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Im Gespräch | Beitrag vom 08.10.2019

Gerhard Schick zur "Bürgerbewegung Finanzwende" Den Finanzmächtigen auf die Finger schauen

Moderation: Marco Schreyl

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Gerhard Schick (Bündnis 90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter, spricht während einer Plenarsitzung des Deutschen Bundestages. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa)
Gerhard Schick (Grüne) hat Ende 2018 den Bundestag verlassen. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa)

Gegner wie Freunde trauten ihren Augen kaum: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gab der grüne Finanzpolitiker Gerhard Schick Amt und Mandat auf. Mit einer unabhängigen Organisation kämpft er nun für ein gerechtes und transparentes Finanzwesen.

Gerhard Schick, 47 Jahre alt, wuchs in einem katholisch geprägten, schwäbischen Elternhaus auf:

"Der Glaube spielte eine große Rolle in der Familie – also die religiösen Feste, die man dann auch mit großem Freundeskreis zusammen gefeiert hat. Und auch das Leben der Kirchengemeinde war wichtig, wir alle waren irgendwie in der Kirchengemeinde aktiv: mein Vater als Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, meine Mutter hat Kindergottesdienste geleitet, ich war Ministrant und meine Geschwister haben sich in der katholischen Jugendarbeit engagiert."

Das christliche Menschenbild seiner Familie hat Gerhard Schick maßgeblich geprägt – und war auch entscheidend für seine spätere Karriere: "Bei uns ist das Christentum immer auch als etwas Politisches interpretiert worden – im Sinne von: 'Um Gerechtigkeit, da betet man nicht nur, sondern da tut man auch aktiv etwas dafür.'"

Auch Landesbanken in Cum-Ex verwickelt

Schon als Student engagierte sich Gerhard Schick für fairen Handel und arbeitete in einem Eine-Welt-Laden mit. Ihn interessierte die Frage, wie Geld die Welt zusammenhält, er wollte wissen, wie die Gesellschaft von Finanzmächtigen gesteuert und beeinflusst wird. So studierte er Volkswirtschaft, ging mit Mitte zwanzig zu den Grünen und wurde bald ihr finanzpolitischer Sprecher – geachtet und gefürchtet, auch vom politischen Gegner. Während der Finanzkrise im Jahr 2008 fiel er durch große Sachkenntnis auf und gehörte zu den schärfsten Kritikern der Bundesregierung. Gerhard Schick, der sich selber als einen "antikapitalistischen Marktwirtschaftler" bezeichnet, initiierte den Untersuchungsausschuss zu den Cum-Ex-Geschäften und warf der politischen Führung vor, viel zu langsam auf den Skandal zu reagieren:

"Was mich besonders aufgeregt hat: Teilweise haben Landesbanken diese Cum-Ex-Geschäfte auch gemacht. Landesbanken sind öffentliche Banken, die gehören uns, den Bürgerinnen und Bürgern. Und die haben Geschäfte gemacht, mit denen uns direkt in die Tasche gegriffen worden ist! Sowas darf es einfach nicht geben!"

"Bürgerbewegung Finanzwende"

Seit langem fordert Gerhard Schick, dass die Bundesregierung die Finanzwirtschaft schärfer und gewissenhafter kontrollieren müsse – in seinen Augen geschieht dies bis heute nicht in ausreichendem Maße. Nach 13 Jahren Arbeit im Bundestag hat er – auch deshalb – im vorigen Jahr sein Mandat niedergelegt. Keine leichte Entscheidung, sagt er, aber: "Um unsere politischen Ziele zu erreichen, brauchen wir was Neues!" Seit Juli 2018 ist Gerhard Schick Vorstand und Gesicht der "Bürgerbewegung Finanzwende", die sich für eine nachhaltige Finanzwirtschaft engagiert. Die Bewegung versteht sich als eine Art 'Foodwatch' für die Finanzwelt – eine Nichtregierungsorganisation, die der Banken- und Versicherungswirtschaft auf die Finger schaut. In einem ersten Schritt wurden Testkunden losgeschickt, die das aktuelle Finanzgebaren der Banken untersuchten:

"Wenn da jetzt ein Kunde kommt, der einen Kredit braucht, etwa für die Auto-Reparatur, einen Kredit von so drei-, viertausend Euro, also ein typischer Konsumenten-Kredit. Was passiert dann eigentlich? Werden da die Gesetze eingehalten? Wird der gut beraten? Oder wird der in Sachen reingedrängt, die ihm schaden? Und leider ist bei vielen Banken letzteres der Fall. Und wir haben das dann ausgewertet und festgestellt, dass da teilweise Effektivzinsen von über 20 Prozent rauskommen! Also solche Missstände aufzudecken, wo Kunden einfach richtig schlecht behandelt werden bei den Banken – das ist ein Teil unserer Arbeit."

Die Gier der Banker stoppen

Auch über zehn Jahre nach der Finanzkrise sei unser gegenwärtiges Finanzsystem noch immer höchst instabil, sagt Gerhard Schick. Wenn der nächste Börsencrash verhindert werden solle, müssten ganz viele Leute in der neuen Bewegung mitmachen. Um Öffentlichkeit herzustellen – gegen die Unmäßigkeit der Finanzwelt:  

"Ich hatte im Bundestag einen Antrag auf dem Tisch liegen, wo sich der Vorstand der geretteten Commerzbank nochmal ein höheres Gehalt genehmigt hat, obwohl er keine gute Arbeit gemacht hat, sondern die Bank gegen die Wand gefahren hatte. Natürlich konnte ich dagegen stimmen. Ich konnte im Plenum reden und auf den Putz hauen – aber ich konnte es nicht verhindern. Und wenn wir gemeinsam arbeiten, wenn viele Bürger mitmachen bei 'Bürgerbewegung Finanzwende' – dann können wir in solchen Momenten den Protest zielgerichteter organisieren, können Einfluss nehmen auf die Debatte und solche Sachen wirklich verhindern. Und es schaffen, ein Gegengewicht zur Bankenlobby zu sein, ein Gegengewicht zur Versicherungslobby – das ist dringend notwendig! Unsere Gesellschaft hat Umweltverbände, sie hat Sozialverbände, aber bisher gab es keine Organisation, die den Finanzmarkt überwacht. Und das schaffen wir jetzt."  

(tif/ab)

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