Gesellschaft

Tabus

Eine Frau hält den Zeigefinger vor den Mund.
Tabus haben ihre Bedeutung in der Gesellschaft. © picture-alliance / dpa / Klaus Rose
Von Astrid von Friesen · 02.12.2014
Was bedeuten Tabus für eine Gesellschaft? Die Journalistin Astrid von Friesen sieht darin ein Übereinkunft, die gelebt wird, ohne jemals vereinbart oder erneuert worden zu sein. Die Journalistin erklärt, warum Tabus stets zu hinterfragen seien - und nennt Beispiele dafür.
Fakt ist, dass es in jeder Gesellschaft Tabus gab und geben wird. Sie definieren, was wir als eklig und verboten, undenkbar und unberührbar empfinden. Sie sind irrational, aber für die Identität einer Person und einer Gruppe unabdingbar.
Es gibt Sprech-Tabus, wie das Schweigen über die Stasi-Mitgliedschaft im deutschen Osten. Es gibt Handlungs- und Berührungstabus, wie der Umgang mit Kranken oder Toten.
Sie markieren, wer Insider und wer Outsider ist. Wer gegen sie verstößt, wird abgestraft und ausgesondert. Denn Regeln halten die Gesellschaft zusammen. Regelbrüche hingegen bedeuten Entwicklung. Sie vermitteln zudem Kontinuität über mindestens drei Generationen hinweg, denn automatisch vergleichen wir Tabus der Großeltern mit denen der Enkel.
Ein modernes ist die Leihmutterschaft. Zum Teil von der Mafia als Baby-Industrie organisiert, zwingen reichere Frauen arme zu einer Art neunmonatiger Prostitution. Die negativen Aspekte dieses Kinderwunsches werden weitgehend verschwiegen.
Die Auftraggeberinnen gelten nicht als Komplizinnen im Handel mit Babies, mit kleinen Menschen, sondern selbst als Opfer. Sie stehen für das Credo der Machbarkeit und unter dem Diktat der Selbstverwirklichung!
Das Tabu Leihmutterschaft verbindet sich noch mit einem anderen, das Trauer nicht zulassen will. Denn auch ohne Kinder könnten Paare glücklich sein.
Oder ein anderes: Wem dürfen neuste Medikamente gegen chronische Hepatitis C verabreicht werden, die sie bis zu 100.000 Euro teuer sind? In England legte das National Institute for Health offen fest, dass ein Lebensjahr, das durch Medizin gewonnen wird, nicht mehr als 20.000 Pfund kosten darf. Reden wir darüber oder lieber nicht?
Tabus werden unbewusst übertragen
Und noch ein Tabu: Männer gelten bei uns als potenziell böse und gewalttätig. Deswegen werden wissenschaftliche Untersuchungen nicht zur Kenntnis genommen, dass Frauen in den Industrienationen für 50 Prozent der häuslichen Gewalt verantwortlich sind.
Mutterliebe gilt als letzter Hort von Verlässlichkeit und Schutz. Unbewusst wollen wir uns den nicht nehmen lassen. Für dieses Tabu opfern wir quasi Männer und Kinder.
Warum eigentlich attackieren die unter 40-Jährigen nicht die Älteren, ziehen sie zur Verantwortung für die unvorstellbar hohe Schuldenlast und für die daraus entstehende Zwei-Klassen-Medizin? Eine mögliche Antwort ist, es würde nicht cool und trendy erscheinen.
In einer Welt des Perfektionismus und der Narzissten darf nämlich die "Ordnung der Dinge" nicht angetastet werden, weshalb Unordnung, Endlichkeit und Unkontrollierbarkeit tabuisiert werden müssen. Spräche jemand es an, würde er zum Außenseiter, was sich innerlich existenzbedrohend anfühlen kann.
Tabus werden einerseits unbewusst übertragen, andererseits bestimmen alle mit, welche in Medien und Politik eine Rolle spielen. Eine Folge ist, dass Politiker immer seltener zu Tabu-Brechern werden. Sie machen vielmehr ihre Handlungen und Meinungen von Umfragen abhängig.
Nur erreichen sie damit das Gegenteil. Ihre tief sitzende Angst vor dem Wähler löst keine Sympathie aus. Vielmehr ist die Hälfte der Wahlbürger derart politikverdrossen, dass sie nicht mehr wählen geht. Doch scheint dies auch wieder ein Tabu zu sein. Lieber fordert man eine Wahlpflicht, als einem Problem auf den Grund zu gehen.
Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Journalistin, Erziehungswissenschaftlerin, sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden. Sie unterrichtet an der Universität in Freiberg, macht Lehrerfortbildung und Supervision. Außerdem schreibt sie Bücher, zuletzt: "Ein Erziehungsalphabet: Von A bis Z - 80 pädagogische Begriffe" (2013, auch als E-Book).
Astrid von Friesen
Astrid von Friesen© privat
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