Mittwoch, 20.11.2019
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.11.2012

Geschichte der Gruppe 47 nur unzureichend erzählt

Literaturkritiker Helmut Böttiger: Jeder hat so seine Vorstellungen - Feindbild oder Idol

Helmut Böttiger im Gespräch mit Joachim Scholl

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Günter Grass mit seinem Markenzeichen, der Pfeife (dpa / Maurizio Gambarini)
Günter Grass mit seinem Markenzeichen, der Pfeife (dpa / Maurizio Gambarini)

Im September 1947 traf sich im Allgäu ein Häuflein deutscher Schriftsteller, um über ihre Texte und Arbeiten zu diskutieren. Daraus entwickelte sich die Gruppe 47. Nach Einschätzung des Literaturkritikers Helmut Böttiger ist die Geschichte dieser Gruppe bislang nur unzureichend aufgearbeitet und erzählt worden.

Es seien stattdessen nur sehr viele Vorstellungen der Gruppe 47 im Umlauf, erklärte Böttiger: "Das ist ein richtiger Popanz geworden. Und wenn man sich vorstellt: 1967 war der letzte Tag, und das ist ja schon einige Jahre her - immer noch geistert die Gruppe 47 durch die Diskurse des Literaturbetriebs: Sie sei eine ganz schlimme Vereinigung gewesen. Und jeder hat so seine Vorstellungen und baut sie so auf als Feindbild oder als Idol."

Böttiger, der nun eine umfassende Gesamtdarstellung der Gruppe 47 geschrieben hat, erklärte, dass bei der Betrachtung und Bewertung der Werke und Äußerungen dieser Gruppe zuallererst die Alltagsumgebung und das Leben im Deutschland der Nachkriegsjahre Beachtung finden müssten. "Und diese jungen, unbekannten Autoren […] wollten gegen diese Situation anschreiben, die mussten sich ersteinmal selber finden, wollten sich verständigen: Wie könnte eigentlich eine neue Literatur aussehen abseits dieses nationalsozialistischen Schwulsts und abseits dieser ganzen Verdrängungssituation."

Die medienwirksame Auseinandersetzung der Gruppe als ein neuer Weg, eine Debatte über Literatur und Geschichte zu starten, sei das ganz besondere Verdienst der Gruppe, erklärte Böttiger. Insbesondere der Auftritt des jungen Günter Grass mit seiner Lesung aus "Die Blechtrommel" 1958. "Plötzlich liest er diesen voluminösen Roman mit einer ungewohnten, anarchischen Sprache, voller Sprachlust. Und das war - also da hat in dem Moment anscheinend jeder gespürt - […] eine ganz interessante Weichenstellung. Da hat man plötzlich gemerkt: Das ist jetzt vielleicht die neue Literatur."

Das vollständige Gespräch können Sie mindestens bis zum 15.05.2013 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören

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