Geschichten mit Lokal-Kolorit

Der Berliner Fernsehturm "Alex" © Deutschlandradio / Bettina Straub
29.11.2006
Manfred Bofinger ist vor allem als Illustrator von Kinderbüchern bekannt geworden. Doch der im Januar 2006 Verstorbene hat sich auch als Autor einen Namen gemacht. In seinem letzten Band "Das Leben eben" wirft er einen Blick in den Berliner Kiez und erzählt fast beiläufig von seinen Alltagsbeobachtungen.
Manfred Bofinger wurde einmal gefragt: "Herr Bofinger, sind Sie eigentlich berühmt oder nur bekannt?" Er ließ die Antwort offen, obwohl die Frage leicht zu beantworten gewesen wäre – der viel zu früh Verstorbene war zunächst bekannt und wurde, nachdem er hunderte von Kinderbüchern illustriert hat, berühmt.

Spätestens seit dem Erscheinen seiner Kindheitserinnerungen "Der krumme Löffel" und den Geschichten mit Kindern, die unter dem Titel "Ein dicker Hund" erschienen, hat sich Bofinger auch einen Namen als Autor gemacht. Insofern müsste Bofingers Tochter ihre Äußerung korrigieren, was sie gewiss auch getan hat: "Früher hat ja mein Vater mal gearbeitet. Aber jetzt zeichnet er nur noch Witze."

In Bofingers letztem Buch "Das Leben eben", das unvollendet blieb, begegnen wir erneut jenem pointenreichen Erzähler. Bofingers Geschichten kommen eher beiläufig daher, so, als wolle der im Schauen geübte Künstler seine Alltagsbeobachtungen aus irgendeinem Grunde wieder einmal in Prosa und nicht in Bildern präsentieren. Doch gemalt wird auch in diesem Kurzgeschichtenband, allerdings mit Worten. Der Erzähler Manfred Bofinger, den seine Freunde "Bofi" nannten, entwirft Straßenszenen, er zeichnet Porträts und er hält Stimmungen in verschiedenen Farben fest.

Angeregt und angezogen vom Alltagsleben entdeckt Bofinger den schon sprichwörtlich gewordenen Witz der Berliner, den sie großzügig verschenken. Der Urberliner bewahrt ihn in seinen Geschichten wie eine Kostbarkeit. In den besten Prosastücken begegnen wir Menschen, die wir zu kennen meinen. Wir werden eingeladen, einem Künstler über die Schulter zu blicken und entdecken dabei, dass er eigentlich von uns erzählt. Zu den vertraut klingenden Episoden gehört die von einem Mann, der von seiner Familie beauftragt wird, eine Maus zu fangen, die sich ins Haus eingeschlichen hat. Folgsam wie er ist, erledigt er, was von ihm erwartet wird und fühlt sich nach der Erledigung der Bitte wie der unglücklichste Mensch - schließlich ist er keine Langhaarkatze.

Die Katze Bofinger – eine weitgehend haarlose übrigens – hat lieber Episoden gefangen. Sie stellte geschickt Geschichten hinterher und lag mit Vorliebe im Kiez in Berlin Treptow auf der Lauer. Dort wartete sie geduldig, bis sich etwas Seltsames ereignete – Mäusen schenkte sie nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie sich in einer Erzählung unterbringen ließen.

Die stattliche Bofinger Fan-Gemeinde wird von dem neuen Buch nicht enttäuscht sein und auf ihre Kosten kommen. Und sie kann das Vorwort und das ihm vorausgehende Vorvorwort getrost überblättern, weil in dem einen versucht wird, Bofinger mit Shakespeare und in dem anderen ihn mit Canetti zu vergleichen. Solche bemühten Parallelen braucht man nicht, um Bofinger zu adeln. Er war ein Unikum, den man als Geschichtenerzähler – ob nun mit Worten oder mit dem Pinsel – sehr viel überzeugender aus sich selbst heraus erklären kann.

Rezensiert von Michael Opitz

Manfred Bofinger: Das Leben eben. Beobachtungen aus nächster Nähe
Mit vier vermeintlichen Fresken von Manfred Bofinger und zahlreichen Illustrationen
Aufbau Verlag 2006
120 Seiten, 14,90 Euro