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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 12.02.2020

Gesetz gegen Wegwerfmentalität Retouren sollen nicht mehr in den Müll

Mathias Greffrath im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Eine Frau klebt  ein Paket mit der Aufschrift Retoure mit Paketband zu. (picture alliance / dpa Themendienst / Andrea Warnecke)
Retour und dann gleich in den Müll – etliche Versandhändler verfahren so mit Rücksendungen von Kunden. (picture alliance / dpa Themendienst / Andrea Warnecke)

Millionen zurückgeschickte Waren landen im Müll. Das ist für die Händler billiger, als die Retouren zu sichten und als B-Ware weiterzuverkaufen. Die Bundesregierung will das verbieten. Richtig so, sagt Journalist Mathias Greffrath.

Wissenschaftler der Universität Bamberg haben ermittelt, dass in Deutschland jedes sechste online bestellte Paket wieder retour geht. 2019 sollen demnach 280 Millionen Pakete den Rückweg zum Händler angetreten haben. Dort werden die Pakete eigentlich geöffnet, die Waren gesichtet, geprüft und bewertet. Doch pro Rücksendung entstehen so Kosten von rund 20 Euro, insgesamt fünf Milliarden Euro. Deshalb ziehen Händler es mitunter vor, die zurückgeschickten Pakete ungeöffnet in den Schredder zu werfen – mit meist unbenutzten, neuwertigen Produkten. Vier Prozent der Retouren landen auf diese Weise sofort im Müll.

"Ein Skandal", sagt unser Studiogast, der Journalist Mathias Greffrath. Tatsächlich sind die meisten Waren einwandfrei und könnten als sogenannte B-Ware vergünstigt verkauft werden. Die Bundesregierung will deshalb ein Gesetz auf den Weg bringen, dass der Wegwerfmentalität einen Riegel vorschieben und die Entsorgung von Retouren verbieten soll.

Retouren billiger verkaufen

Greffrath findet das "ordnungspolitisch in Ordnung. Und es dürfte aber eigentlich nur ein erster Schritt sein. Denn was noch viel skandalöser ist, ist, dass selbst die Biosupermärkte Waren, die abgelaufen sind, wegschmeißen – und keiner darf an die Container ran, um es sich rauszuholen."

Möglichkeiten der Verwertung gäbe es einige – wie etwa die Lösung, die Waren anschließend billiger zu verkaufen. "Das könnte natürlich zu allerlei Münchhausen-Eulenspiegel-Geschichten führen", gibt Greffrath zu bedenken: "Man bestellt sich was, man schickt es zurück, dann ist es B-Ware – und man geht hin und kauft es billiger." Dass jedoch der Skandal des Wegwerfens angegangen wird, sei gut – besonders bei Lebensmitteln, dort sei es aus seiner Sicht noch wichtiger.

Der Journalist und Schriftsteller Mathias Greffrath im Porträt (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)Begrüßt ein Anti-Wegwerfgesetz: Journalist Mathias Greffrath. (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)

Eine mögliche Folge eines entsprechenden Anti-Wegwerfgesetzes: Die Händler könnten die Kosten an den Verbraucher weitergeben – Retouren würden damit teurer. Aber das, meint Greffrath, könnte wiederum positive Folgen für die Umwelt haben. Denn laut der Bamberger Studie belasten Retouren das Klima so gravierend wie "täglich 2200 Autofahrten von Hamburg nach Moskau". Das entspricht, bezogen auf das Jahr 2019, insgesamt 238.000 Tonnen CO2. Möglicherweise überlegen es sich viele Kunden dann gründlicher, welche Waren sie kaufen, damit sie eine Rücksendung vermeiden können.

(mkn)

Mathias Greffrath ist Schriftsteller und Journalist. Anfang der 90er-Jahre leitete er die Zeitschrift "Wochenpost" in Berlin. Seither schreibt Greffrath als freier Journalist unter anderem für "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und die deutsche Ausgabe von "Le Monde diplomatique". Greffrath ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und im PEN-Zentrum Deutschland.

Das komplette Gespräch mit Mathias Greffrath hören Sie hier:

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