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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2005

Gespräche über Kunst und Kultur

Jörn Jacob Rohwer: "Hinter dem Ruhm"

Rezensiert von Paul Stänner

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Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Der Band "Hinter dem Ruhm" des Publizisten Jörn Jacob Rohwer fasst 20 von ihm geführte Interviews von 1996 bis 2002 zusammen. Unter den Prominenten, von denen die meisten im Kunst- oder Literaturbereich tätig sind, ist der Sammler Heinz Berggruen, der Neurologe Oliver Sacks und der Filmemacher Werner Herzog.

"Ich empfinde es geradezu als eine Pflicht eines jeden gebildeten Menschen, sich bewusst zu machen, was in ihm und um ihn herum geschieht, und dies auch schriftlich festzuhalten. Für mich ist das ein Sinn von Leben. "

Man könnte dem Buch diesen Satz aus dem Interview mit dem Schriftsteller Ian McEwan als Motto voranstellen – sich bewusst machen, was in und um einen herum vorgeht. Die Menschen, die Jörn Jacob Rohwer zwischen 1996 und 2002 in Hotels, Büros und Privaträumen interviewt hat, sind sämtlich Prominente in der einen oder anderen Sparte: Da ist der Sammler Heinz Berggruen, der Neurologe Oliver Sacks, der Filmemacher Werner Herzog – der kleinste gemeinsame Nenner dieser 20-köpfigen Versammlung ist, dass sie alle im Kunst- oder Literaturbereich tätig sind.
Die Gespräche sind meist in gekürzter Form schon in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Jetzt also noch einmal als Buch. Muss man das haben? Nehmen wir Tomi Ungerer, den Elsässer Zeichner, Bildenden Künstler und Autor.

"Ich bin doch selbst noch ein Kind…"

…sagte der Mann, da war er knapp 70. Ungerers Familiengeschichte wird ausgebreitet: die schöne Mutter, der frühe Tod des Vaters, der Rückzug ins Innere der eigenen Person, das manische Zeichnen, die Zeit der deutschen Besatzung des Elsass und die Rache der Franzosen danach: All das erzeugte bei Ungerer ein existentielles Gefühl der Einsamkeit.

"Heute sag ich: Zwischen der Leere und dem Nichts entscheide ich mich für die Leere, weil ich diese mit ein bisschen Leben füllen kann. "

Dieses Die-Leere-Füllen hält Ungerer als Künstler bei der Arbeit und als politisch-sozialen Menschen in vielen Organisationen auf Trab.

Zum Beispiel das Interview mit Heinz Berggruen, dem Berliner Kunstsammler und Mäzen. Als Jude aus seiner Heimatstadt vertrieben, irrlichterte Berggruen lange durch die Welt, bis er in hohem Alter wieder nach Berlin zurückkehrte. Der Stadt schenkte er seine Sammlung. Dafür hat der Kanzler ihn umarmt, was Berggruen rührend fand, wenn er auch gleichzeitig zurückgeschreckt ist, weil er weiß, Schröder ist Politiker und plant genau, was er tut. Dann spricht Berggruen über einen anderen bedeutenden Sammler, über Peter Ludwig. Ludwig hatte vor Jahren bei Berggruen in Paris einen Picasso gekauft. Der Deal war perfekt, dann ging es darum, auf wessen Kosten die Holzwürmer aus dem Rahmen zu entfernen seien. Ludwig zeigte sich als hartleibiger Verhandler, Berggruen wusste nicht einmal, wie man die Tiere los wird. Berggruen: "Aber wie kriegt man die denn weg? fragte ich."

"Das ist doch klar, Herr Berggruen: Vergasen! Vergasen! "

Berggruen: "Da stand nun dieser große Kerl, und ich, der kleine Jude, ihm gegenüber. Vergasen – ich bitte Sie, so etwas kann man doch nicht sagen."
Wenn die Kunst einem Händler in die Hände fällt, lernt man daraus, macht sie aus ihm noch keinen besseren Menschen.
Natürlich haben alle einen bekannten und zum Teil auch bedeutenden Namen, aber was hat Susan Sontag berühmt gemacht oder Stephan Fry oder Oliver Sacks? Das wird uns in diesem Buch nicht erklärt. Doch die Welten, die biographischen und die emotionalen Welten, in denen die celebreties leben, werden uns in Einzelbildern freigelegt. Ich beobachtete an mir, dass ich dazu neigte, die Fragen zu überspringen und gleich in die nächste Antwort abzutauchen.

Das Nachwort schildert die Umstände, unter denen die Gespräche entstanden. Der Bankier Rothschild in seinem noblen Ambiente, Arthur Miller, weltweise in der "Gütigkeit eines alten Rabbiners", der am Ende ein überraschendes Eingeständnis macht, Susan Sontag, die lange Monologe hält, um die Lästigkeit des Interviews in einen Auftritt für sich umzumünzen. Schön ist auch die Liste der nicht enthaltenen Gespräche: Der Germanist Hans Mayer stieg schon nach 30 Minuten empört aus, weil ihm eine Frage nicht behagte, Maximilian Schell empfand sich im Gespräch als gescheitert, Andre Heller redete fünf Stunden und zog dann alles zurück. Der Schauspieler und Autor Stephen Fry soll gesagt haben:

"Himmel, das war härter als drei Stunden auf der Couch bei Siegmund Freud!"

Aus dem Mund eines notorischen enfant terrible ist das unbedingt ein Kompliment für Jörn Jacob Rohwer.

Jörn Jacob Rohwer: Hinter dem Ruhm
Gespräche, Steidl Verlag 2005
320 Seiten, 19,90 Euro

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