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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.05.2014

GeschichtsaufarbeitungIm Folterkeller der Tscheka

Letten stürmen ihr neues Geheimdienstmuseum in Riga

Von Jutta Schwengsbier und Toms Ancitis

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Eine Zelle des russischen Geheimdienstes KGB im so genannten "Sure maja" ("Eckhaus") im Zentrum von Riga / Lettland (picture alliance / dpa)
Eine Zelle des russischen Geheimdienstes KGB im so genannten "Sure maja" ("Eckhaus") im Zentrum von Riga / Lettland (picture alliance / dpa)

Eine besondere Attraktion in der aktuellen Kulturhauptstadt Riga ist das gerade neu eröffnete Geheimdienstmuseum. Zu Sowjetzeiten war dort das "Komitee für Staatssicherheit der Lettischen SSR", im Volksmunde "Tscheka", untergebracht. Ein Besuch.

Wer zu Sowjetzeiten hinter dem Tor des Geheimdienstes im Eckhaus Brivibas und Stabu Straße verschwand, kam frühestens nach Monaten oder Jahren der Haft wieder heraus. In den Kellern des sowjetischen Geheimdienstes, der berüchtigten Tscheka, wurde beim Verhör regelmäßig gefoltert. Über Jahrzehnte sind dabei viele gestorben. Viele Letten wurden ohne objektiven Anlass inhaftiert. Eine große Anzahl wurde nach Sibirien verschleppt. 

Die junge Generation in Lettland wisse gar nicht mehr was der KGB war, sagt Rihards Pētersons. Der Historiker hat die Ausstellung im KGB-Haus miterstellt.

"Die erste Frage der Besucher ist oft 'Was war die Tscheka überhaupt?' Dann erzähle ich, dass sich in jedem Staat Behörden um die Sicherheit kümmern. Die entscheidende Frage ist doch: Welche Interessen vertreten diese Institutionen? Sind es die Interessen eines demokratischen Landes? Oder eines totalitären Systems? Die Sowjetunion war eine Diktatur. Dann verstehen viele: Die Tscheka war so schrecklich wie die Gestapo in Nazi-Deutschland."

Ein Heizkessel trieb die Temperaturen im Sommer auf Gluthitze hoch

Die Zellen im Keller sind so klein, dass sich nur wenige vorstellen können, wie hier während gewaltreicher Jahre des Sowjetregimes – zwischen 1944 bis 1946 - zehn oder 15 Menschen eingekerkert waren. An einigen Wänden sind Namen eingeritzt. Das Atmen fällt schwer in den schlecht belüfteten, kalten Kellerräumen. Damals war es hier nicht kalt, wie Informationstafeln erläutern, sondern erdrückend heiß. Ein großer Heizkessel ließ auch im Sommer die Temperaturen unerträglich ansteigen. Die Gluthitze war eines der Foltermittel. In einem dieser Kellerräume wurden auch Todesurteile vollstreckt.

Juris Vinkelis war als Gefangener der Tscheka neun Monate im Geheimgefängnis eingesperrt. Wie er selbst sagt, wegen "der Verbreitung von verleumderischen Schriften gegen die Sowjet-Macht". Heute ist Vinkelis Abgeordneter im Stadtrat von Riga.

Juris Vinkelis: "Dieses Haus noch einmal zu besuchen ist für mich eine Verpflichtung. Früher habe ich wie viele um das Haus einen großen Bogen gemacht. Nun habe ich meine Verwandten und Kinder mitgenommen. Ich habe auch die Geheimdienstakten über mich gelesen. Na, das ist einfach Geschichte."

Namen der KGB-Agenten in Lettland sind nicht einsehbar

Als lebender Augenzeuge erzählt Juris Vinkelis, dass sich in dem Keller all die Jahre gar nichts verändert habe. Mit der Unabhängigkeit Lettlands zog die Polizei in das Gebäude ein, ohne die grausame Vergangenheit zu beachten. Seit dem Jahr 2008 steht der 8000 Quadratmeter große Komplex leer. Juris Vinkelis zeigt seinen Kindern und auch den anderen Besuchern: Dort war sein Bett, daneben musste er sich entkleiden, am Flurende wurden Fingerabdrücke abgenommen. Während seiner Haftzeit wurde nicht mehr gefoltert. Was bedeutet die historische Aufarbeitung für ihn als Opfer? Die so genannten "Säcke der Tscheka", also die Listen mit den Namen der KGB-Agenten in Lettland, sind noch nicht für das Publikum einsehbar, im Gegensatz zu den Stasi-Archiven der DDR.

"Es ist schon zu spät für eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte. Die Namenslisten des Geheimdienstes sind heute unvollständig, die Namen der 'echten Agenten' wurden während der Wende aus der Säcken rausgenommen. Unsere Unabhängigkeit haben wir nicht durch einen revolutionären Prozess erhalten. Die Mitarbeiter des KGB hatten also genug Zeit sich vorzubereiten. Es tauchen auch viele Namen von lettischen Intellektuellen auf. Vieles wurde einfach gefälscht. Wer zu Sowjet-Zeit reisen wollte, musste viele Dokumente unterschreiben. Niemand weiß, wozu diese Unterschriften später verwendet wurden."

Das große Interesse am Geheimdienstmuseum zeigt deutlich wie sehr sich auch die Letten für die historische Aufarbeitung ihrer Geschichte interessieren. Vor kurzem hat das lettische Parlament deshalb entschieden: die KGB-Listen sollen ab 2018 öffentlich zugänglich gemacht werden, nach einer sorgfältigen wissenschaftlichen Prüfung.

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