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Diskurs | Beitrag vom 05.04.2020

Gesellschaftliche Debatte"Entkolonisiert Euch!"

Moderation: René Aguigah

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Zwei Hände greifen ineinander und scheinen sich so gegenseitig zu helfen. (Getty Images / iStockphoto)
In der aktuellen Debatte geht es um eine Dekolonisierung des Denkens, um Alltagsrassismus und Asymmetrien im gesellschaftlichen und politischen Machtgefüge. (Getty Images / iStockphoto)

In Deutschland ist eine "zweite Dekolonisierung" im Gange. Dabei geht es nicht nur um die historische Verantwortung für den Völkermord an den Herero und Nama oder die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter, sondern um eine Dekolonisierung des Denkens.

Anders als in Großbritannien, Frankreich oder Belgien dauerte die Phase deutscher Kolonialherrschaft in Afrika, China und im Pazifik "nur" dreißig Jahre. In der historischen Forschung und im gesellschaftlichen Diskurs hat diese Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Aber seit wenigen Jahren erwacht in Deutschland Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Epoche.

Jahrzehnte nach der politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien des Deutschen Kaiserreichs – des heutigen Kamerun, Togo, Namibia, Tansania, Ruanda und Burundi – vollzieht sich jetzt in wissenschaftlichen Institutionen, Museen und auch in den Medien eine zweite Dekolonisierung. Dabei geht es nicht nur um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Herero und Nama oder um die Legitimität der Ansprüche der früheren Kolonien auf eine Rückgabe geraubter Kulturgüter. In der aktuellen Debatte geht es um eine Dekolonisierung des Denkens, um Alltagsrassismus und Asymmetrien im gesellschaftlichen und politischen Machtgefüge.

Koloniale Denkmuster in der Corona-Krise

Auch in der aktuellen Coronakrise spiegeln sich Machtverhältnisse, die in der Kolonialzeit ausgeprägt worden sind. Theorien aus dem Diskurs um eine Dekolonisierung des Denkens könnten jetzt dabei helfen, diese zu entlarven, meint die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo. Sie erkennt etwa in der Aufmerksamkeit die Medienvertreter und Politiker jetzt bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zukommen lassen, ein Abbild kolonialer Machtverhältnisse: "Welche Länder werden jetzt besprochen? Wie ist es mit Ländern auf dem afrikanischen Kontinent? Wem trauern wir nach? Über wen wird gesagt, okay, die müssen das in Kauf nehmen?"

Nach Meinung der Historikerin und Aktivistin Katharina Oguntoye kommt es jetzt darauf an, die Auswirkungen der Pandemie auf unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in Deutschland in den Blick zu nehmen und auch auf den Verlauf der Pandemie in Afrika und Indien zu schauen. Anders als in Deutschland, wo Politiker versprechen, "allen Betroffenen zu helfen", könnten die Regierungen in weniger wohlhabenden Ländern die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie nicht abfedern.  

Neue Ethik der Beziehungen

Auch die Kunsthistoriker Bénédicte Savoy sieht Bezüge zwischen der Corona-Pandemie und kolonial geprägten gesellschaftlichen Asymmetrien: "Ich sehe die Verbindungen und sie schreien einen förmlich an." Zwar sei in der französischen Öffentlichkeit Afrika auch in der jetzigen Corona-Krise präsent. Aber die Franzosen, deren Vorfahren aus den ehemaligen Kolonien kommen, seien überproportional in den Berufsgruppen vertreten, die dem Virus in besonderer Weise ausgesetzt seien, so wie Kassiererinnen zum Beispiel.

Zugleich würden diese Berufsgruppen aber auch zum ersten Mal gesellschaftlich wahrgenommen und gefeiert und das sei "eine sehr gute Nachricht". Bénédicte Savoy sieht in der derzeitigen Coronakrise die Chance, eine "neue Ethik der Beziehungen" zu entwickeln, "die wir uns auch zu den afrikanischen Ländern wünschen".

Rückzug auf das "Eigene" gefährlich

Der Historiker Christian Geulen beobachtet in den weltweiten Reaktionen von Regierungen und Gesellschaften auf die Corona-Pandemie einen Rückzug auf das "Eigene". Bürger würden klassifiziert als Infizierte, Nicht-Infizierte, Risikogruppen und systemrelevante Bevölkerungsteile.

"Eines der Mittel, mit denen man versucht, die Krise zu bekämpfen, ist die Homogenisierung. Das Fremde stellt eine Gefahr dar. Das kann bestimmte Denkweisen befeuern, die mit unserem Thema Kolonialismus zu tun haben." Geulen warnt davor, dass sich eine Abwehr alles "Fremden" zu tief im Denken und Handeln der Gesellschaften verankern könnte, wenn die Krise noch lange andauere. 

Es diskutieren:
Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin
Katharina Oguntoye, Historikerin und Gründungsmitglied der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD)               
Sharon Dodua Otoo, Schriftstellerin und Publizistin
Christian Geulen, Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Koblenz-Landau

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