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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.10.2013

Gesucht wird der deutsche Tango

Unesco-Symposium zum immateriellen Kulturerbe in Berlin

Von Jürgen König

Ein deutscher Maibaum (picture alliance / dpa / Hermann Josef Wöstmann)
Ein deutscher Maibaum (picture alliance / dpa / Hermann Josef Wöstmann)

Die Argentinier haben es mit ihrem Tango auf die Unesco-Liste des immateriellen Welterbes geschafft. Für die Deutschen gibt es dort noch keinen Eintrag. Sie tun sich offenbar schwer mit ihrem volkskulturellen Erbe. Orgelbau, Maibaum, Reinheitsgebot? Ein Symposium in Berlin sammelte Vorschläge.

155 Länder haben die jetzt zehn Jahre alte Unesco-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes bereits ratifiziert, Deutschland auch: allerdings erst im Sommer dieses Jahres. Während etwa die Franzosen sich schon vor Jahren mit ihrer Koch- und Speisekultur um die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Welterbes bewarben – und 2010 damit Erfolg hatten - , tun die Deutschen sich offenkundig bis heute schwer damit, neben hochkulturellen Baudenkmälern oder anmutig-erhabenen Naturschönheiten auch traditionelle Handwerkstechniken, Volksbräuche , Vorstellungen zum Umgang mit der Natur, mündlich überlieferte Traditionen, gesellschaftliche Festrituale in besonderer Weise wertzuschätzen.

Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission: "Die Brüche der deutschen Kulturgeschichte haben bis heute einen starken Nachhall. Die Kolonialzeit, der Nationalsozialismus, der Holocaust, die deutsche Teilung. Dies kann und sollte weder relativiert noch verdrängt werden. Denn Begriffe wie 'Volkskultur' oder 'Folklore' wurden im Nationalsozialismus und teilweise auch in der DDR instrumentalisiert. Bei vielen Deutschen löst der Gedanke daran immer noch Unbehagen aus. Deshalb müssen diese Bräuche in der deutschen Kulturgeschichte auch in die Diskussion einbezogen werden."

In den ersten zehn Jahren der Konvention wurden 298 Kulturgüter aus der ganzen Welt von der Unesco zum "immateriellen Kulturerbe" erklärt - vom argentinischen Tango bis zur chinesischen Akupunktur. Könnte aus Deutschland das Reinheitsgebot des Bieres als erstes Lebensmittelgesetz der Welt hinzukommen? Der Maibaum, die jahrhundertealte Kultur der Volksfeste? Die Kultur der Gesangsvereine? Die traditionelle Wanderschaft der Handwerksgesellen? Mit der Umsetzung der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, so Christoph Wulf, habe Deutschland die Chance, sich seine kulturelle Vergangenheit bewusst zu machen, mit ihr sich auseinanderzusetzen. Aus den Vorschlägen, die die Bundesländer jetzt sammeln, werde eine Liste entstehen, die die "Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland" sichtbar machen soll.

"Und es geht eben bei dieser Herstellung des Verzeichnisses um diesen Prozess, der in Deutschland entsteht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit der Kulturgeschichte, mit den Brüchen, mit den großen Leistungen, mit den dunklen Flecken. Und diesen Prozess noch mal neu zu initiieren, das ist ein wesentliches Ergebnis, so hoffen wir, der Erstellung dieses Verzeichnisses."

Mut machen, sich zu alten Traditionen zu bekennen

Von Expertengremien und Kommissionen des Bundes und der Länder geprüft, sollen einige der Vorschläge dann als offizielle Bewerbungsliste bei der Unesco in Paris eingereicht werden.

"Das ist aber kein Wettbewerb um die schönsten Traditionen. Es geht auch nicht darum, Bräuche museal zu konservieren. Es geht um Wertschätzung und Respekt. Die Aufmerksamkeit soll dazu führen, dass gelebte Traditionen erhalten, fortgeführt und dynamisch weiterentwickelt werden. Wir suchen das Wissen, dass unsere Gesellschaft auch im kulturellen Bereich zukunftsfähig macht. Und dieses gilt es zu erhalten, zu verändern und zu schützen."

Das Symposium will ausdrücklich Mut machen, sich zum eigenen immateriellen Kulturerbe zu bekennen. Geladen sind Kulturpolitiker, Wissenschaftler, Vertreter von Tanz- und Musikverbänden, Heimatforscher, Handwerker – zum Beispiel der Orgelbauer Philipp C.A.Klais, der die 1882 gegründete Orgelbauwerkstatt seines Urgroßvaters in vierten Generation leitet und zum Weltmarktführer machte - auch durch das Festhalten an jahrhundertealten Traditionen und Techniken.

"Das Holz, das wir verwenden, versuchen wir mit Forstbetrieben das zu motivieren, dass es immer nur bei abnehmendem Mond geschlagen wird. Soweit wie das möglich ist. Wir wissen aus Erfahrung, aus Restaurierungen, dass Orgelbauer, die diese Traditionen einfach eingehalten haben, deutlich weniger Probleme mit Schädlingsbefall haben - und können das über Jahrhunderte nachvollziehen. Und von daher ist das für uns auch eine wichtige Tradition. Es gibt eine ganz, ganz große Fülle, einen großen Reichtum von solchen Traditionen, die im Musikinstrumentenbau und insbesondere im Orgelbau Anwendung finden und diese Mondphasen sind sicherlich nur ein ganz kleines Beispiel davon."

So könnte auch die deutsche Orgelbau-Tradition, in ihrer Art einzigartig in der Welt, Teil des "immateriellen Kulturerbes" der Unesco werden. Dass mancher in Deutschland – liegt das "Verzeichnis" erstmal vor - zu neuem Nachdenken über unser kulturgeschichtliches Erbe kommt, ist anzunehmen, ebenso dass mancher, der bisher dem Volkskulturellen eher skeptisch gegenüberstand, das Demokratische daran entdeckt. Dass uns eine zweite Vergangenheitsbewältigungsdebatte bevorsteht, darf aber getrost bezweifelt werden.

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