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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 02.12.2016

Geschirrspüler im ÖkogangWer Energie spart, riskiert gefährliche Pilze

Von Udo Pollmer

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Ein Hinweisschild mit Ausweisung der Energieeffizienzklasse steht in einem Grossmarkt für Elektroartikel. (dpa / picture alliance / Peter Kneffel)
Die Energieeffizienzklasse ist für viele Menschen ein Kaufkriterium. (dpa / picture alliance / Peter Kneffel)

Egal ob in Geschirrspülern oder Waschmaschinen: Energiespar-Programme begünstigen schwarze Hefepilze, warnt Udo Pollmer. In Küchen sei jedes zweite Gerät betroffen. Mit Folgen für die Gesundheit.

Beinahe wäre es eine Erfolgsgeschichte moderner Umwelttechnik geworden: Mikrobiologen war es gelungen, einen Schwarzen Hefepilz zu identifizieren, der in der Lage ist, eine ganze Serie von Schadstoffen – beispielsweise das Lösungsmittel Toluol – abzubauen.

Der Pilz ist gegenüber Kälte, Salzen, Säuren und Laugen ziemlich robust und vermag auch in einer lebensfeindlichen Umwelt zu gedeihen. Exophiala dermatitidis, so heißt der Superpilz, lebt auf Gletschern, in Tiefseequellen, Salzseen und Wüsten und er schafft alles weg, was man ihm an Futter in Form von Kohlenwasserstoffen vorsetzt. Deshalb hegte man große Hoffnungen, mit ihm Böden, die mit Öl verseucht sind, zu reinigen.

Doch inzwischen macht sich Ernüchterung breit: Der Hefepilz entpuppte sich als Alptraum. Zunächst wurde er als Erreger von Hautkrankheiten identifiziert. Dann erkannte man, dass er das Nervensystem befallen kann und Hirnabszesse verursacht. Bis heute fehlen wirksame Medikamente. Zu allem Überfluss nehmen die Erkrankungen seit Jahren kontinuierlich zu.

In Küchen ist jedes zweite Gerät befallen

Bei der Suche nach der Quelle wurden die Forscher nicht etwa bei Touristen mit exotischen Reisezielen fündig, sondern in unseren Haushalten – genauer gesagt im Geschirrspüler. In den Küchen hat er bereits jedes zweite Gerät befallen.

Denn darin findet die Schwarze Hefe ein ideales Biotop vor – voller Nährstoffe und schön warm. Sie siedelt dank ihrer unglaublichen Widerstandsfähigkeit überall im Gerät, nicht nur in der Gummidichtung sondern sogar in den Wasserdüsen.

Zum Glück bleibt der Hefepilz nicht am Geschirr haften, aber er tritt beim Öffnen des Gerätes mit dem Dampf aus. Über die Atemluft gelangt er in die Nase, so könnte der Erreger über den Riechnerv bis ins Gehirn vordringen.

Einmal auf der Fährte untersuchten die Forscher die Geschirrspüler auf weitere Krankheitserreger. Häufige Gäste in den häuslichen Brutautomaten waren neben der Schwarzen Hefe Candidapilze und Fusarien. Unter den weiteren Kandidaten fanden sich höchst ungewöhnliche Mikroben (Magnusiomyces capitatus), die ebenfalls zu lebensbedrohlichen Infektionen führen können.

Einige dieser Erreger – wenn auch nicht die Schwarze Hefe – setzen sich auf dem Spülgut fest, Porzellan wurde ebenso besiedelt wie Kunststoff.

Senkung der Temperatur

Die gefährlichen Keime spielen in Küchen ohne Geschirrspüler durchweg keine Rolle. Natürlich ließe sich das Problem auch mit Geschirrspüler mit einfachen Mitteln beheben: Man spüle mit dem Standardprogramm bei mindestens 60 Grad – realen 60 ° - und verwende Spültabs mit Percarbonaten – das sind Bleichmittel, die Geschirr und Wäsche von gefährlichen Keimen freihalten.

Das Problem entstand genaugenommen erst durch die Energiespar-Programme – egal ob Geschirrspüler oder Waschmaschine. Wer die Ökospartaste drückt, bietet der schwarzen Hefe und ihren mikrobiellen Spießgesellen optimale Bedingungen.

Durch die Senkung der Temperatur erreichen die Hersteller der Spül- und Waschmaschinen die beste Energieeffizienzklasse. Deshalb heizen manche Geräte im 60 Grad-Öko-Waschprogramm gerade mal auf 45 Grad, vereinzelt nur auf 30 Grad. Derartige Programme entfernen lediglich den sichtbaren Schmutz, die gefährlichen Passagiere aber bleiben.

Lieber eine schlechtere Energieeffizienz akzeptieren

Im Verkaufsprospekt von Wasch- und Spülmaschinen wird genauso geschummelt wie bei der Abgasermittlung von Pkws. Wenn die Forderungen an die Produkte in Sachen Ökologie überzogen sind, sehen manche Hersteller angesichts des öffentlichen Drucks keinen anderen Ausweg, als das Publikum zu täuschen.

Wer als Verbraucher auf Nummer sicher gehen will, sollte lieber eine schlechtere Energieeffizienz akzeptieren. Wenn der Zeitgeist den technischen Fortschritt vorgibt, kann das auch mal schiefgehen. Die Mehrkosten für Strom zum Aufheizen des Wassers in Küche und Bad, sowie für Percarbonate als Bleichmittel, schützen Sie und ihre Familie. Das wäre endlich mal eine echte Prävention im Dienste der Gesundheit.

Schließlich wollen wir alle nicht nur eine blitzsaubere Weste tragen, sondern auch von wirklich reinen Tellern essen. Mahlzeit!

Literatur

Zupancic J et al: The black yeast Exophiala dermatitidis and other selected opportunistic human fungal pathogens spread from dishwashers to kitchens. PLoS One 2016; 11: e0148166

Blasi B et al: Pathogenic yet environmentally friendly? Black fungal candidates for bioremedation of pollutants. Geomicrobiology Journal 2016; 33: 308-317

Tesei D et al: Proteome of tolerance fine-tuning in the human pathogen black yeast Exophiala dermatitidis. Journal of Proteomics 2015; 128: 39-57

Zalar P et al: Dishwashers – A man-made ecological niche accommodating human opportunistic fungal pathogens. Fungal Biology 2011; 115: 997-1007

Anon: Stiftung Warentest: Keime, Lecks und kaputte Pumpen. Focus Online 8. Dezember 2014

Nürnberger D: Kälter gewaschen als versprochen. Deutschlandfunk 8. Dezember 2014

Fischer L: Der extremophile Pilz aus der Geschirrspülmaschine. Fischblog 22. Juni 2011

Bockmühl D: Ab und zu das Intensivprogramm (Interview). Stiftung Warentest 26. Mai 2016

Honisch M et al: Impact of wash cycle time, temperature and detergent formulation on the hygiene effectiveness of domestic laundering. Journal of Applied Microbiology 2014; 117: 1787-1797

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