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Zeitfragen | Beitrag vom 24.10.2018

Geschichte der Radio-Ratgebersendungen Liebe Hörerinnen und Hörer, was wollen Sie wissen?

Von Christian Berndt und Ralf Bei der Kellen

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Ein Mann und eine Frau sitzen nebeneinander auf dem Sofa und hören mit Kopfhörern Radio, digital kolorierte Aufnahme aus dem Jahr 1928  (picture alliance / akg)
Ein Bild aus der Anfangszeit des Rundfunks: Ein Paar hat es sich in den 1920er-Jahren zum Hören gemütlich gemacht. (picture alliance / akg)

Bald nach Beginn des Hörfunks in Deutschland gab es auch Ratgebersendungen. Hörerinnen und Hörer durften aber erst einmal nicht live auf Sendung. Das kam erst Jahrzehnte später, mit teilweise sehr lustigen Ergebnissen - in beiden deutschen Staaten.

"Bei mir ist Folgendes: Einmal im Monat überkommt es mich, dann werde ich sexuell erregt, und zwar nicht, mit einer Frau zu schlafen oder einem Mann, sondern mit Hackfleisch."

Bei diesem Anrufer hatte selbst Jürgen Domian in seiner Ratgeber-Sendung im Radiosender 1Live Mühe ernst zu bleiben. Seine Sendung, auch im WDR-Fernsehen übertragen, war eines der erfolgreichsten Ratgeber-Formate im Hörfunk.

Der Moderator Jürgen Domian im März 2015 in Köln in einem Studio des WDR-Radiosenders 1Live. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)Der Moderator Jürgen Domian war sehr erfolgreich bis 2016 als Ratgeber beim WDR-Radiosender Eins Live auf Sendung. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Als der Rundfunk in Deutschland am 29. Oktober 1923 an den Start ging, war noch unklar, wie und für wen gesendet werden sollte. Beratungssendungen gab es, allerdings in der Regel nur in der Form, dass der Experte berät und Hörer lediglich zuhören. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 kamen Diskussionsrunden in Mode, auch zu politischen Themen.

Ratgebersendung als Propagandamittel

Die Nazis nutzten Ratgebersendungen dann, um Propaganda direkt in den Alltag zu transportieren. Und die Briten sendeten die Anti-Propaganda mit Hugh Carlton Greene im Deutschen Dienst der BBC – auch als Ratgeber:

"Diese Frage kommt aus der Schweiz. Eine Dame in Bern möchte gern wissen, warum wir nicht Störsender gegen den deutschen Rundfunk einsetzen. Frazer?"

"Ja, ich glaube, das kann ich mit einem Satz beantworten: Wir stören die Sendungen des deutschen Rundfunks nicht, weil wir es nicht nötig haben. Uns ist es ganz recht, wenn die Leute Goebbels' Argumente hören und unsere Argumente – und dann entscheiden, wer Recht hat. Rundfunksendungen stören – das ist immer das sicherste Zeichen, dass man Angst vor der Wahrheit hat."

Nach dem Krieg war das Bedürfnis nach Beratung groß. Der erfolgreichste Hörfunk-Ratgeber der Zeit in Westdeutschland war Walther von Hollander, zunächst mit "Der Hörer hat das Wort" und dann mit "Was wollen Sie wissen?". In "Was wollen Sie wissen?" kamen die Hörer nun endlich auch einmal zu Wort – wenn ihre Anrufe auch vorher aufgezeichnet wurden. Auch in der DDR gab es Lebensberatungssendungen.

Der ostdeutsche Sexualaufklärer Dr. Siegfried Schnabl sitzt an einem Schreibtisch vor einer Bücherwand. (picture-alliance / ZB / Wolfgang Thieme)Der Psychotherapeut Siegfried Schnabl war einer der führenden Sexualexperten der DDR. (picture-alliance / ZB / Wolfgang Thieme)

"Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Dass das keine Floskel ist, merken Sie gleich, wenn ich unseren heutigen Gast begrüße, es ist Doktor Siegfried Schnabl aus Karl-Marx-Stadt ... "

Dr. Schnabl war Psychotherapeut und Sexualwissenschaftler. Er antwortete auf Briefe, die die Redaktion erhielt.

"Eine Hörerin aus Zeitz meint: Eine Frau, die den ganzen Tag mit Berufs- und Hausarbeit ausgelastet ist, kann abends nicht auch noch Interesse am Sex haben, auch ein Hörerbrief."

Themen Sexualität und Partnerschaft wurden wichtig

Das Thema Sexualität rückte in den Mittelpunkt des Ratgeber-Interesses.

"Es ist nämlich so, dass sehr viele Leute von dem Partnertausch und von dem sogenannten Gruppensex sehr angezogen werden."
"Ja, ich mein', bei uns war das auch so. Ich hatte es zwar anfangs auch nicht für nötig empfunden, aber, ähm, mein Mann hat mich nicht direkt überredet, ich war denn bereit, es auch mitzumachen."
"Ja ... ich kann Ihnen so schwer da raten, es sind für mich auch neue Probleme. Mir fällt nur auf, dass man darüber nachdenken muss, warum es so häufig ist, denn sie sind doch ein ganz durchschnittliches Ehepaar."

Der Schriftsteller, Erzähler und Drehbuchautor Dr. Walther von Hollander sitzt telefonierend in seinem Büro in Hamburg, Aufnahme von 1956 (picture alliance / United Archives / Siegfried Pilz)Der Schriftsteller, Erzähler und Drehbuchautor Walther von Hollander war in Westdeutschland der erfolgreichste Hörfunk-Ratgeber seiner Zeit. (picture alliance / United Archives / Siegfried Pilz)

Bei dieser Diskussion, im Jahr 1971, kam sogar der sonst so progressive Walther von Hollander an seine Grenzen. Seine Sendung "Was wollen Sie wissen?" ist die langlebigste aller Beratungssendungen im deutschen Hörfunk gewesen.

Mehr Episoden aus der Geschichte der Beratungssendungen im Radio und historischer Kontext im Manuskript zur Sendung.

Die Erstausstrahlung des Features von Christian Berndt und Ralf Bei der Kellen war am 17.2.2016.

Mehr zum Thema:

Nacht-Talker Jürgen Domian - Gespräche mit Todkranken und Perversen
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 22.01.2016)

Jürgen Domian - "Mein Lebensrhythmus ist komplett verdreht"
(Deutschlandfunk, Corso, 02.11.2015)

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