Gerd Gigerenzer über digitale Kompetenz

    Wo der Algorithmus den Menschen schlägt - und umgekehrt

    06:34 Minuten
    Nahaufnahme von goldenen und silbernen Schachfiguren auf einem Schachbrett.
    Schach hat klare Regeln, das hilft dem Algorithmus. Aber wie ist das mit Situationen, die weniger kalkulierbar sind? © picture alliance / Zoonar / Khakimullin Aleksandr D9
    Gerd Gigerenzer im Gespräch mit Axel Rahmlow · 13.09.2021
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    Algorithmen können besser Schach spielen als Menschen. Aber können sie auch besser Straftaten vorhersagen? Der Psychologe Gerd Gigerenzer erklärt, wie wir die Früchte der Digitalisierung ernten können, ohne auf Hypes hereinzufallen.
    Irrationale Ängste auf der einen Seite, geradezu wahnwitzige Heilsversprechen auf der anderen: Nach wie vor sind wir weit entfernt von einem souveränen Umgang mit der Digitalisierung und deren Möglichkeiten.

    Früchte und Fallstricke digitaler Innovationen

    Einen Beitrag zu mehr Souveränität im Einschätzen der Chancen und Risiken der Digitalisierung will das neue Buch des Psychologen Gerd Gigerenzer leisten: "Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen".
    Grundsätzlich habe es im Umgang mit der Digitalisierung weder Sinn, ein völliger Enthusiast zu sein noch ein Gegner, betont Gigerenzer, "sondern man muss auf diese Technologie wie auf alle Technologien kritisch schauen und die Früchte ernten, aber darf nicht auf Werbung und Hype hereinfallen."
    Dem Psychologen zufolge gilt es zum Beispiel, sich klarzumachen, in welchen Situationen Algorithmen zu besseren Ergebnissen kommen und in welchen Menschen.
    "Algorithmen sind erfolgreich, wenn die Welt, das Problem, stabil ist. Beispiel: Schach oder Go. Da gelten die Regeln gestern und morgen wieder. Da kann niemand die Regeln verletzen. In dieser Welt sind uns Algorithmen inzwischen weit überlegen", betont Gigerenzer.

    Nach Verbrechen in der Zukunft fahnden

    Das gelte aber nicht in Konstellationen, die mit Ungewissheit behaftet seien. Als Beispiel nennt er "predictive policing", also Algorithmen, die in der Lage sein sollen, Straftaten vorherzusagen oder zu prognistizieren, wer sie begehen wird:
    "In diesen Bereichen sind die Algorithmen nicht besonders gut und werden sie auch nicht sein."
    In ungewissen Situation funktionierten menschliche Experten oft besser. "Wenn man das verstanden hat, dann wird man auch nicht wie die Berliner Polizei oder die bayerische Polizei Geld ausgeben, um komplizierte Algorithmen einzukaufen, um Straftaten vorherzusagen, sondern man macht es wie die Hamburger Polizei, die hat sich das genau angeschaut und ist nicht auf diesen Werbungshype reingefallen."

    Verstehen, wie Suchmaschinen ticken

    Auch dem Einzelnen hilft nach Einschätzung Gigerenzers mehr Einsicht in die Funktionsweise von bestimmten Produkten der Digitalisierung dazu, die Kontrolle über diese zu behalten. Zum Beispiel über Suchmaschinen wie Google.
    Da seien die ersten Einträge oft nicht die relevantesten für die Suchanfrage, sondern seien vermutlich von den Firmen, die dafür am meisten bezahlt hätten.
    Die Suchmaschine müsse man deshalb nicht unbedingt wechseln. "Es reicht ja schon, wenn Sie das verstehen", sagt der Psychologe. "Aber viele Menschen leiden unter einem Klickzwang. Das erste Ergebnis – und schon klickt man drauf."
    (uko)

    Gerd Gigerenzer: "Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen"
    Verlag C. Bertelsmann, München 2021
    416 Seiten, 24 Euro

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