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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.01.2009

Geschäfte mit dem Gruseln

Tova Reich: "Mein Holocaust", DVA/Random House, München 2008

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Eine Satire über bestimmte Auswüchse des Holocaust-Gedenkens hat die jüdisch-amerikanische Journalistin Tova Reich geschrieben. Im Mittelpunkt von "Mein Holocaust" agiert der Direktor eines im Aufbau befindlichen Museums, der reiche alte Damen umgarnt, damit sie ihre Millionen locker machen.

Bücher über den Holocaust gibt es inzwischen fast in jedem literarischen Genre, von der seriösen historischen Dokumentation bis zur Unterhaltungsliteratur, von der Biografie bis zur fiktiven Spekulation über das Innenleben eines SS-Schlächters. Satirisches war bislang eher nicht dabei, schon gar nicht in Deutschland, wo die Regeln des Umgangs mit diesem zentralen Thema ungeschrieben, aber streng sind.

Nun ist letzten Herbst auf Deutsch ein satirischer Roman erschienen mit dem Titel "Mein Holocaust" geschrieben von der jüdisch-amerikanischen Journalistin Tova Reich. Bei seinem Erscheinen in den USA im Jahr 2007 sorgte er für heftige Kontroversen. Hierzulande blieben Kritiken weitgehend aus, die großen Feuilletons schwiegen.

Dabei ist es nicht so, dass Reich etwa Witze über den Holocaust machen würde. Ihr wütender Angriff richtet sich gegen das, was eine findige Industrie aus dem Holocaust-Gedenken gemacht hat: Geschäfte mit dem Gruseln. Und sie weiß darüber wahrscheinlich besser Bescheid als andere, denn ihr Ehemann Walter Reich war in den 90er-Jahren, bis er unter Protest seinen Posten verließ, Direktor am United States Holocaust Memorial Museum.

Die Zentralfigur des Buches ist denn auch der Leiter eines solchen, gerade im Aufbau begriffenen Museums. Der alte Maurice Messer ist damit beschäftigt, in Auschwitz reiche alte Damen zu umgarnen, damit sie ihre Millionen locker machen, Spendengelder für Luxusreisen zu verprassen, den Ausstellungswert von Menschenhaar zu verteidigen, seine eigene Vergangenheit als Überlebender zu schönen und vor allem die Ansprüche und die Konkurrenz anderer Opfergruppen abzuwehren. Sein weichlicher Sohn Norman ist für das Ressort "zweite Generation" der Holocaust-Opfer zuständig und deren öffentliche Anerkennung als Leidende.

Der Roman ist keine raffinierte Satire, und die Charaktere darin sind zum Teil derartige Karikaturen, dass sie, wie ein Kritiker in der "New York Times" pikiert anmerkte, direkt aus dem "Stürmer" hätten stammen können. Doch mit ihren derben Klischees nimmt sich Tova Reich nicht nur Juden vor, sondern auch Katholiken, amerikanische Politiker, Polen, Palästinenser und vor allem die sehr zeitgeistige New-Age-Szene, die durch einen salbadernden Guru und seine verkiffte Anhängerschaft repräsentiert wird.

Sie alle wollen ihren Anteil am Geschäft mit den Opfern und kämpfen dafür mit allerlei unfeinen Mitteln. Das ist manchmal bei aller Plattheit durchaus komisch, wenn zum Beispiel die Aktivisten für die Befreiung von Hühnern aus Legebatterien ihren Anteil am Holocaustgedenken einfordern und en passant den Juden Hühnermord vorwerfen.

Man hätte sich zum Thema Gedenkindustrie vielleicht ein differenzierteres Buch gewünscht. Doch wer es wagt, darüber zu schreiben, wird in jedem Fall Gefühle und Tabus verletzen. Dann, so mag sich die Autorin gedacht haben, gleich alle und gleich richtig.

Rezensiert von Katharina Döbler

Tova Reich: Mein Holocaust
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
DVA/Random House, München 2008
336 Seiten, 21,95 Euro

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