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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.08.2012

Geschichten von Menschen in der Krise

Jean-Marie Blas de Roblès: "Wo Tiger zu Hause sind", S. Fischer, Frankfurt 2012

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Tiger (AP)
Tiger (AP)

Eléazard von Wogau lebt in Alcantara, einer Kleinstadt im Norden Brasiliens. Der Journalist langweilt sich und sucht nach Themen. Dabei kommt ihm die Biographie eines deutschen Jesuiten unter. De Roblès Schilderung der Verstrickungen dieser beiden Leben erinnert an den magischen Realismus.

Jean-Marie Blas de Roblès fand lange keinen französischen Verlag für seinen Roman "Wo Tiger zu Hause sind". Das mag daran gelegen haben, dass dieses weit ausgreifende, 800 Seiten dicke Buch weniger mit französischen Sprachspielereien als mit dem magischen Realismus lateinamerikanischer Autoren zu tun hat. Die kleinen Editions Zulma haben es jedenfalls nicht bereut, "Wo Tiger zu Hause sind" dann doch herausgebracht zu haben: Jean-Marie Blas de Roblès bekam dafür den Prix Médicis.

Es geht in diesem Roman um Menschen in der Krise. Und um Brasilien. Und um einen Gelehrten des 17. Jahrhunderts. Und, und, und... "Wo Tiger zu Hause sind" ist wie ein Kaleidoskop: Bei jedem Blick offenbart sich etwas anderes, noch nicht Gesehenes. Zunächst präsentiert sich jedoch der Pressekorrespondent Eléazard von Wogau. Er lebt in Alcântara im Nordosten Brasiliens, und dort passiert so wenig Berichtenswertes, dass er sich hauptsächlich mit dem kritischen Anmerkungsapparat zur neu entdeckten Biographie des gelehrten Jesuiten Athanasius Kircher beschäftigt, die Kirchers Diener verfasst haben soll. Je genauer sich von Wogau einliest, desto dringlicher stellt sich ihm die Frage: War Kircher, der mit den klügsten Köpfen seiner Zeit in Austausch stand, ein begnadeter Hochstapler oder ein genialer Denker?

Die Antwort hat viel mit von Wogaus eigener Sicht auf das Leben zu tun. Er steht an einem Wendepunkt, denn seine Frau Elaine hat ihn verlassen, seine Tochter ist weggezogen und meldet sich nur noch wegen Geld. Elaine, eine Archäologin, reist derweil mit drei Kollegen auf der Suche nach seltenen Fossilien in den Urwald. Diese Reise wird zu einem wahren conradschen Trip ins Herz der Finsternis, bei dessen Beschreibung Blas de Roblès die grausigen Details geradezu auskostet. Die Tochter, durch die Trennung der Eltern ebenfalls aus der Spur geraten, gibt sich indessen Drogen hin und erlebt Horrortrips. Und en passant versuchen von Wogau und seine Freunde, einen korrupten Provinzfürsten zu stürzen.

Eléazard von Wogau lebt nicht zufällig in einer heruntergekommenen Barockstadt und beschäftigt sich mit einem Jesuiten der Barockzeit: Trauer über vergangene Schönheit empfinden alle Figuren. Und Blas de Roblès' Roman ist selbst von barocker Pracht, die Beschreibungen sinnlich und überbordend. Ein Bekannter von Wogaus zum Beispiel hat "den nervösen Tick, durch den ein Kaumuskel an seiner Wange fortwährend in einer obszönen Zuckung schwoll". Athanasius Kirchers Lebensgeschichte hat Blas de Roblès gleich ganz im Stil eines Barockromans verfasst. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel nimmt diese sprachliche Herausforderung traumwandlerisch sicher.

Auf die Erwähnung der einen oder anderen Erfindung oder Veröffentlichung von Pater Kircher hätte Blas de Roblès vielleicht verzichten sollen, denn die Erzählstränge in der Gegenwart - von denen hier nur einige wenige erwähnt sind - sind um einiges fesselnder. Aber davon abgesehen führt der Autor die Leser mit gelassener Souveränität durch seinen gelehrsamen, prachtvollen, schrecklichen und komischen Roman-Dschungel.

Besprochen von Dina Netz

Jean-Marie Blas de Roblès: Wo Tiger zu Hause sind
Roman, Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2012, 800 Seiten 26,99 Euro

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