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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 03.04.2014

GesundheitBesserung durch Messung

Digitale Pollenanalyse - Mobiles Gerät hilft Heuschnupfen-Geplagten

Von Susanne Nessler

Ein Patient putzt sich in Berlin mit einem Taschentuch die Nase (AP)
Ein Patient putzt sich in Berlin mit einem Taschentuch die Nase (AP)

Ein Streifen, der auf seiner Klebefläche die Partikel festhält und so dokumentiert und zählt, wie viele Pollen gerade unterwegs sind - das ist der digitale Pollenauswerter.

"Ja, Gerät haben wir hier, sieht aus wie zwei Nasentropfen-Packungen aufeinander gestapelt, um beim Thema zu bleiben", sagt der Ingenieur Torsten Sehlinger. Er hat den ersten digitalen Pollensammler gebaut.

"Wiegt nicht mehr als ein heutiges Smartphone, wir sind bei 80, 90 Gramm."

Der aktuelle Prototyp steckt noch in einem weißen Plastikgehäuse. Demnächst soll aber eine schicke Aluminiumschicht drum. Es gibt einen Knopf um das Gerät ein oder auszuschalten und einen Mechanismus, um die kleine, innen liegende Kassette zu wechseln, in der die Pollen gesammelt werden.  

"Wir empfehlen es am Rucksack oder an der Handtasche zu tragen und das zeichnet die persönliche Pollenbelastung auf. Das heißt, Luft wird eingesaugt auf einen klebrigen Streifen geleitet, dieser klebrige Streifen ist in einer Kassette. Diese Kassette wird täglich oder zweitäglich gewechselt.

Wir analysieren das und sie kriegen eine Woche später das Ergebnis, welcher Belastung sie zu welchem Zeitpunkt ausgesetzt waren."

Der digitale Pollensammler kommt von der Berliner Charité

Klingt simpel und hat doch über zwei Jahre Entwicklungszeit gebraucht. Denn die Umgebungsluft  auf einen gerade mal einen Zentimeter breiten Streifen zu leiten, um die Pollen zu fangen, ist nicht ganz leicht gewesen. Nach zahlreichen Tests im Pollenlabor der Berliner Charité hatten die Ingenieure die Lösung. So dass nun die erste Studie mit dem mobilen Pollensammler stattfinden kann. Das freut vor allem den Lungen- und Asthmaspezialisten Professor Karl-Christian Bergmann vom Allergiezentrum der Berliner Charité. Denn erst auf seine Anregung hin, wurde das Gerät überhaupt gebaut.

"Damit kann ich erstmalig messen, welche Pollen hat der Patient bekommen. Und weil GPS drin ist, wissen wir auch noch, ob er draußen oder drinnen war.

Der Patient führt gleichzeitig ein sogenanntes elektronisches Pollentagebuch, das wir jetzt auch in einer Pollen App integriert haben. Das heißt, in dieses Tagebuch gibt er ein, welche Beschwerden hat er an Nase und Bronchien  und er gibt auch ein, welche Medikamente er hatte."

Das Gerät misst neben der Pollenkonzentration und dem Standort des Nutzers auch noch Temperatur, Luftdruck, Ozonwerte und UV Strahlung. 

Im Vergleich zum bislang verwendete Verfahren mit den über Deutschland verteilten Pollenfallen, die in ca. 20 Meter Höhe auf Dächern stehen, ein unglaublicher Zugewinn an Information. Das könnte durchaus zu neuen Erkenntnissen führen, sagt Karl-Christian Bergmann.

"Ja, wir wollen ja unter Umständen auch rauskriegen, ob das vielleicht andere Pollen sind, an die wir noch nicht gedacht haben, das kriegen wir nur so raus. Da haben wir die Birkenpollenzeit, in der gleichen Zeit blühen auch Eschen, mit einer Woche Verzögerung kommt die auch. Und bis jetzt haben wir gar nicht richtig gewusst, dass die auch Symptome machen. Da wird gegen die Birke eine Immuntherapie gemacht und es ist aber Esche. Und die haben nichts miteinander zu tun die Bäume, also da gibt es auch keine Kreuzreaktion, so dass man dann einen Patienten umsonst therapiert."

Zwischen 16 bis 18 Millionen Pollenallergiker gibt es bundesweit. Darunter auch viele Kinder. Eine genaue Pollenanalyse zusammen mit einem gut dokumentierten digitalen Pollentagebuch, könnte hier auch die herkömmlichen Allergietests ersetzen. Darunter der sogenannten Pric-Test, beim dem Allergene in die Haut – meist auf den Unterarm – gekratzt werden, um zu testen gegen welche Pollen eine Person reagiert.

Kassetten mit den Pollenproben müssen ins Labor

Auch die Belastung in Räumen wie Schulen und Kindergärten ließe sich, so der Erfinder, mit dem digitalen Pollensammler schnell ermitteln. Zumal der Klebestreifen in der Kassette neben Pollen auch Pilzsporen erfasst, die ebenfalls zu Allergien führen können.

Torsten Sehlinger: "Zu wissen wie sieht es denn in den Kindergärten aus, wie sieht es denn in den Schulen, also nicht nur ganz persönlich sondern auch in Gruppen zu denken.  Wann soll gelüftet werden? Wie ist  die Pollenbelastung im Raum? Die Pollenbelastung im Raum akkumuliert sich im Raum, wenn nicht oft genug die Tische und die Böden gewischt werden. Da können wir einfach Informationen sammeln und Empfehlungen rausgeben."

Damit das noch einfacher wird, soll im nächsten Schritt das Analyse-Verfahren vereinfacht werden. Denn noch müssen die Kassetten mit den Pollen ins Labor – und das dauert. Die Wissenschaftler diskutieren jetzt darüber, einen Scanner in das Gerät einzubauen, der zumindest eine erste optische Analyse der Pollen erstellen könnte. Das ist derzeit noch eine Kostenfrage.

Immer genauere Daten über die Belastung in Verbindung mit den persönlichen Beschwerden, bedeutet für die Betroffene eine detaillierte Voraussage und damit auch bessere Therapiemöglichkeiten und weniger Symptome. Gleichzeitig entsteht so dann eine äußerst detaillierte Pollenlandkarte.

"Es wird Straßenzüge geben wo die Belastung sehr hoch ist und Straßenzüge, die nah dran sind, wo keine Belastung ist. Wenn ich mir Abends die Belastungsvorhersage anschauen, kann ich vorhersagen, also morgen an meinem Arbeitsplatz, wenn ich da hinfahre, werde ich wahrscheinlich ein hohe Pollen-Belastung haben. Also morgens nach dem Frühstück nehme ich ein Antihistamin, weil morgen werde ich einer starken Belastung ausgesetzt sein und auch reagieren."

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