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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2008

Geschichten aus einem archaischen und weltfremden Land

Ismail Kadare: "Der Raub des königlichen Schlafes", Ammann Verlag, Zürich 2008, 480 Seiten

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 Café in Tirana, Albanien (AP Archiv)
Café in Tirana, Albanien (AP Archiv)

Unter kommunistischer Herrschaft war Albanien ein abgeschottetes und rückständiges Land am Rande Europas. Bei aller Brutalität trug die Herrschaft von Enver Hoxha auch absurde Züge. In "Der Raub des königlichen Schlafes" thematisiert Ismail Kadare das Leben in einer Diktatur und liefert eine Parabel auf Unterdrückung, Überwachung, Macht, Intrige und Verrat.

Albanien ist ein kleiner Fleck auf der europäischen Landkarte, der häufig übersehen wird. Auf der literarischen Landkarte kann man es nicht übersehen. Das liegt vor allem an dem 1936 geborenen Ismail Kadare, der seit langem als Nobelpreiskandidat gilt. Das Albanien, das er in seinen Büchern beschreibt, ist allerdings ein Land, das seltsam archaisch, märchenhaft und weltenfern wirkt.

Die so absurde wie brutale Diktatur des Enver Hoxha wird darin zur großen Parabel auf Unterdrückung, Überwachung, Macht, Intrige und Verrat, aber auch auf Opportunismus, Lüge und Aberglaube derer, die sich mit den Verhältnissen zu arrangieren haben. Meisterhaft versteht er sich darin, bedrückende Gesellschaftsbilder in surrealistische Alptraumszenarien zu steigern und die mehr als absurde Wirklichkeit mit einem eiskalten, nüchternen Realismus darzustellen.

Das belegt erneut ein Band mit Erzählungen und Kurzromamen, die nun erstmals auf Deutsch erschienen sind, wie immer makellos übersetzt von Joachim Röhm. Die Titelgeschichte, "Der Raub des königlichen Schlafes", ist eine literarische Fußnote zu dem großen Roman "Der Palast der Träume" aus den 70er-Jahren. Dort wurde die Behörde eines Sultans beschrieben, in der die Träume der Untertanen gesammelt, gesichtet und ausgewertet werden: Überwachung bis ins Unbewusste hinein. Jetzt, in der Erzählung, bekommt der Sultan eine unerfreuliche Mitteilung. Aus dem Palast der Träume wurde das Dossier entwendet, das dem Schlaf seines Großvaters gewidmet ist. Der Sultan ist außer sich. Doch die Untersuchung des Vorgangs kommt nicht voran, vielleicht deshalb, weil der Sultan sich Täter mit Skalpellen vorstellt, die sich über das Dossier beugen wie Ärzte bei der Autopsie über eine Leiche. "Der Schlaf ist wie Blut. Alles ist darin enthalten", schreibt Kadare über diesen Herrscher eines fiktiven osmanischen Reiches. Allmählich kippt die Szenerie. Man weiß nicht mehr, ob der Sultan wahnsinnig ist oder das Opfer einer Intrige. Er unterzeichnet ein Dokument, das sein Wesir ihm vorlegt, und akzeptiert damit die eigene Abdankung. Der höchste Herrscher wird zu einem Gefangenen im goldenen Käfig und verfällt in ein gellendes, irres Gelächter.

Egal aus welchen Zeiten Kadare erzählt, ob aus dem türkischen Großreich (zu dem Albanien gehörte), dem alten China oder dem faschistischen Italien (das Albanien besetzte): die historischen Szenerien sind als Maskeraden zu durchschauen, hinter denen die konkreten albanischen Zustände der Diktatur sichtbar werden. Die Brutalität der Macht ist das Kontinuum der albanischen Geschichte. Doch umgekehrt gilt auch: Albanien ist nur eine Großmetapher für Diktaturen aller Art, die zu allen Zeiten und an allen Orten so oder so ähnlich ablaufen. Das macht diese Texte so haltbar und aufregend. Kadare kann das behaupten, weil er sich nicht für politische Details und Systemfragen interessiert, sondern für das Verhalten der einzelnen Menschen in der Diktatur, die zur systematischen Heuchelei zwingt. Großartig zum Beispiel die Erzählung "der Blendfermarn". Aus Aberglaube und Angst vor dem "bösen Blick", der angeblich dazu führt, dass Kutschen umfallen und Brücken einstürzen, gibt der Sultan einen Erlass heraus: Wer des bösen Blickes verdächtig ist, soll geblendet werden. Das ist eine unverhüllte Aufforderung zur Denunziation. Die Gesellschaft zerfällt in Angst und Hysterie. Am Ende aber, nachdem auch der Großwesir dem Erlass zum Opfer fiel, sind die Mitarbeiter der staatlichen Behörde dran, die die Blendungen durchführte. Sie wissen zu viel und müssen deshalb beseitigt werden.

Eine häufig wiederkehrende Figur ist der korrupte Provinzfürst, der sich für Sex und gutes Leben interessiert, seine Macht aus Eigennutz missbraucht, aber jederzeit fürchten muss, der nächsten Säuberungswelle zum Opfer zu fallen. Auch die Intellektuellen sind in diesem System der Belohnungen und Bedrohungen gefangen, wie "Die Geschichte des albanischen Schriftstellerverbandes im Spiegel einer Frau" zeigt. Selbstdemütigung als Überlebensmittel: Die Autoren stimmen geschlossen zu, ab sofort keine Honorare mehr zu bekommen und in die Provinz verbannt zu werden.

Bedauerlich, dass der Band ohne Erläuterungen oder zumindest Hinweise zur Publikationsgeschichte erschienen ist. Sicher: Die Literatur hat sich vom konkreten Anlass gelöst und beweist eine zeitlose Gültigkeit. Und doch würde man gerne wissen, wann die einzelnen Texte entstanden sind, auf welche konkrete Situation sie sich beziehen und ob und wann sie in Albanien erscheinen konnten. Kadare war ein Günstling Enver Hoxhas; er war Mitglied der Partei und saß von 1970 bis 1982 im albanischen Parlament. Seine Bekanntheit im Westen machte ihn gleichwohl relativ unangreifbar, und er konnte sich kritische Positionen erlauben, wie kein anderer albanischer Autor. Gerade in diesem Kontext wäre ein Kommentar zu den einzelnen Erzählungen hilfreich gewesen.

Rezensiert von Jörg Magenau

Ismail Kadare: Der Raub des königlichen Schlafes. Kleine Romane und Erzählungen
Aus dem Albanischen von Joachim Röhm
Ammann Verlag, Zürich 2008
480 Seiten, 24,90 Euro

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