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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.10.2019

Geschichte der KleingärtenDer Schatz der Laubenpieper

Roman Hillmann im Gespräch mit André Hatting

Eine Bochumer Kleingartenkolonie in Hufeisenform aus der Vogelperspektive. (imago/Hans Blossey)
Schrebergärten in Bochum: Ob Kleingartenkolonien zwischen Wohnblöcken oder am Stadtrand liegen, hängt von der Geschichte der Stadt ab. (imago/Hans Blossey)

Kleingartenkolonien sind ein wertvoller Teil der Stadtbaugeschichte, sagt der Historiker Roman Hillmann. Wer eine Kolonie abreißen lässt, vernichte mit ihr nicht nur eine Grünfläche, sondern auch einen architektonischen Mikrokosmos.

Der deutsche Stadtmensch liebt seinen Schrebergarten. Eine Parzelle macht Angestellte zu Gemüsebauern und Stubenhocker zu Sonnenanbetern. Doch Kleingartenkolonien haben nicht nur einen freizeitlichen Wert. Auch aus stadtgeschichtlicher Sicht seien die Lauben durchaus bedeutsam, erklärt der Architekturhistoriker Roman Hillmann. Die Stadtkleingärten seien zunächst zufällig entstanden, bis sie sich mehr und mehr etablierten und ab den 1920er-Jahren als Dauerkolonien fest eingeplant wurden. "Das ist eine über 100-jährige Stadtbaugeschichte. In gewisser Hinsicht sind Kleingärten also Teil des Erbes einer Stadt", so Hillmann.

Grünflächen mitten in der Stadt

In Kiel etwa entstanden die Kleingärten sehr früh. Während sich die Stadt um die Kieler Börde entwickelte, gründeten sich die Kolonien am äußeren Rand. Berlin hingegen sei ein komplexeres Gebilde, sagt Hillmann. Neben den außen liegenden Kleingärten gehöre zur Berliner Stadtlandschaft auch ein Mittelbereich. Das habe mit der Entwicklung der Stadt zu tun: Hatte Berlin die Kleingärten bis in die 20er-Jahre wie einen Gürtel um sich herum liegen, lagen die Kolonien nach der Eingemeindung plötzlich mitten zwischen Wohnblocks.

Die ersten Kolonien seien Begleiterscheinungen der Industrialisierung gewesen, so Hillmann. Bis zu 70 Menschen hätten in Berlin in einem Haus gewohnt. Das sei damals Weltrekord gewesen. Deshalb hätten sich diese Gartenkolonien zunächst als Ausweichmöglichkeit gebildet.

Spiegel des architektonischen Zeitgeistes

Die Entwicklung der Baustile ging auch an den Lauben nicht vorbei. Egal ob Bauhaus, Postmoderne oder Jugendstil: Die Lauben spiegelten stets den architektonischen Zeitgeist wider, sagt Hillmann. Eine hundertjährige Kolonie sei demnach ein architektonischer Mikrokosmos, in dem es viel zu entdecken gebe.

Doch nicht nur aus diesem Grund spricht sich der Architekturhistoriker gegen den Abriss von Kleingartenkolonien aus. "Die Stadt verliert eine wichtige Schicht ihrer Geschichte. Besonders bedauerlich ist es aber, dass diese Grünflächen niemals zurückkommen werden." Nach dem Abriss würden die Flächen zwar immer wieder anders bebaut. Das grüne Naherholungsparadies wäre mit dem Abriss aber unwiederbringlich verloren.

(rod)

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