Gesellschaftsroman einer Berliner Szene

Hackesche Höfe in Berlin-Mitte: In den 90ern stand der Ort für künstlerische Ideen. © PentaNex GmbH
22.11.2010
Rafael Horzons schelmenhafter Bildungsroman spielt in Berlin-Mitte und ist eine Hommage an die 90er-Jahre, als der Stadtteil noch die höchste Dichte kreativer Boheme in ganz Berlin hatte.
Als nach der deutschen Wiedervereinigung die beiden Hälften Berlins zu einem Ganzen wurden, gerieten die einzelnen Stadtteile, ihre Milieus und ihr Prestige in eine dynamische Bewegung, die bis heute anhält. Der Stadtteil Kreuzberg beispielsweise gab seinen Ruhm als Heimat Berliner Subkultur an den Prenzlauer Berg ab; zur Jahrtausendwende entwickelte sich indes der Prenzlauer Berg zum Familienbiotop des neuen jungen Bürgertums und der Stadtteil Friedrichshain übernahm die Anarchistenrolle. In keiner anderen europäischen Metropole gehören die Wechselspiele der topografischen Soziologie so stark zu ihrem, für sie typischen Leben.

Vor diesem Hintergrund ist der schelmenhafte Bildungsroman "Das weisse Buch" von Rafael Horzon zu sehen. Denn er spielt im Stadtteil Berlin-Mitte, ist eine Hommage an die 90er Jahre in Berlin-Mitte, jene Gegend Berlins mit der höchsten Dichte kreativer Bohème. Berlin-Mitte ist ein Synonym für künstlerische Ideen, existenzielle Möglichkeiten und freie Projekte - sowohl für ihr Gelingen als auch ihr Scheitern. Und Rafael Horzon, der 1970 in Hamburg geboren wurde, in Berlin, München und Paris Philosophie, Latein und Komparatistik studiert hat und sich vor gut eineinhalb Jahrzehnten in der Torstraße in Berlin-Mitte niederließ, gilt inzwischen als Stadtteilikone, als eine Art Marcel Duchamp der Lebensentwürfe.

Horzon selbst bezeichnet "Das weisse Buch", das tatsächlich vom Umschlag bis zum eingestanzten Titel vollkommen weiß ist, als eine Unternehmerbiografie. Heiter, locker, leicht und ziemlich witzig erzählt Rafael Horzon die Münchhausiade seiner geschäftlichen Projekte, die er in den 90er Jahren in der Torstraße etablierte und die allesamt zwischen Ernst und Jux, zwischen Realismus und Dadaismus schwanken: Horzon eröffnete die Galerie "Berlintokyo", nagelte japanische Chipstüten an die Wand, verkaufte sie für ein paar Tausend Euro ebenso wie seine in der Galerie ausgestellten Haushaltsutensilien und wurde als Künstler sogar zur Documenta eingeladen.

Er gründete surreale Dienstleistungsbetriebe wie die Trennungsagentur "Separitas", er initiierte in der Torstraße in Berlin-Mitte eine Wissenschaftsakademie, die sogar Seminarscheine ausstellte, er erfand das Modelabel "Gelée Royale" und schließlich das Möbelgeschäft "Moebel Horzon", in dem nur ein einziger Gegenstand verkauft wird, ein von Rafael Horzon selbst erfundenes Regal, das als subversives Gegenmodell zu "Billy" von Ikea gedacht ist.

"Das weisse Buch" ist ein komödiantischer Entwicklungsroman, ein zeitgenössischer Schelmenroman, der mit seinen vielen Lateinzitaten an Eichendorffs "Leben eines Taugenichts" erinnert, und es ist der Gesellschaftsroman einer Berliner Szene. Man kann diesen Roman auch als ästhetisch ernste Angelegenheit betrachten: als einen Versuch, Kunst und Leben in Deckung zu bringen, so wie das die Avantgarden der frühen Moderne auch versuchten. Und man kann den Bewohner des Raumschiffs Berlin-Mitte Rafael Horzon als eine Art lebende Konzeptkunst betrachten, den von vielen seiner Mitbürger erstaunliche und bewundernswerte Sorglosigkeit unterscheidet.

Besprochen von Ursula März

Rafael Horzon: Das weisse Buch
Suhrkamp, Berlin 2010
218 Seiten, 15 Euro