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Zeitfragen | Beitrag vom 15.07.2020

GeschichtsunterrichtKein Platz für deutsche Kolonialgeschichte?

Von Fanny Kniestedt

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Weiße Männer in Militäruniform stehen mit Flagge auf einem Stück Land. Zwei Schwarze Männer stehen ihnen gegenüber. (picture alliance/dpa/akg-images)
Brandenburgische Kolonien in Westafrika: Besitzergreifung der Goldküste, heutige Ghana, 1682. Undat. Holzstich nach Erich Sturtevant. (picture alliance/dpa/akg-images)

Im Geschichtsunterricht wird viel Wert auf die jüngere Geschichte gelegt: Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Um den heutigen Rassismus zu verstehen, müsse auch mehr über die deutsche Kolonialgeschichte gelehrt werden, fordern Kritiker.

"Was war Kolonialherrschaft nochmal...?"

Fragt man Acht- bis Elftklässler nach der Geschichte der deutschen Kolonialherrschaft – sind die Antworten dünn.

"Ich weiß nur, dass in Ghana auf jeden Fall teilweise Deutsch gesprochen wird."

Zwar steht das Thema Kolonialismus aktuell im Lehrplan. Doch, was Deutschland damit zu tun hat, scheint nicht klar.

"War das mit Napoleon und so? Ich habe nur die Verbindung von England und Frankreich zur Kolonialherrschaft."

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Geschichtslehrer Stefan Wendlik glaubt, dass dieses Kapitel kollektiv verdrängt wurde, weil Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg keine Kolonien mehr besaß.

"Das Geschichtsbewusstsein in Deutschland wird auch durch die medial hohe Präsenz des 20. Jahrhunderts bestimmt. Und hier dominieren eindeutig verschiedene Kapitel der NS-Diktatur, der Holocaust und die deutsche Teilung während des Kalten Krieges die Aufmerksamkeit."

Die deutsche Kolonialgeschichte wirkt bis heute fort

30 Jahre Kolonialzeit würden als nicht sehr einflussreich empfunden, sagt Josephine Apraku. Sie hat das Institut für diskriminierungsfreie Bildung gegründet. In der Gesellschaft bestehe die Haltung, dass die deutsche Kolonialgeschichte abgeschlossen sei und keine Auswirkungen mehr auf die Gegenwart hat. Dem sei jedoch nicht so, so die Afrikawissenschaftlerin. 

"Um ein Beispiel zu nennen: die Frage "Woher kommst du" beziehungsweise "Woher kommst du wirklich". Hier lässt sich sehr gut der Bezug zur deutschen Kolonialzeit aufzeigen, der ja wesentlich ist für den deutschen, rassistischen Diskurs. Nämlich die Vorstellung, dass Schwarze Menschen nicht deutsch sein können. Und hier auch nochmal ganz explizit das Beispiel Namibia als vorgestellte Siedlerkolonie, in der es später die Rechtsprechung gab, dass Schwarze Kinder, also sprich Nachkommen von weißen Deutschen und Frauen aus Namibia beispielsweise, nicht deutsch sein können. Das hält sich ziemlich hartnäckig bis in die Gegenwart."

Herero- und Nama-Gefangene um 1904 im heutigen Namibia. (afp / National Archives of Namibia)Herero- und Nama-Gefangene um 1904 im heutigen Namibia. (afp / National Archives of Namibia)
Auch die Diskussionen um Straßennamen oder der Umgang mit Museumsobjekten zeigt, wie sehr die Kolonialzeit bis heute unsere Sichtweisen prägt. Erst vor zehn Jahren etwa wurden eine Grundschule und eine Straße in Leipzig nach dem Zoobegründer Ernst Pinkert benannt, der verschleppte Afrikaner aus der damaligen deutschen Kolonie Kamerun in so genannten Völkerschauen ausstellte. Der aktuelle Zoo-Direktor relativiert. Zwar distanzierte er sich von Fremdenfeindlichkeit, betonte aber, dass ´die Völkerschau ja nur ein kleiner Teil` von Pinkerts Schaffens gewesen sei.

Geschichte sei wichtig, um Gegenwart und eigene Identität besser zu verstehen, betont auch Peter Droste vom Geschichtslehrerverband Deutschland. Es gäbe jedoch nicht genug Zeit, alles im Geschichtsunterricht zu besprechen:

"Was sich in den Schulplänen ändern müsste, ist zunächst einmal die Quantität des Geschichtsunterrichtes. Die Lehrpläne sind so voll, ich will jetzt bewusst nicht sagen überfrachtet, weil das Meiste, was da drinsteht, ist auch sehr wichtig. Und immer wieder nehmen wir auch Stellung zu diesen Lehrplänen. Aber immer, wenn wir da Kritik äußern, heißt es: `Ja, aber das muss rein.` Das ist ein riesengroßes Problem."

Die Schulbuchinhalte sind nicht zeitgemäß

Josephine Apraku dagegen geht es mehr darum, wie die deutsche Kolonialvergangenheit im Unterricht thematisiert wird. Oft komme das Thema zum Beispiel nur im Zusammenhang mit Imperialismus vor. Wichtiger wäre aber, den Zusammenhang zwischen der Kolonialherrschaft und der Entstehung von Rassismus aufzuzeigen.  

"Es gibt ein Unterrichtsmaterial, das wir auch immer mal wieder in Lehrendenausbildungen verwenden und dann steht da so was wie: ein Afrikaner erinnert sich. Und eine Aufgabe die daran angegliedert ist, könnte dann so was sein, wie 'Schreib eine Pro-und Contra-Liste, welche Vorteile der deutsche Kolonialismus für die ehemaligen Kolonien hatte.' Und ich finde hier wird sehr stark deutlich, dass es eben die Vorstellung gibt, dass der deutsche Kolonialismus für den afrikanischen Kontinent positive Auswirkungen hatte."

Die Schulbuchsituation ist wissenschaftlich gut evaluiert. Noch gibt es so gut wie keine rassismuskritische Auseinandersetzung mit den schulischen Inhalten. Für Sachsen-Anhalt finden sich in der neuesten Ausgabe des Geschichtsbuches der achten Klasse immerhin Bezüge zum aktuellen Diskurs über die Reparationen an die Herero und Nama, an denen die Deutschen einen Völkermord verübt hatten.

Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)
Doch beschränkt sich das auf die gymnasiale Oberstufe. Für die Realschüler gibt es keinen einzigen Satz zur Kolonialzeit. Die Bücher aus der Sekundarstufe zwei verwenden sogar noch Begriffe wie "Eingeborene". Selbst innerhalb eines Bundeslandes sind die Inhalte und Lehrmaterialien also hochgradig unterschiedlich. Peter Droste:

"Die einen Kollegen sind Mittelalterspezialisten, andere für die Antike, wieder andere für die Neuzeit. Und dann lernt man sich das an, was man für den Unterricht zusätzlich braucht – und da sind die Interessenschwerpunkte sehr unterschiedlich. Aber gleichwohl: diese Themen wie Rassismus, reflektiertes Geschichtsbewusstsein, Kolonisation – diese Themen gehören in den meisten Bundesländern zur Obligatorik. Welchen Stellenwert konkret die deutschen Kolonien dann haben, das ist sicherlich eine Entscheidung des Einzelnen."

Ob sich Lehrende die Zeit nehmen, sich in das Thema Kolonialismus einzuarbeiten und wie aktuelle Debatten besprochen werden, hängt davon ab, ob die Lehrenden selbst rassismuskritisch geschult sind. Und zwar nicht nur die Geschichtslehrer. Alle gesellschaftlichen Ebenen sind von der Kolonialzeit beeinflusst, sagt Josephine Apraku – das spiegele sich auch in der Geographie, Biologie bis hin zu den Sprachfächern wider.

"Wichtig ist, dass wir eine Verzahnung brauchen. Und zwar einerseits zwischen der Lehrendenausbildung als auch im Hinblick auf die Gesetzgebungen und Lehrpläne, aber dann natürlich eben auch mit den Schulbuchverlagen."

Denn nur mit dem Wissen um die koloniale Vergangenheit könne der heutige Rassismus verstanden werden.

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