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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.07.2015

Geschichte des Mittelmeerraums Der Historiker als Kapitän in einem Meer von Fakten

Von Anselm Weidner

Der französische Historiker Fernand Braudel ("Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts") am 20.10.1985. Er zählt zu den Begründern der modernen Geschichtsschreibung. (picture-alliance / dpa / AFP)
Der französische Historiker Fernand Braudel: Für sein Hauptwerk setzte er Exzerpte, Notizen und Material aus Archiven aus 17 Jahren Recherche im Kopf wieder zusammen. (picture-alliance / dpa / AFP)

Er wollte Geschichte in ihren tieferen Schichten verstehen und langsame, aber fundamentale Veränderungen nachvollziehen. Das versuchte der Historiker Fernand Braudel (1902-1985) unter anderem in seinem Hauptwerk "La Mediterranée", das Geographie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelmeerraumes interdisziplinär betrachtet.

"Flutwellen von Wirtschaft, Gesellschaft, Zivilisation – Eine Geschichte langsamer Rhythmen. Dort werden nacheinander die Ökonomien, die Staaten, die Gesellschaften und die Zivilisationen untersucht. Dort versuche ich schließlich zu zeigen, wie alle diese Kräfte im komplexen Bereich des Krieges am Werke sind."

Hier wird Kriegsgeschichte nicht als Schlachten- und Diplomatiegeschichte geschrieben, sondern als eine der Technikentwicklung, der Rüstungskosten und der Kulturen. Eine Etage tiefer entdeckt Fernand Braudel eine weitere Schicht:

"Die lautlosen Strömungen der Geographie, der Siedlungsformen und Transportwege, eine träge dahinfließende Geschichte, die nur langsame Wandlungen kennt eine gleichsam unbewegte Geschichte des Menschen in seinen Beziehungen zum umgebenden Milieu."

Die materielle Substanz der Geschichte: Berge, Hochebenen, Ebenen, Meere und Küsten, Klima und Jahreszeiten und was Menschen damit gemacht haben, wie Dörfer und Städte, Straßen, Land- und Seewege sich entwickelt haben.

Ereignisse, kulturelle Strömungen, geografische Bedingungen und Veränderungen: Mit diesem weiten Blick entwickelt Braudel ein Konzept, das die herkömmliche Geschichtsschreibung revolutioniert. Um die Geschichte eines Raumes in einer Epoche zu erfassen, unterscheidet er zwischen der geografischen, der sozialen und der individuellen Zeit.

Neue, komplexere Sichtweise

Freilich, Braudel war nicht der erste, der Geschichte so verstand. In den 20er-und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte sich in der französischen "École des Annales" eine Gruppe junger Historiker zusammengefunden, die an dieser neuen komplexeren Sicht auf die Geschichte arbeitete. Fernand Braudel hat dieses Geschichtsverständnis popularisiert und wurde zum prominentesten Vertreter der "Annales".

"Die Annales haben versucht, eine gesamtgesellschaftliche Perspektive einzubringen, die Ökonomie, die Kultur, die Gesellschaft, die Politik, das alles zusammen zu sehen und dieses System von Systemen, das eine Gesellschaft ausmacht, gleichberechtigt zu analysieren."

So Peter Schöttler, ehemaliger Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Weltweit wurden die historischen Arbeiten der Annales und Braudels als wegweisender Fortschritt der Geschichtswissenschaft wahrgenommen. Die bundesdeutsche Historikerzunft allerdings hielt sich bedeckt:

"Lange Zeit galten die Annales, sagen wir in den 50er- und 60er-Jahren als, na ja, viel zu materialistisch, um nicht zu sagen marxistisch und man zeigte dann auch mit dem Finger auf den einen oder anderen Autor der Annales, der doch Mitglied der KPF sei. So dass doch über Jahrzehnte hin eine negative Mythisierung der Annales stattgefunden hat, die eigentlich erst in den 70er-, 80er-Jahren aufgebrochen worden ist."

Erst in den 1970er- und 80er-Jahren erschienen erste Braudel-Werke auf Deutsch, sein großes Ursprungswerk "La Mediterrannée" erst 1990.  

Politik und Alltag verbunden

Braudel entwickelte seinen historiografischen Ansatz weiter, als er in den 70er-Jahren eine Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts verfasste, in der die Geschichte des Alltags eine dominante Rolle spielte. Meisterhaft verband er Politik und Alltag. Peter Schöttler:

"Vielleicht ist es auch interessant, daß diese ganze manchmal groteske Debatte um Alltagsgeschichte, die es in Deutschland vor einigen Jahren gab, wo sich akademische Größen darüber aufgeregt haben, dass sich manche Historiker zu sehr für die kleinen Dinge interessierten, diese Debatte hat es in Frankreich nicht gegeben, weil jemand wie Braudel sowohl das ganz Große wie das ganz Kleine im Blick hatte; er hatte sowohl die Weltgeschichte im Blick als auch die Alltagsgeschichte, das Kleine im Großen immer beachtet und nicht etwa vernachlässigt oder gar verachtet.

Braudels Perspektive, Geschichte in ihren tieferen Schichten langsamer, aber fundamentaler Veränderungen zu verstehen, hat ihre Wurzeln in existentiellen Erfahrungen seiner eigenen Lebensgeschichte. 1940 war er als französischer Offizier an der Rheinfront in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, konnte aber als Historiker weiterarbeiten, selbst Literatur aus deutschen Bibliotheken bestellen. Er setzte unvorstellbare Mengen von Exzerpten, Notizen, Filmen, von Material aus Archiven rund ums Mittelmeer, die Arbeit von 17 Jahren Recherche, im Kopf wieder zusammen und so entstanden 53 Schulhefte, zusammengeklebt aus teils getippten, teils handgeschriebenen Seiten, die er seinem Historikerfreund und -kollegen Lucien Febvre nach Paris schickte. So entstand die Urfassung von Braudels Meisterwerk "La Mediterranée" in deutschen Kriegsgefangenenlagern.

1985, kurz vor seinem Tod, bemerkte er über sein epochales Werk:

Zitator: "Die Wahl einer langen Zeitspanne als Skala der Betrachtung bedeutete, als Fluchtpunkt die Stelle Gottvaters zu wählen. Die Geschichte wurde weit weg von uns und unserem täglichen Elend geschrieben, und die veränderte sich nur mählich, so mählich wie das altüberkommene Leben im mediterranen Raum. So kam es, dass ich mich bewusst auf die Suche nach einer Sprache der Geschichte begab."

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