Gesellschaft

Ein Hoch aufs Nörgeln

Nörgeln, Quengeln, Mosern, Maulen, Herumkritteln. Die Deutschen haben fürs Bedenkentragen viele verscheiden Worte.
Nörgeln, Quengeln, Mosern, Maulen, Herumkritteln. Die Deutschen haben fürs Bedenkentragen viele verschiedene Worte. © picture alliance / dpa / Jens Kalaene
Von Andreas Rinke · 07.08.2014
Nörgeln, das hat bereits der Publizist Eric Hansen erkannt, gehört in Deutschland zum "Fundament der Gesellschaft". Tatsächlich sei das eine ernste Erkenntnis, meint Historiker Andreas Rinke. Denn erst das Nörgeln setze Kraft für Veränderungen frei.
Die Bilder werden lange in den Köpfen bleiben. Erst der berauschende 7:1 Erfolg gegen Brasilien, dann der Trost für die unterlegene Mannschaft, schließlich der Triumph im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Medien feierten Deutschland für seine Bescheidenheit im Erfolg – die amerikanische Zeitschrift "Newsweek" spricht gar von einem "Jahrhundert des deutschen Erfolgs".
Deutschland schwelgt derart im Sommermärchen 2014, dass auch die Kritik am Gaucho-Tanz der Nationalspieler sofort verebbte. Denn die Freude vermischt sich mit einer Grundbotschaft: bloß nicht sofort wieder nörgeln. Das ist neu – und es ist gefährlich.
Wäre es wie nach früheren Erfolgen gelaufen, hätten Fans und Experten bereits in der Minute nach dem Sieg die Debatte begonnen, wie schwierig der Titel 2018 zu verteidigen sein wird, und sie hätten wieder gestritten, ob Jogi Löw weiterhin der richtige Bundestrainer ist.
Nörgeln als "Fundament der Gesellschaft"
Eric Hansen, ein Publizist, der aus den USA zugezogen ist, hat diese Art Nörgeln als deutschen Volkscharakter ausgemacht, als "Fundament der Gesellschaft", als "heimliche Quelle nationaler Identität". Er nimmt es humorvoller als es eigentlich ist.
Einerseits ist Nörgeln nun nicht gerade die positivste Eigenschaft. Sie nervt andere Leute, wird als Spielverderberei empfunden. Noch dazu haben die Deutschen fürs Bedenkentragen fast so viele Worte wie die Eskimos für Schnee: Quengeln, Mosern, Maulen, Herumkritteln. Und mit jedem schwingt auch Negatives mit.
Andererseits ist Nörgeln nicht bloßes Schimpfen. Es steckt mehr in ihm, etwas Anspruchsvolles. Der Nörgler entdeckt in einem durchaus anerkannten und genossenen Erfolg auch einen wunden Punkt. Vielleicht ist Deutschland gerade deshalb so erfolgreich geworden. Auch Ingenieure und Erfinder treibt letztlich die Unzufriedenheit zur Perfektion und Innovation an. Auch im Fußball ist eben die Frage erlaubt, wie viel hartes Training und wie viele neue Ideen nötig sind, um die Spitzenqualität zu erhalten.
Es treibt politische Debatten voran
Deshalb wäre es gefährlich, nicht zu nörgeln. Das Nörgeln bedient die andere, die kreative Seite der "Bescheidenheit im Erfolg". Es setzt Kräfte frei – nicht nur im Sport oder in der Forschung. Es treibt politische Debatten voran, ebnet Reformen den Weg. Letztlich gehört es zu den Schmierkräften, die eine offene Demokratie am Laufen halten.
Sicher ist es für eine Opposition schwer, Ansatzpunkte für Kritik zu finden - angesichts eines ausgeglichenen Bundeshaushalts oder hoher Zustimmungswerte für die jüngste Rentenreform. Aber sie könnte natürlich fragen, ob die Regierung nicht viel entschiedener hätte sparen können, ob ihre Beschlüsse die Wettbewerbsfähigkeit des Landes nicht eher schwächen.
Erst der Nörgler bringt also den Zweifel in die Welt. Deshalb wäre es besorgniserregend, sollte er in die Defensive geraten. Denn zum Wesen des Nörgelns gehört, dass es nur funktioniert, wenn es nicht unterbrochen wird. Alles, was erreicht wurde, will sofort wieder hinterfragt werden, wenn daraus Fortschritt werden soll. Nur wer unzufrieden ist, hält Veränderung für notwendig.
Unveränderliche Anti-Haltung
Um es dialektisch zuzuspitzen: Deutschland befindet sich derzeit nicht trotz, sondern wegen seiner Erfolge in einer gefährlichen Lage. Daran ist nicht allein die große Gruppe der Genießer des Erreichten Schuld, sondern eine weitere, die der kategorischen Nein-Sager. Diese werden oft mit Nörglern verwechselt. Dabei sind sie genauso selbstzufrieden wie die Ja-Sager - in ihrer unveränderlichen Anti-Haltung.
Andreas Rinke. Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Historiker und hat über das Schicksal der französischen "Displaced Persons" im Zweiten Weltkrieg promoviert.
Er hat als politischer Beobachter bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und dem "Handelsblatt" gearbeitet. Heute ist er politischer Chefkorrespondent der internationalen Nachrichtenagentur "Reuters" in Berlin.