über Krankheiten oder Behinderungen, die auch im Schulalltag häufiger vorkommen. Etwa Epilepsie oder Diabetes, bei der sich Tim schon gut auskennt.

"Ja, Diabetes ist eine Krankheit, die man von Geburt an hat. Es gibt aber auch eine andere Form von Diabetes, die ältere Personen haben. Und die müssen dann immer eine Spritze nehmen, weil irgendwas im Bauch, was Insulin spritzt, nicht mehr funktioniert. Und da muss man das halt mit einer Spritze nehmen."

Diabetes wird zunehmend ein Thema

Karen Kreutz-Dombrofski ergänzt, dass Diabetes auch in ihrer integrierten Gesamtschule mit 1260 Schülerinnen und Schülern zunehmend ein Thema wird.

"Wir haben hier an der Schule auch Schülerinnen und Schüler, die diesen Typ 1-Diabetes haben. Also sind auch Klassenkameradinnen und Kameraden damit konfrontiert. Als Schulgesundheitsfachkraft geht man dann auch in eine Klasse und redet darüber. Das die zum Beispiel wissen, was sind die Zeichen, wenn unsere Mitschülerin oder unser Mitschüler eine Unterzuckerung bekommt. Wie können wir da reagieren und helfen, weil das ja schon ein Miteinander sein soll. Und einfach so die Sensibilität dafür ein bisschen wecken. Insofern gibt es so kleine Unterrichtseinheiten – auch mal zusammen mit den Biologielehrern im Unterricht."

Während des Gesprächs in der Gruppe klopft es immer wieder an der Tür zur kleinen Gesundheitsstation der Schule. Lehrer bringen Schüler, die sich beim Spielen auf dem Schulhof verletzt haben. Karen Kreutz-Dombrofski verarztet die Hilfesuchenden auf einer Liege in der Raumecke. Auch Akasia aus der Sanitäts-AG hat hier schon "Erste Hilfe" bekommen.

"An einem Tag, da ging es mir wirklich gar nicht gut. Ich konnte nix mehr sehen. Ich hatte wirklich Fieber und so. Und sie hat mir halt wirklich geholfen, dann habe ich halt mein Problem erklärt. Dann ging es mir nach zehn Tagen im Bett besser."

Erste-Hilfe-Wissen für Lehrer und Schüler

Nachdem sie einen Schüler mit einem verletzten Knie verarztet hat, wendet sich Karen Kreutz-Dombrofski wieder der Gruppe zu. Die denkt gleich nebenan am Tisch darüber nach, was Lehrer eigentlich über Erste Hilfe wissen – oder auch nicht.

"Die Sportlehrer wissen es eher. Weil da können ja sehr viele Kinder umkippen oder Bauchschmerzen haben oder so."

Dabei geht es auch um die richtige Ernährung, die wichtig ist, um beim Schulsport oder im Klassenraum fit zu sein. Doch Gesundheitsberaterin Karen Kreutz-Dombrofski stellt fest, dass das bei den Schülern nicht immer klappt.

"Weil es Schülerinnen und Schüler gibt, die in meinen Raum kommen und haben Bauchschmerzen und haben bis mittags noch so gut wie nichts getrunken oder gegessen. Insofern ist das immer wieder auch Thema."

Die Mitglieder der Schulsanitäts-AG nicken. Tim gibt zu, dass auch er bisweilen das Trinken vergisst.

"Ja, eigentlich sehr oft, dass man das vergisst. Und wenn man halt manchmal nichts mehr hat, dann ist man auch zu faul, um es aufzufüllen."

"Eigentlich vergesse ist das nicht. Zum Beispiel zu Hause stelle ich mir jede halbe Stunde einen Wecker, und dann trinke ich halt."

Sagt Akasia. Das mit dem Wecker geht aber in der Schulstunde eben nicht.

Luft nach oben beim Schulsport

Ein anderes wichtiges Thema der Gesundheitsberatung an der Schule: die Bewegung. Die Schülerinnen und Schüler der Sanitäts-AG sind der Meinung, dass sie genug Sport treiben.

"In zweieinhalb Wochen haben wir so einen Sponsorenlauf. Da rennen wir 20 Minuten so eine Riesenrunde – 450 Meter. Dann gehen wir einmal durch die Schule und sammeln Geld für die Skifreizeit, weil wir in der 7. Klasse – ich glaube, dass ist in Österreich –, da gehen wir Skifahren."

"Wir gehen halt raus – unser Rekord war mal 10 Kilometer. Wir gehen halt viel an die frische Luft, machen auch zuhause viel Sport, und wir tanzen viel."

"Jeden Tag habe ich auch Box-Training. Dann laufen wir oder gehen ein bisschen Seil springen."

Gesundheitsberaterin Karen Kreutz-Dombrofski sieht trotz allem beim Sport an der Schule noch Luft nach oben.

"Der Vorteil hier an der Ernst-Reuter-Schule ist – finde ich –, dass es ein großes Außengelände gibt: mit einer Kletterwand, mit Fußballplätzen, mit Basketball. Also es gibt viele Möglichkeiten, sich zu bewegen. Lehrer bieten auch teilweise nach der Schule noch sowas an wie `bewegte Mittagspause´. Also ich finde, die Angebote sind sehr gut und werden auch reichlich genutzt.

Was halt immer noch manchmal das Problem ist, dass die Kapazitäten in den Turnhallen nicht ausreichen. Das viele Lehrer sagen: Es wäre ja im Grunde optimal, wenn es jeden Tag eine feste Sportstunde gäbe. Aber das ist, glaube ich, eher ein bisschen Wunschdenken. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die Schüler zweimal die Woche zum Sport kommen."

Pause. Die relative Ruhe im Beratungszimmer von Karen Kreutz-Dombrofski ist vorbei. Jetzt geht die Tür im Minutentakt auf. Die Sanitäts-AG löst sich auf, die Schülerinnen und Schüler gehen zurück in ihre Klassen auf dem weitläufigen Schulgelände. Die Gesundheitsberaterin hofft, bald ihre erste Schulsanitäts-AG ganz offiziell zum Abschluss bringen zu können.

"Die müssen dann am Ende auch eine Prüfung machen."

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