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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.08.2016

Gespräche über H2OKann ich ein Glas Wasser haben?

Von Christoph Spittler

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Leitungswasser läuft in ein Glas. (Lukas Schulze / dpa)
Ein Leitungswasser gefällig? Oder doch lieber eins aus der Flasche? (Lukas Schulze / dpa)

Etwa 140 Liter gekauftes Wasser werdem in Deutschland pro Kopf und Jahr getrunken. Viele trinken direkt aus dem Hahn, andere veredeln oder greifen zur Flasche. Doch was ist gesünder? Christoph Spittler hat Experten die Gesundheitsfrage gestellt.

Der Leitungswassertyp

"Guten Tag! Ich wollt fragen, ob ich ein Glas Wasser haben kann."
"Ja, Natürlich!"

Die freundliche Dame verschwindet fraglos in die Küche und kommt mit einem Glas eiskaltem Wasser zurück.

"Danke, supernett! Was ist das für Wasser?"
"Normales Wasser aus der Flasche! Bei Lidl, ne?"
"Welches Wasser trinken Sie am liebsten?"
"Für mich egal. Wenn wir haben nicht Flasche, wir trinken Leitungswasser."
"Finden Sie, Wasser aus der Flasche und Wasser aus der Leitung schmecken unterschiedlich?"
"Nein, ist gleich."
"Und warum kaufen Sie Wasser aus der Flasche?"
"Weil manche, wenn Leute zu uns kommen, die trinken nicht aus der Leitung. Die sagen das ist eher ungesund."

Das kann man jetzt so nicht sagen.

Die Gesundheitsexpertin

"Im Grunde sind wir in einer wahnsinnig privilegierten Lage in Deutschland, dass sämtliches Wasser, das hier getrunken werden kann, eben keine Gesundheitsgefahr darstellt."

Die Historikerin Veronika Settele forscht im Arbeitskreises Gesundheit und Ernährung an der FU Berlin.

"Ich kaufe mir Gesundheit: Mineralwasser ist gesund, aufgrund der Fresenius-Bestandstabelle, die da aufgedruckt ist, diese wissenschaftliche Aura, die Mineralwasser umgibt, im Gegensatz zum Leitungswasser, das aus dem Hahn kommt, wenn ich ihn öffne – das heißt der Gesundheitsaspekt ist eng verknüpft mit der Geschichte der Verwissenschaftlichung des Wassers."

Dabei sind die tollen Mineralien, die im Apollinaris, Gerolsteiner und Co. so rumschwimmen eher irrelevant. Der Mineralienbedarf wird durch die richtige Ernährung gedeckt, nicht durch Mineralwasser. Stört den Konsumenten nicht. 144 Liter Flaschenwasser pro Kopf werden in Deutschland jährlich getrunken. 1970 waren es noch 12,5.

Der Leitungswasserveredeler

"Könnt ich ein Glas Wasser haben?"
"Na klar, einen Moment bitte."

Die Ökobilanz von gekauftem Wasser ist deutlich schlechter als die von Leitungswasser.

"Echt? Wegen Plastik? Aber das wird doch recycelt?"

47 Prozent des gekauften Wassers schwappt in Deutschland in PET-Einwegflaschen. Nur etwa die Hälfte davon können zu neuen Flaschen recycelt werden können. Überdies ist gekauftes Wasser zum Großteil gar kein Mineralwasser, sondern sogenanntes Tafelwasser. Und das ist im Prinzip nichts anderes als Leitungswasser.

"Also das ist ein fast witziges Paradox: erst die künstliche Herstellung von Mineralwasser hat Wasser zu dem Massenprodukt werden lassen, und dass es doch aber die Vorstellung von Natürlichkeit und Reinheit ist, die eben Wasser zu diesem gesunden Lebensmittel macht."

"Könnt ich ein Glas Wasser haben?"
"Ja! Sofort? (lacht) Ich kauf eher, ich trink nicht aus der Leitung. Ich hab zwar verschiedene Veredlungsmöglichkeiten…"
"Was für Veredlungsmöglichkeiten?"
"Ich hab mal so Filter probiert, so Kohlefilter heißt das – und dann gibt’s noch eine Verwirbelungsmethode."
"Verwirbel-, was?"
"Ich kann's dir mal zeigen… das sieht aus wie ne Sanduhr halt. Wie zwei Glaseier mit 'ner Koppelung in der Mitte, die man öffnen kann, und wo man das Wasser reinfüllen kann, und dann findet halt der Verwirbelungsvorgang statt – so, ne… und wer jetzt esoterisch drauf ist, kann noch irgendwelche Begriffe reinassoziieren... schönes Wasser, lecker Wasser lecker Wasser, hmmm..."

Der Ich-schmecke-keinen-Unterschied-Typ

"Ich glaube, dass Wasser vielleicht noch mehr als andere Lebens- und Nahrungsmittel eine Riesen-Projektionsfläche bietet, weil man es nicht sieht. Also, dem stillen Mineralwasser sieht und schmeckt man mitunter den Unterschied zum Leitungswasser nicht an, das heißt, man muss daran glauben."

Und die Wasser-Upgrademöglichkeiten sind erstaunlich. Osmoseumkehranlagen, Edelsteine oder Vitaluntersetzer zur Resonanzharmonisierung.

"Wir machen jetzt mal einen Test für dich."
"Ich erkenn keinen Unterschied. Ich muss es zugeben."
"Naja, der Unterschied ist relativ klein. Also für mich ist das eckiger, das Wasser, das hat mehr Reibung. Das war der Test, du bist noch nicht sensibel genug dafür!"

Ein Glück, denn der Unsensible spart. Verwirbeln hat seinen Preis.

"Das was ich jetzt habe, das ist aus so'm besonderen Glas, das kost glaub ich um die hundert Euro."

Die gute alten Rohrperle hat unschlagbare Vorteile. Kost fast nix, muss man nicht schleppen, und der Geschmack? Ist halt Geschmackssache.

"Ich trink auch gern Cola. Da ist auch Wasser drin." (lacht)

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