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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.06.2011

Gespür für das Leben

Henry Roth: "Ein Amerikaner", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011, 383 Seiten

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Der Roman lädt dazu ein, den hierzulande weit unter Wert gehandelten Autor neu zu entdecken. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Der Roman lädt dazu ein, den hierzulande weit unter Wert gehandelten Autor neu zu entdecken. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Ein zweifelnder Künstler und seine Liebesgeschichten: Darum geht es in dem posthum erschienenen und nun auch auf Deutsch vorliegenden Nachlassroman "Ein Amerikaner" des 1995 verstorbenen US-Autors Henry Roth.

Da veröffentlicht ein knapp 30-jähriger Autor seinen Debütroman, der zwar kein durchschlagender Erfolg wird, ihm aber immerhin den Weg als Schriftsteller zu ebnen scheint. Die Rede ist von Henry Roth und seinem Erstling "Nenn es Schlaf" (1934), der mittlerweile als Klassiker der amerikanischen Literatur gilt. Von jenem Roth, der danach von einer Schreibblockade heimgesucht wurde, die bis Ende der 70er-Jahre anhielt. Erst kurz vor seinem Tod im Jahre 1995 trat er wieder markant als Autor hervor, mit den ersten beiden Bänden seiner Tetralogie "Mercy of a Rude Stream". 2010 folgte postum der nun auf Deutsch vorliegende Roman "Ein Amerikaner", dessen Druckfassung der Lektor Willing Davidson aus einem Konvolut von knapp 2000 Manuskriptseiten aus dem Nachlass erstellte.

"Ein Amerikaner" ist – wie alle Roth-Bücher – eng an die Biografie des Autors geknüpft und schließt ans Ende des "Stream"-Epos an. Roths Alter Ego Ira Stigman zog damals zu seiner Freundin Edith, einer Dichterin, die ihn finanziell unterstützte. "Ein Amerikaner" setzt ein gutes Jahrzehnt später ein und erzählt vom Zerbrechen dieser ungleichen Beziehung in den Jahren 1938 und 1939. Bei einem Aufenthalt in der Künstlerkolonie Yaddo lernt Ira die Pianistin "M" kennen, hinter der sich Roths zweite Ehefrau Muriel Parker verbirgt. Die 1939 geschlossene Ehe hielt bis zu Muriels Tod 1990.

So ist "Ein Amerikaner" einerseits ein Liebesroman und andererseits der Bericht eines zweifelnden Künstlers, eines "verhinderten Schriftstellers", den die Furcht beschleicht, seine Kreativität zu verlieren. Um sich von der übermächtigen Edith freizumachen, ergreift Ira, ein "Bündel aus Angst und Verzweiflung", kurzerhand die Flucht. An der Seite des kommunistischen Großmauls Bill verlässt er New York und reist Richtung Hollywood, wo er hofft, als Drehbuchschreiber zu reüssieren. Ein Trugschluss!

Sein "Exil" in Los Angeles und die abenteuerliche Rückkehr in Trucks und Güterzügen nach New York lassen den zur Selbstironie neigenden Ira mit Charakteren aus unterschiedlichsten Milieus zusammenkommen. Immer wieder fragt er sich, was das Wesen der erfolgsgläubigen Amerikaners ausmacht – vor dem Hintergrund des nahenden Weltkrieges in Europa und der "Großen Depression" in den USA in den späten 30er-Jahren. So entstehen großartige Passagen, die Henry Roths von keinem literarischen Schema zu bändigendes "Gespür für das Leben" zeigen.

"Ein Amerikaner" ist vielleicht kein Meisterwerk, sondern erst einmal eine Kompilation unterschiedlich gelungener und ausgearbeiteter Szenen. Doch der Nachlassroman lädt allemal dazu ein, diesen hierzulande weit unter Wert gehandelten Autor neu zu entdecken. Nicht zuletzt verfügt Roth über ein breites Spektrum stilistischer Mittel, das – vor allem im Prolog und im Epilog – eine große Intensität von Gefühlen wiederzugeben vermag, wenn der Leser in einem Zeitsprung den betagten Ira dabei beobachtet, wie er auf Sterben und Tod seiner geliebten M reagiert.

Besprochen von Rainer Moritz

Henry Roth: Ein Amerikaner
Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011
383 Seiten, 23,00 Euro

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