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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.11.2013

GesellschaftKatastrophen sind keine Chancen

Nicht jede persönliche Katastrophe erlaubt einen Neuanfang

Von Knut Berner

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Katerstimmung bei der FDP am Bundestagswahlabend 2013 (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Eine Wahlniederlage soll ein Grund zum Feiern sein? Eher nicht. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Nicht in allem stecken neue Möglichkeiten - mit diesem Eingeständnis angemessen umzugehen, habe die moderne Gesellschaft verlernt, warnt der Theologe Knut Berner. Aus negativen Szenarien folgen nicht automatisch Wege ins Gelobte Land und das Böse ist kein Setzling für Hoffnungspflanzen.

Gibt es keine Katastrophen mehr? Diese Vermutung drängt sich auf, da es zu den Ideologien der Gegenwart gehört, in allem eine Chance zu sehen: Zerrüttete Beziehungen ermöglichen, neue Partnerinnen und Partner zu finden. Vielleicht endlich die, die besser zu einem passen.

Eine Krebsdiagnose soll keine Apokalypse mehr sein, sondern einem Menschen etwas zeigen, als Signal zur veränderten Lebensführung verstanden werden. Kriege sind eine Chance für die Diplomatie, Tsunamis Anlässe für Frühwarnsysteme und Geschichte gilt als Fundus zum Lernen. 

Chancen verströmen das Flair der Zeitlosigkeit

Behinderte sollten nach Ansicht einiger Sozialpädagogen als 'Menschen mit Möglichkeiten' bezeichnet werden. Und diejenigen, deren befristete Arbeitsverhältnisse auslaufen oder denen gekündigt wird, können sich neu orientieren und beruflich weiterentwickeln.

Chancen verströmen das Flair der Zeitlosigkeit. Selbst Opa kann noch einmal richtig aufblühen, mag der Schriftsteller Philipp Roth auch meinen: Das Alter ist ein Massaker. Statt Trauer über Verfall und Katastrophen setzt sich als Doktrin der Gesundungsgesellschaft durch, in jedem Ende wohne ein Anfang und Chancen seien die neuen Heilsbringer. Belo horizonte. Think positive.

Keine Frage: Chancengleichheit ist ein erstrebenswertes Ziel und noch nicht in einem annähernd zufriedenstellenden Maße verwirklicht. Im Begriff der Chance schlummert jedoch das Versprechen einer maßgeschneiderten Verheißung, erst recht, wenn sie als faire Chance deklariert wird.

Wer sich fälligen Aufbrüchen und sich anbahnenden Veränderungen verweigert, ist folglich selber schuld. Und schuld ist erst recht, wer nicht einsieht, dass gegenwärtige Miseren aus eigenem Fehlverhalten resultieren:

Hätte man nicht geraucht und getrunken, wäre man nicht krank geworden. Hätte man seine Partnerin nicht vernachlässigt, wäre es nicht zur Scheidung gekommen. Hätte die Vernunft gesiegt, wäre die Geschichte nicht voller Opfer. Hätte man medizintechnische Innovationen in Anspruch genommen, wäre das eigene Kind nicht behindert.

Druck, das Beste aus eine Situation zu machen

Zahlreich sind die Vorwürfe derer, die besser als andere zu wissen meinen, was das Gute ist und wie das Leben gelingen kann. Und die Druck ausüben, nun wenigstens das Beste aus der Situation zu machen und sich neuen Chancen nicht zu verschließen.

Vergessen wird dabei, dass Menschen in der Regel verlustaversiv sind, beim Abwägen von Vor- und Nachteilen einer möglichen Lebensveränderung die zu erwartenden Verluste doppelt so hoch gewichten wie die eventuellen Gewinne. Chancenfetischismus ignoriert das und suggeriert die Welt als reiches Sortiment, das Allen Alles zur Verfügung stellt, wenn sie nur zugreifen wollen.

Was aber ist mit denjenigen, die dazu zu erschöpft sind, zu traurig, weil für sie nicht alles ersetzbar ist und sie vom Unglück so überwältigt sind, dass ihnen der Geschmack am Neubeginn abhandengekommen ist? Was ist mit denen, die sich in tragische Lebenslagen verstrickt vorfinden, in denen jede Option eine schlechte ist?

Das Fixieren auf Chancen, der Fortschrittsoptimismus verliert leicht aus dem Blick, dass sich inmitten aller Planungen und Hoffnungen das Unvorhersehbare ereignet und zumindest zeitweise das Ende aller Möglichkeiten mit sich bringen kann. Aus negativen Szenarien folgen nicht automatisch Wege ins gelobte Land und das Böse ist kein Setzling für Hoffnungspflanzen. 

Noch fahren Autos mit der Aufschrift 'Katastrophenschutz'. Diese dienen der Bekämpfung handhabbarer Übel. Katastrophenschutz kann aber auch bedeuten, private und kollektive Erfahrungen des Unvorhersehbaren, Entsetzlichen und Apokalyptischen zu respektieren. Es ist legitim zu trauern - über unheilbare Zustände, angesichts derer die Rede von Chancen einen zynischen Beigeschmack bekommen kann.

Knut Berner, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum (privat)Knut Berner, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum (privat)Knut Berner, geboren 1964 in Wuppertal, studierte evangelische Theologie in Bonn und Heidelberg. Anschließend wurde er in Wuppertal zum Pfarrer ausgebildet, promovierte und habilitierte sich an der Ruhr-Universität Bochum. Knut Berner ist stellvertretender Leiter des Evangelischen Studienwerks Villigst. Außerdem lehrt er als Professor Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

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