Gerechtigkeit für Pepe
Probleme löst man mit Gewalt und Mord - dies ist auch nach dem Ende des Bürgerkriegs 1996 die traurige Praxis nicht nur auf den Straßen von Guatemala, sondern auch innerhalb der staatlichen Institutionen und der Regierung.
Miriam Méndez ist umringt von Familienangehörigen und Freunden. Sie steht am Rand der 14. Avenida, keine 100 Meter vom internationalen Flughafen von Guatemala-Stadt entfernt. An dieser Stelle ist ihr Sohn erschossen worden. Während einer Gedenkfeier ruft die kräftige Frau ihre Wut in ein Megafon. Mit rot angelaufenem Gesicht und geballter Faust fordert sie Gerechtigkeit und Strafen für die Mörder.
Der junge Flughafenangestellte José Méndez, genannt "Pepe", starb hier vor zwei Jahren. Als Todesschütze wurde sein Arbeitskollege, Omar Gudiel, verurteilt. Viele Indizien weisen darauf hin, dass der Mord von Personen in der Direktion des Flughafens in Auftrag gegeben wurde, die ihre korrupten Geschäfte verdecken wollten. Aber die Staatsanwaltschaft unternimmt nichts, um die Hintergründe aufzuklären.
"Ich kämpfe für die Wahrheit, damit das gemeine Verbrechen an meinem Sohn aufgeklärt wird. Guatemala ist in Blut gebadet. So viele unschuldige Leben sind zerstört worden. Aber die Verbrecher werden nicht angeklagt. Für sie gibt es keine Strafen."
Am Tag des Attentats war Pepes jüngere Schwester Ana Maria die erste Familienangehörige am Tatort. Sie sah die Leiche, die von mindestens acht Kugeln getroffen worden war. Pepe war gerade 28 Jahre alt geworden.
"Als ich ankam, waren schon Feuerwehrmänner hier und ein gelbes Plastikband. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass viele Leute herumstanden. Ich riss das Band weg und sah einen Körper auf dem Boden. Als ich erkannte, dass es mein Bruder war, wurde alles schwarz vor meinen Augen. In dem Moment begann der ganze Schmerz, das Drama für mich und unsere Familie."
Pepes Arbeitsplatz war im Kontrollturm des Flughafens, keine 500 Meter vom Tatort entfernt. Zwei Kilometer weiter steht das Gebäude der lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften, FLACSO. Von seinem Büro im neunten Stock aus kann der Soziologe Virgílio Álvarez sehen, wie die Flugzeuge abheben. Als Koordinator des Studienprogramms von FLACSO beschäftigt er sich häufig mit Fällen wie dem Mord an Pepe. Er untersucht die Hintergründe der zunehmenden Gewalt in Guatemala. Den Flughafen bezeichnet er in dem Zusammenhang als einen Hort des Organisierten Verbrechens.
"Innerhalb der staatlichen Institutionen, innerhalb der Regierung Guatemalas, existiert die Praxis, Probleme mit Gewalt und Mord zu lösen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Unfähigkeit bewiesen, wichtige Fälle anhand ernsthafter Untersuchungen aufzuklären. Nicht ein einziger Hintermann der Entführungsbanden, nicht ein einziger wichtiger Drogenhändler sitzt im Gefängnis oder wurde angeklagt. In diesem Zusammenhang spielt der Flughafen eine wichtige Rolle. Er ist ein extrem gefährlicher Ort, der die Stabilität des Landes bedroht durch die Präsenz des Organisierten Verbrechens. Die Macht des Geldes führt dazu, dass ein krimineller Millionär bestimmen kann, welches Flugzeug starten darf und welches nicht. Es gibt keine Normen, die eingehalten werden."
Guatemala gilt als Durchgangsstation für Kokain aus Kolumbien, das vor allem nach Nordamerika transportiert wird. In den letzten zehn Jahren haben sich vor allem Drogenkartelle aus Mexiko festgesetzt, dem großen Nachbarland im Norden. Der Sozialwissenschaftler Álvarez sieht durch diese Entwicklung die Stabilität der staatlichen Institutionen gefährdet. Er interpretiert die überbordende kriminelle Gewalt in seinem Land als Erbe des blutigen Bürgerkriegs. 36 Jahre lang haben linke Guerillagruppen für eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse gekämpft, gegen eine Armee, die den Status Quo verteidigt hat. In keinem anderen Land Mittelamerikas ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Guatemala. Bis zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der Guerillaführung und Repräsentanten des Staates im Jahr 1996 fielen über 200.000 Menschen der politischen Gewalt zum Opfer.
"Das Organisierte Verbrechen in Guatemala zerstört in einem langsamen aber heftigen Prozess nicht nur den Staat, sondern auch die Fundamente der Gesellschaft. Das sind Konsequenzen des Krieges. Das Konzept der Nationalen Sicherheit, das in Guatemala mit Staatsterror durchgesetzt wurde, hat das Vertrauen der Gesellschaft in den Staatsapparat und in die Justiz zunichte gemacht.
Personen, die als Sympathisanten der Guerilla oder als Revolutionäre galten, wurden eliminiert. Damals lernten viele Leute zu töten und zu morden."
Die Medien in Guatemala berichten jeden Tag über Gewalt und Verbrechen. Auch in der Literatur werden diese Themen immer wieder aufgegriffen.
Der wohl erfolgreichste nationale Romancier der Gegenwart, Rodrigo Rey Rosa, wohnt in einer exklusiven Gegend der Hauptstadt. In seinen Romanen beschäftigt er sich auch mit der Haltung der aktionslosen Resignation, die so symptomatisch ist für die guatemaltekische Gesellschaft. Die Atmosphäre der Angst wird verstärkt durch die Straflosigkeit der Täter.
"Guatemala ist ein guter Ort, um Verbrechen zu begehen. Straftaten werden hier meist nie aufgeklärt. Das erschreckt mich zwar noch immer, doch man gewöhnt sich daran. Wenn du ständig Waffen auf der Straße siehst, wirst du mit der Zeit wohl ein wenig unsensibel."
Vom Balkon seines Apartments aus kann der Schriftsteller auf zahlreiche Hochhäuser blicken, meist solche der Luxusklasse. Seit einigen Jahren gilt es unter den wohlhabenden Familien in Guatemala-Stadt als schick - oder gar als notwendig - in Hochhäusern zu wohnen, die von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht werden und an deren Pforten Besucher ihren Ausweis hinterlegen müssen.
"Das Klima hier ist so, als wäre die Gewalt etwas alltägliches. Zum Beispiel haben wir uns mal mit meinen Freunden ausgemalt, wie es wäre, eine Entführung durchzuführen. Diese Möglichkeit ist ein Teil der Vorstellungswelt der Guatemalteken. Alles ist infiziert von dieser kriminellen Atmosphäre. Wir alle sind Glieder dieses kranken Körpers. So fällt es nicht weiter schwer, sich eine Entführung auszumalen, ob als Opfer oder als Täter. Ich denke, das ist ein Element der Fantasie vieler Jugendlicher."
Einige der Bücher von Rodrigo Rey Rosa sind in bis zu sechs Sprachen übersetzt worden. Drei Romane liegen auf Deutsch vor. Die meisten seiner Werke sind zuerst in dem guatemaltekischen Verlag "El Pensativo” erschienen. Die Verlegerin Anamaria Cofiño hält es für eine der besonderen Leistungen des Autors, die dunklen Seiten der Realität des Landes schonungslos zu beschreiben.
"Die Tatsache, dass heute mehr Menschen ermordet werden als während der Zeit des Bürgerkriegs, ist furchtbar. Die Gewalt zieht ihre Kreise. Sie berührt selbst die Kinder, weil sie vieles wissen, vieles sehen. Gewalt provoziert Angst, Unsicherheit, Lähmung. Außerdem gibt es keine Gerechtigkeit. Das führt zu einem absoluten Vertrauensverlust der Gesellschaft gegenüber dem Staat, der Regierung, den Institutionen. Dadurch wird das Chaos noch verschlimmert. Guatemala steht heute kurz vor dem Abgrund, nicht nur wegen der Gewalt an sich, sondern auch wegen der Straflosigkeit auf allen Ebenen."
Der Schriftsteller Rey Rosa verarbeitet in seinen Texten auch Erfahrungen aus seinem eigenen Leben. Während des Bürgerkriegs, im Jahr 1981, wurde seine Mutter entführt. Sie war sechs Monate lang in Gefangenschaft, weil sein Vater – ein reicher Geschäftsmann – kein Lösegeld zahlen wollte. Bis heute ist nicht klar, wer die Entführer waren. Rodrigo Rey Rosa vermutet, Mitarbeiter des korrupten Polizeiapparats könnten beteiligt gewesen sein. Womöglich aber waren es auch Angehörige der Guerilla, die Geld für die Finanzierung ihres Kampfes erpressen wollten. Das Lösegeld wurde schließlich doch gezahlt. Rey Rosas Mutter kam frei.
"Damals sind in der Hauptstadt innerhalb eines Jahres etwa 300 Menschen entführt worden. In meinem engeren Bekanntenkreis waren es zehn Personen. Man hat sich gefühlt, als hätte sich dieses Übel überall ausgebreitet. Ein Schulkamerad von mir ist ermordet worden, weil die Polizei bei der Geldübergabe eingegriffen hat. Insgesamt sind drei Schulkameraden entführt worden. So gesehen haben wir die Entführung meiner Mutter gar nicht als etwas Besonderes angesehen."
Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1996 war die zunehmende kriminelle Gewalt im Land die größte Herausforderung für jede der seither drei Regierungen in Guatemala. Der derzeitige Mitte-Links-Präsident Alvaro Colóm hat zwar eine Umstrukturierung der Polizei und des Justizapparats versprochen, aber auch er bekommt die Sicherheitslage nicht in den Griff. Vor kurzem hat Colóm einen neuen Innenminister eingesetzt - der vierte Mann auf diesem Posten innerhalb der erst zweijährigen Amtszeit des Präsidenten. Sein erster Innenminister kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Auch dieser Unfall wurde nie aufgeklärt. Kolumnisten der großen Zeitungen spekulieren darüber, dass nur ein Bruchteil der Verbrechen aufgeklärt wird, weil Personen in höchsten Regierungsämtern mit den Bossen mexikanischer Drogenkartelle zusammenarbeiten. Aber auch dafür werden keine Beweise veröffentlicht.
Noch viel mehr als in den streng bewachten Wohngegenden der Oberschicht ist die Gewalt ein Alltagsphänomen der Armenviertel. Dort ist es für die Bosse des Organisierten Verbrechens ein Leichtes, junge Männer zu rekrutieren, die für sie die Schmutzarbeit übernehmen.
Eine der berüchtigsten Siedlungen von Guatemala-Stadt heißt El Gallito. Aus einem geparkten Auto dröhnt lateinamerikanischer Rap. Einige Jungs spielen Fußball. Unter den Bewohnern findet sich eine seltsame Mischung aus arm und reich. Landlose Bauernfamilie, die auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt gezogen sind, wohnen auf steilen Abhängen in Hütten aus Wellblech und Müll. Keine hundert Meter entfernt stehen Häuser, deren Besitzer im Luxus leben, Drogendealer und Bandenchefs.
Zahlreiche Familien wohnen auf steilen Abhängen, die beim nächsten Erdbeben oder heftigen Regen abrutschen könnten. Einige leerstehende Grundstücke sind voll stinkenden Mülls.
Staat und Stadtverwaltung haben längst die Kontrolle über Siedlungen wie el Gallito verloren. Verbrechen gehört hier zum Alltag, meint ein junger Mann, der in den staubigen Straßen von el Gallito aufgewachsen ist.
"Es dreht sich alles ums Geld. Wer kein Geld hat, hat nichts. Wenn ich kein Geld habe, kann ich mir nicht die Haare schneiden lassen, kann ich nicht Essen gehen, kann ich mir nicht einmal ein Rasiermesser kaufen. Und wenn du auch noch eine Frau hast, Kinder und eine kranke Mutter, was sollst du dann machen? Arbeit gibt es nicht und verhungern willst du auch nicht. Da bleibt dir nichts anderes übrig als kriminell zu werden, Drogenhandel, Erpressung, Entführung."
Seinen Namen will der junge Mann nicht nennen. Er räumt ein, bisher fünf Menschen getötet zu haben.
Er sagt, er habe ein schlechtes Gewissen wegen der Morde, aber um seine Familie zu verteidigen, oder sich selbst, würde er es wieder tun.
In einer der schmutzigen Nebenstraßen von el Gallito hat sich die Vereinigung zur Vorbeugung von Kriminalität, APREDE, eingerichtet. Diese Nichtregierungsorganisation ist eine der wenigen, die direkt mit jugendlichen Straftätern zusammenarbeitet. Ihr Direktor, Emilio Gobaud, ein Mann mit großer Leibesfülle und freundlichem Lächeln, kennt die Nöte der Jugendlichen in den Armenvierteln.
"Die Jugendgewalt ist kein Problem der fehlenden Sicherheit, sondern ein sozioökonomisches Problem. Die Ursachen für die Gewalt sind innerfamiliäre Misshandlungen, der Mangel an emotionaler Nähe, die Armut, das Fehlen an Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeit."
Während der guatemaltekische Staat vorwiegend mit Repression reagiert, wirbt Emilio Gobaud um Verständnis für die jungen Straftäter.
"Meist sind es Menschen, die selbst Opfer waren, bevor sie zu Tätern wurden. Schon als Jugendliche akzeptieren sie, dass sie in jedem Moment sterben können. Also ziehen sie es vor, als Kriminelle zu leben. Anstatt weiter unter Misshandlungen und Aggressionen zu leiden, wollen sie jetzt selber Täter sein."
Die Gefängnisse in Guatemala sind voll von jungen Männern die wegen Gewalttaten festgenommen wurden. Doch die Bosse der Drogenmafia sind frei. Einige ihrer Namen sind bekannt und werden sogar in Medienberichten genannt. Diese Personen pflegen beste Beziehungen zur Polizei, zum Justizapparat und zur Regierung. Sie bleiben straflos, egal wie viele Morde sie in Auftrag geben.
In Guatemala leben 13 Millionen Menschen. Dieses Jahr sind täglich im Schnitt 17 Personen ermordet worden. Zu einer Verurteilung der Mörder kommt es selten. In nur zwei von hundert Fälle kommt es überhaupt zu einem Gerichtsverfahren. Eine der wenigen staatlichen Institutionen, die versucht, etwas an der Straflosigkeit zu ändern, ist die des Ombudsmans für Menschenrechte in Guatemala, Sergio Morales.
"In diesem Land der Straflosigkeit regieren die neuen Feudalherren, die Bosse des Verbrechens. Im Laufe der vergangenen vier Jahre sind 25 Tausend Menschen ermordet worden. Selbst die Sicherheitskräfte des Staates waren an außergerichtlichen Hinrichtungen beteiligt. Das einzige was mir in diesem Blutbad Hoffnung gibt ist der Kampf von einigen wenigen Personen, die Gerechtigkeit erreichen wollen. Diese Menschen müssen unterstützt werden."
Derweil versuchen die Eltern des ermordeten Flughafentechnickers José Méndez weiterhin, die Auftraggeber des Mordes an ihrem Sohn zu identifizieren. Obwohl sie sich schmerzlich bewusst sind, dass all die Mühen um Aufklärung ihren Sohn nicht zurückbringen werden. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger glaubt Pepes Mutter Miriam, dass sie eines Tages noch einmal glücklich sein wird.
"Wir können nicht mehr an eine Zukunft denken. Ich habe keine Pläne. Nur überleben, verletzt. Überleben, um mit den letzten Kräften, die mir noch bleiben, meinen Enkeln Wärme zu geben. Aber für mich selbst gibt es nichts mehr."
Der junge Flughafenangestellte José Méndez, genannt "Pepe", starb hier vor zwei Jahren. Als Todesschütze wurde sein Arbeitskollege, Omar Gudiel, verurteilt. Viele Indizien weisen darauf hin, dass der Mord von Personen in der Direktion des Flughafens in Auftrag gegeben wurde, die ihre korrupten Geschäfte verdecken wollten. Aber die Staatsanwaltschaft unternimmt nichts, um die Hintergründe aufzuklären.
"Ich kämpfe für die Wahrheit, damit das gemeine Verbrechen an meinem Sohn aufgeklärt wird. Guatemala ist in Blut gebadet. So viele unschuldige Leben sind zerstört worden. Aber die Verbrecher werden nicht angeklagt. Für sie gibt es keine Strafen."
Am Tag des Attentats war Pepes jüngere Schwester Ana Maria die erste Familienangehörige am Tatort. Sie sah die Leiche, die von mindestens acht Kugeln getroffen worden war. Pepe war gerade 28 Jahre alt geworden.
"Als ich ankam, waren schon Feuerwehrmänner hier und ein gelbes Plastikband. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass viele Leute herumstanden. Ich riss das Band weg und sah einen Körper auf dem Boden. Als ich erkannte, dass es mein Bruder war, wurde alles schwarz vor meinen Augen. In dem Moment begann der ganze Schmerz, das Drama für mich und unsere Familie."
Pepes Arbeitsplatz war im Kontrollturm des Flughafens, keine 500 Meter vom Tatort entfernt. Zwei Kilometer weiter steht das Gebäude der lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften, FLACSO. Von seinem Büro im neunten Stock aus kann der Soziologe Virgílio Álvarez sehen, wie die Flugzeuge abheben. Als Koordinator des Studienprogramms von FLACSO beschäftigt er sich häufig mit Fällen wie dem Mord an Pepe. Er untersucht die Hintergründe der zunehmenden Gewalt in Guatemala. Den Flughafen bezeichnet er in dem Zusammenhang als einen Hort des Organisierten Verbrechens.
"Innerhalb der staatlichen Institutionen, innerhalb der Regierung Guatemalas, existiert die Praxis, Probleme mit Gewalt und Mord zu lösen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Unfähigkeit bewiesen, wichtige Fälle anhand ernsthafter Untersuchungen aufzuklären. Nicht ein einziger Hintermann der Entführungsbanden, nicht ein einziger wichtiger Drogenhändler sitzt im Gefängnis oder wurde angeklagt. In diesem Zusammenhang spielt der Flughafen eine wichtige Rolle. Er ist ein extrem gefährlicher Ort, der die Stabilität des Landes bedroht durch die Präsenz des Organisierten Verbrechens. Die Macht des Geldes führt dazu, dass ein krimineller Millionär bestimmen kann, welches Flugzeug starten darf und welches nicht. Es gibt keine Normen, die eingehalten werden."
Guatemala gilt als Durchgangsstation für Kokain aus Kolumbien, das vor allem nach Nordamerika transportiert wird. In den letzten zehn Jahren haben sich vor allem Drogenkartelle aus Mexiko festgesetzt, dem großen Nachbarland im Norden. Der Sozialwissenschaftler Álvarez sieht durch diese Entwicklung die Stabilität der staatlichen Institutionen gefährdet. Er interpretiert die überbordende kriminelle Gewalt in seinem Land als Erbe des blutigen Bürgerkriegs. 36 Jahre lang haben linke Guerillagruppen für eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse gekämpft, gegen eine Armee, die den Status Quo verteidigt hat. In keinem anderen Land Mittelamerikas ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Guatemala. Bis zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der Guerillaführung und Repräsentanten des Staates im Jahr 1996 fielen über 200.000 Menschen der politischen Gewalt zum Opfer.
"Das Organisierte Verbrechen in Guatemala zerstört in einem langsamen aber heftigen Prozess nicht nur den Staat, sondern auch die Fundamente der Gesellschaft. Das sind Konsequenzen des Krieges. Das Konzept der Nationalen Sicherheit, das in Guatemala mit Staatsterror durchgesetzt wurde, hat das Vertrauen der Gesellschaft in den Staatsapparat und in die Justiz zunichte gemacht.
Personen, die als Sympathisanten der Guerilla oder als Revolutionäre galten, wurden eliminiert. Damals lernten viele Leute zu töten und zu morden."
Die Medien in Guatemala berichten jeden Tag über Gewalt und Verbrechen. Auch in der Literatur werden diese Themen immer wieder aufgegriffen.
Der wohl erfolgreichste nationale Romancier der Gegenwart, Rodrigo Rey Rosa, wohnt in einer exklusiven Gegend der Hauptstadt. In seinen Romanen beschäftigt er sich auch mit der Haltung der aktionslosen Resignation, die so symptomatisch ist für die guatemaltekische Gesellschaft. Die Atmosphäre der Angst wird verstärkt durch die Straflosigkeit der Täter.
"Guatemala ist ein guter Ort, um Verbrechen zu begehen. Straftaten werden hier meist nie aufgeklärt. Das erschreckt mich zwar noch immer, doch man gewöhnt sich daran. Wenn du ständig Waffen auf der Straße siehst, wirst du mit der Zeit wohl ein wenig unsensibel."
Vom Balkon seines Apartments aus kann der Schriftsteller auf zahlreiche Hochhäuser blicken, meist solche der Luxusklasse. Seit einigen Jahren gilt es unter den wohlhabenden Familien in Guatemala-Stadt als schick - oder gar als notwendig - in Hochhäusern zu wohnen, die von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht werden und an deren Pforten Besucher ihren Ausweis hinterlegen müssen.
"Das Klima hier ist so, als wäre die Gewalt etwas alltägliches. Zum Beispiel haben wir uns mal mit meinen Freunden ausgemalt, wie es wäre, eine Entführung durchzuführen. Diese Möglichkeit ist ein Teil der Vorstellungswelt der Guatemalteken. Alles ist infiziert von dieser kriminellen Atmosphäre. Wir alle sind Glieder dieses kranken Körpers. So fällt es nicht weiter schwer, sich eine Entführung auszumalen, ob als Opfer oder als Täter. Ich denke, das ist ein Element der Fantasie vieler Jugendlicher."
Einige der Bücher von Rodrigo Rey Rosa sind in bis zu sechs Sprachen übersetzt worden. Drei Romane liegen auf Deutsch vor. Die meisten seiner Werke sind zuerst in dem guatemaltekischen Verlag "El Pensativo” erschienen. Die Verlegerin Anamaria Cofiño hält es für eine der besonderen Leistungen des Autors, die dunklen Seiten der Realität des Landes schonungslos zu beschreiben.
"Die Tatsache, dass heute mehr Menschen ermordet werden als während der Zeit des Bürgerkriegs, ist furchtbar. Die Gewalt zieht ihre Kreise. Sie berührt selbst die Kinder, weil sie vieles wissen, vieles sehen. Gewalt provoziert Angst, Unsicherheit, Lähmung. Außerdem gibt es keine Gerechtigkeit. Das führt zu einem absoluten Vertrauensverlust der Gesellschaft gegenüber dem Staat, der Regierung, den Institutionen. Dadurch wird das Chaos noch verschlimmert. Guatemala steht heute kurz vor dem Abgrund, nicht nur wegen der Gewalt an sich, sondern auch wegen der Straflosigkeit auf allen Ebenen."
Der Schriftsteller Rey Rosa verarbeitet in seinen Texten auch Erfahrungen aus seinem eigenen Leben. Während des Bürgerkriegs, im Jahr 1981, wurde seine Mutter entführt. Sie war sechs Monate lang in Gefangenschaft, weil sein Vater – ein reicher Geschäftsmann – kein Lösegeld zahlen wollte. Bis heute ist nicht klar, wer die Entführer waren. Rodrigo Rey Rosa vermutet, Mitarbeiter des korrupten Polizeiapparats könnten beteiligt gewesen sein. Womöglich aber waren es auch Angehörige der Guerilla, die Geld für die Finanzierung ihres Kampfes erpressen wollten. Das Lösegeld wurde schließlich doch gezahlt. Rey Rosas Mutter kam frei.
"Damals sind in der Hauptstadt innerhalb eines Jahres etwa 300 Menschen entführt worden. In meinem engeren Bekanntenkreis waren es zehn Personen. Man hat sich gefühlt, als hätte sich dieses Übel überall ausgebreitet. Ein Schulkamerad von mir ist ermordet worden, weil die Polizei bei der Geldübergabe eingegriffen hat. Insgesamt sind drei Schulkameraden entführt worden. So gesehen haben wir die Entführung meiner Mutter gar nicht als etwas Besonderes angesehen."
Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1996 war die zunehmende kriminelle Gewalt im Land die größte Herausforderung für jede der seither drei Regierungen in Guatemala. Der derzeitige Mitte-Links-Präsident Alvaro Colóm hat zwar eine Umstrukturierung der Polizei und des Justizapparats versprochen, aber auch er bekommt die Sicherheitslage nicht in den Griff. Vor kurzem hat Colóm einen neuen Innenminister eingesetzt - der vierte Mann auf diesem Posten innerhalb der erst zweijährigen Amtszeit des Präsidenten. Sein erster Innenminister kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Auch dieser Unfall wurde nie aufgeklärt. Kolumnisten der großen Zeitungen spekulieren darüber, dass nur ein Bruchteil der Verbrechen aufgeklärt wird, weil Personen in höchsten Regierungsämtern mit den Bossen mexikanischer Drogenkartelle zusammenarbeiten. Aber auch dafür werden keine Beweise veröffentlicht.
Noch viel mehr als in den streng bewachten Wohngegenden der Oberschicht ist die Gewalt ein Alltagsphänomen der Armenviertel. Dort ist es für die Bosse des Organisierten Verbrechens ein Leichtes, junge Männer zu rekrutieren, die für sie die Schmutzarbeit übernehmen.
Eine der berüchtigsten Siedlungen von Guatemala-Stadt heißt El Gallito. Aus einem geparkten Auto dröhnt lateinamerikanischer Rap. Einige Jungs spielen Fußball. Unter den Bewohnern findet sich eine seltsame Mischung aus arm und reich. Landlose Bauernfamilie, die auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt gezogen sind, wohnen auf steilen Abhängen in Hütten aus Wellblech und Müll. Keine hundert Meter entfernt stehen Häuser, deren Besitzer im Luxus leben, Drogendealer und Bandenchefs.
Zahlreiche Familien wohnen auf steilen Abhängen, die beim nächsten Erdbeben oder heftigen Regen abrutschen könnten. Einige leerstehende Grundstücke sind voll stinkenden Mülls.
Staat und Stadtverwaltung haben längst die Kontrolle über Siedlungen wie el Gallito verloren. Verbrechen gehört hier zum Alltag, meint ein junger Mann, der in den staubigen Straßen von el Gallito aufgewachsen ist.
"Es dreht sich alles ums Geld. Wer kein Geld hat, hat nichts. Wenn ich kein Geld habe, kann ich mir nicht die Haare schneiden lassen, kann ich nicht Essen gehen, kann ich mir nicht einmal ein Rasiermesser kaufen. Und wenn du auch noch eine Frau hast, Kinder und eine kranke Mutter, was sollst du dann machen? Arbeit gibt es nicht und verhungern willst du auch nicht. Da bleibt dir nichts anderes übrig als kriminell zu werden, Drogenhandel, Erpressung, Entführung."
Seinen Namen will der junge Mann nicht nennen. Er räumt ein, bisher fünf Menschen getötet zu haben.
Er sagt, er habe ein schlechtes Gewissen wegen der Morde, aber um seine Familie zu verteidigen, oder sich selbst, würde er es wieder tun.
In einer der schmutzigen Nebenstraßen von el Gallito hat sich die Vereinigung zur Vorbeugung von Kriminalität, APREDE, eingerichtet. Diese Nichtregierungsorganisation ist eine der wenigen, die direkt mit jugendlichen Straftätern zusammenarbeitet. Ihr Direktor, Emilio Gobaud, ein Mann mit großer Leibesfülle und freundlichem Lächeln, kennt die Nöte der Jugendlichen in den Armenvierteln.
"Die Jugendgewalt ist kein Problem der fehlenden Sicherheit, sondern ein sozioökonomisches Problem. Die Ursachen für die Gewalt sind innerfamiliäre Misshandlungen, der Mangel an emotionaler Nähe, die Armut, das Fehlen an Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeit."
Während der guatemaltekische Staat vorwiegend mit Repression reagiert, wirbt Emilio Gobaud um Verständnis für die jungen Straftäter.
"Meist sind es Menschen, die selbst Opfer waren, bevor sie zu Tätern wurden. Schon als Jugendliche akzeptieren sie, dass sie in jedem Moment sterben können. Also ziehen sie es vor, als Kriminelle zu leben. Anstatt weiter unter Misshandlungen und Aggressionen zu leiden, wollen sie jetzt selber Täter sein."
Die Gefängnisse in Guatemala sind voll von jungen Männern die wegen Gewalttaten festgenommen wurden. Doch die Bosse der Drogenmafia sind frei. Einige ihrer Namen sind bekannt und werden sogar in Medienberichten genannt. Diese Personen pflegen beste Beziehungen zur Polizei, zum Justizapparat und zur Regierung. Sie bleiben straflos, egal wie viele Morde sie in Auftrag geben.
In Guatemala leben 13 Millionen Menschen. Dieses Jahr sind täglich im Schnitt 17 Personen ermordet worden. Zu einer Verurteilung der Mörder kommt es selten. In nur zwei von hundert Fälle kommt es überhaupt zu einem Gerichtsverfahren. Eine der wenigen staatlichen Institutionen, die versucht, etwas an der Straflosigkeit zu ändern, ist die des Ombudsmans für Menschenrechte in Guatemala, Sergio Morales.
"In diesem Land der Straflosigkeit regieren die neuen Feudalherren, die Bosse des Verbrechens. Im Laufe der vergangenen vier Jahre sind 25 Tausend Menschen ermordet worden. Selbst die Sicherheitskräfte des Staates waren an außergerichtlichen Hinrichtungen beteiligt. Das einzige was mir in diesem Blutbad Hoffnung gibt ist der Kampf von einigen wenigen Personen, die Gerechtigkeit erreichen wollen. Diese Menschen müssen unterstützt werden."
Derweil versuchen die Eltern des ermordeten Flughafentechnickers José Méndez weiterhin, die Auftraggeber des Mordes an ihrem Sohn zu identifizieren. Obwohl sie sich schmerzlich bewusst sind, dass all die Mühen um Aufklärung ihren Sohn nicht zurückbringen werden. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger glaubt Pepes Mutter Miriam, dass sie eines Tages noch einmal glücklich sein wird.
"Wir können nicht mehr an eine Zukunft denken. Ich habe keine Pläne. Nur überleben, verletzt. Überleben, um mit den letzten Kräften, die mir noch bleiben, meinen Enkeln Wärme zu geben. Aber für mich selbst gibt es nichts mehr."
