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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.07.2011

Geschichte des erzählenden Schreibens

James Wood: "Die Kunst des Erzählens", Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 224 Seiten

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James Wood: "Die Kunst des Erzählens" (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
James Wood: "Die Kunst des Erzählens" (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Mit historischem Tiefenblick verfolgt der Harvard-Professor James Wood in seinem Buch "Die Kunst des Erzählens", wie sich die Bewusstseinsdarstellung seit Shakespeare entwickelte und die literarische Gattung des Romans zum Medium des menschlichen Innenlebens wurde.

Der deutsche Titel von James Woods Buch, "Die Kunst des Erzählens", klingt feierlicher als das handwerklicher daherkommende Original: "How Fiction Works" – wie funktioniert Literatur? Um das gewinnbringend zu erklären, nimmt der Kritiker und Harvard-Professor Wood den Motor des Romans auseinander und besieht die Einzelteile: Dialog, Stil, Beschreibung, Tonhöhe und Erzählperspektive, Figuren in diversen Ausprägungen von der flächigen, aber effektiven Karikatur bis zum komplexen Charakterporträt, sprechende Details und kühne Metaphern als Mittel des Erkenntnisblitzes.

Mit historischem Tiefenblick verfolgt er, wie sich die Bewusstseinsdarstellung seit Shakespeare entwickelte, wie die Autoren Formen wie die "erlebte Rede" - das erzählerische Anschmiegen an die Perspektive der Figur - immer mehr verfeinerten, wie der Roman zum Medium des menschlichen Innenlebens wurde, zur Schule der Anteilnahme.

Der Reiz des Buches ist die leichthändige Anschaulichkeit, die ebenso knapp wie präzise ausgeführte Arbeit am Beispiel. Es geht nicht um Literaturtheorie; trotzdem positioniert sich Wood als Verfechter eines komplexen Realismus, den er gegen dessen Verächter (allen voran gegen der französischen Theoretiker Roland Barthes) verteidigt. Der Einwand, dass ein Roman nicht wirklich eine vorgestellte Welt erschaffen könne, weil er doch nur ein zusammengebundener Papierstapel sei, ein System von Zeichen und stilistischen Konventionen, erscheint nach Woods Abfertigung geradezu albern. Seiner Idee des Realismus geht es dabei nicht um "referentielle Korrektheit", sondern um innere Folgerichtigkeit und Plausibilität: "Literatur bittet uns nicht, Dinge (in einem philosophischen Sinn) zu glauben, sondern sie uns (in einem künstlerischen Sinn) vorzustellen." So gesehen, ist auch Kafkas "Verwandlung", die Erzählung von der Ungeziefer-Werdung eines gewissen Gregor Samsa, großer Realismus.

Erfrischend ist Woods Umgang mit den Meistern. Er zeigt, wie auch große Autoren handwerkliche Fehler machen: John Updike etwa, der die perspektivischen Grenzen einer Figur überschreitet, um elaborierte Beobachtungen zu platzieren. Die stilistische Mimikry David Foster Wallaces, der aus dem Sprachschutt der durchmedialisierten amerikanischen Gegenwart Prosawerke türmt, findet Wood auf Dauer ermüdend. Nabokov muss sich vorhalten lassen, dass er zu sehr auf optische Eindrücke fixiert sei. Jane Austen, Knut Hamsun, Anton Tschechow und Saul Bellow dagegen gefallen Wood so gut, weil sie ihre Artistik etwas dezenter präsentieren. Die überragende Gründungsfigur des modernen Erzählens ist und bleibt für Wood Gustave Flaubert.

Im Kanon der Meisterwerke, an denen er seine Einsichten vorführt, kommen deutschsprachige Werke kaum vor. Das ist nicht nur dem begrenzten Lektürepensum geschuldet, mit dem sich selbst ein Starkritiker begnügen muss. Es fällt beim Vergleich der übersetzten Zitate mit den (oft beigefügten) Sätzen der Originalwerke auch auf, dass die von Wood erläuterten erzählerischen Finessen in den Übersetzungen oft verloren gegangen sind. Das ist eine nicht neue, aber doch etwas erschreckende Einsicht, die sich nebenbei bei der Lektüre dieses sehr empfehlenswerten Buches ergibt.

Besprochen von Wolfgang Schneider

James Wood: Die Kunst des Erzählens
Vorwort von Daniel Kehlmann.
Aus dem Englischen von Imma Klemm.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011
224 Seiten, 19,95 Euro

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