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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.03.2009

Gerd Antes: Wir brauchen mehr öffentlich geförderte Studien

Wissenschaftler beklagt Verquickung von Pharma-Industrie und medizinischer Forschung

Gerd Antes im Gespräch mit Susanne Führer

Antes: Studien müssen einem Monitoring von Fachkollegen unterliegen.  (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Antes: Studien müssen einem Monitoring von Fachkollegen unterliegen. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Nach Ansicht des Leiters des deutschen Cochrane-Zentrums, Gerd Antes, ist die Verzahnung von Forschung und Pharmaindustrie eine der Hauptursachen für die Fälschung von Ergebnissen. Sie sei eine der "größten Quellen der Versuchung", sagte Antes vor dem Hintergrund des Skandals um systematisch gefälschte Studien zur Schmerztherapie durch den Amerikaner Scott Reuben.

Susanne Führer: Am Telefon ist nun jemand, der ebenfalls wissenschaftliche Arbeiten prüft, nämlich Dr. Gerd Antes. Er ist der Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg im Breisgau. Guten Morgen, Herr Antes!

Gerd Antes: Schönen guten Morgen!

Führer: Ja, Sie leiten den deutschen Ableger der Cochrane Collaboration, was – so viel habe ich verstanden – ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten ist, und Sie sammeln und bewerten klinische Studien. Können Sie kurz erläutern, warum und wozu?

Antes: Ja, wir versuchen, zu jeder Fragestellung, die in der Medizin relevant ist, Studien weltweit zu identifizieren und dann die schlechten zu ignorieren und die guten zu einer zusammenfassenden Arbeit, die man dann im Netz wirklich selbst lesen kann, zusammenzufassen.

Führer: Also relevante Fragestellung heißt,– ich weiß auch nicht was – hilft Akupunktur bei Kopfschmerzen?

Antes: Zum Beispiel. Akupunktur. Bei Kopfschmerzen gibt es dann zum Beispiel weltweit sagen wir mal 15 Studien von China, Australien bis Kanada, und die tragen wir zusammen, also jetzt nicht wir persönlich, sondern das können auch die Australier machen. Aber das ist eben das kooperative Netzwerk, das dann mit dem Ergebnis rauskommt.

Führer: Und dann fassen Sie die Ergebnisse dieser Studien zusammen?

Antes: Ja.

Führer: Und dann kann ich, wenn ich Kopfschmerzen habe, gucken, hilft Akupunktur?

Antes: Dann sollten Sie, wenn das gut gemacht ist, den weltweit besten Überblick zu dieser Frage haben, ja.

Führer: Sie haben gerade gesagt, Sie werten die guten Studien aus. Wäre Ihnen denn aufgefallen, Herr Antes, dass die Daten – mal angenommen, Sie hätten jetzt über Schmerztherapien geforscht und hätten auch die Studien von Scott Reuben mit einbezogen –, wäre Ihnen aufgefallen, dass die Daten seiner Studien gefälscht sind?

Antes: Das muss ich leider mit einem glatten Nein beantworten.

Führer: Ach!

Antes: Wenn die Fälschungen so plump gewesen wären, dass es mir aufgefallen wäre, dann wäre es nicht 13 Jahre lang gut gegangen.

Führer: Aber wie ist denn das möglich, gibt es denn da keine Kontrollmechanismen?

Antes: Doch, jede Menge, und je genauer man hinschaut, desto erstaunter ist man. Allein diese Aussage, dass er nie jemandem Einblick gab in seine Daten, zeigt, dass alle Mechanismen, die man in den letzten Jahren entwickelt hat, dort außer Kraft gesetzt worden sind.

Führer: Also es gibt Regeln, die nicht angewendet worden sind?

Antes: Es gibt ganz banale, das nennt man – leider immer auf Englisch – zum Beispiel "Good Clinical Practice", ein Regelwerk, das sagt, dass Studien einem Monitor unterliegen müssen. Das heißt, es gibt dann, wenn man es richtig macht, extra dafür ausgebildete Kräfte, die in die Kliniken fahren und sich die Originaldaten anschauen.

Führer: So ist das ja diesmal offensichtlich auch aufgeflogen. Es wird gesagt, an seinem Arbeitsplatz ist gesucht worden. Eine Art von Hausdurchsuchung kann man das fast nennen.

Antes: Ja, man hat inzwischen diese Hausdurchsuchung bewusst und systematisch eingeführt. Also einmal dieses Monitoring, das ist bei jeder Studie, und dann gibt es aber auch – das ist auch wieder leider ein Fremdwort – ein sogenanntes Audit, mit dem man dann hausintern oder von der Organisation auf die Studien schaut, um genau gegen diese Mechanismen gewappnet zu sein, die wir jetzt gerade beobachten.

Führer: Das sind ja doch aber Maßnahmen, die man ja, glaube ich, erst dann ergreift, wenn man vielleicht schon einen Verdacht hat. Das ist ja gar nicht möglich, das bei der Vielzahl an Studien, die veröffentlicht werden, anzuwenden. Was gibt es denn im Vorfeld? Also ich untersuche jetzt die Wirksamkeit eines Medikaments und will das jetzt in einer dieser renommierten Fachzeitschriften "Nature" oder "Science" veröffentlichen.

Antes: Nein, da muss ich Sie korrigieren zu dem, was ich gerade gesagt habe: Das ist Routine einer jeden Studie.

Führer: Hausdurchsuchungen?

Antes: Ja.

Führer: Aha!

Antes: Eigene Hausdurchsuchungen. Und immer dafür gewappnet sein. Und dieses Monitoring, was ich als Erstes genannt habe, das ist Routine einer jeden guten klinischen Studie. Wir haben zum Beispiel hier in Freiburg eine Einheit – das nennt sich Zentrum Klinische Studien – mit knapp 50 Mitarbeitern, wo genau die dafür auch speziell geschulten Kräfte arbeiten, die das dann in den Studien machen.

Führer: Gut, Herr Antes, dann gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Bevor ich überhaupt eine Studie beginne, was passiert denn da?

Antes: Der erste Schritt – und das ist auch heute völlig etabliert weltweit –, ist, dass ich den Studienplan einreiche bei einer sogenannten Ethikkommission, der dort geprüft wird, ob alles nach den Regeln der Kunst geplant worden ist, und dann genehmigt wird.

Führer: Also das heißt, ich reiche ein, ich will untersuchen, hilft Medikament XY gegen Kopfschmerzen?

Antes: So ist es, ja im Vergleich zu einem Standardmedikament oder auch im Vergleich zu Nichtstun.

Führer: Und das muss eine Ethikkommission genehmigen?

Antes: Ja.

Führer: Und warum ist das so wichtig?

Antes: Weil das der erste Schritt ist, um einerseits Fehler in der Planung zu korrigieren und zweitens, und das ist leider auch ganz, ganz wesentlich: Es ist eine übliche Praxis, die Dinge, die einem nicht gefallen, nicht zu publizieren. Bei der Ethikkommission ist es sozusagen der erste Existenznachweis, dass eine Studie begonnen wurde, die auch dann von dort nachvollzogen werden kann, bis hin zur Publikation.

Führer: Um das jetzt noch mal aufzudröseln, nicht zu publizieren, was einem nicht passt: Also ich bekomme dann raus, nachdem ich, was weiß ich, ein halbes Jahr lang das untersucht habe, dass Medikament XY nicht hilft gegen Kopfschmerzen. Und da das ein Ergebnis ist, was mir nicht passt oder demjenigen, der es finanziert, veröffentliche ich das gar nicht erst.

Antes: Genauso ist es.

Führer: Ist das eine Art von Fälschung, würden Sie soweit gehen?

Antes: Das würde ich als Fälschung, also als indirekte Fälschung bezeichnen. Wenn ich dann noch die Ergebnisse schöne in dieser Publikation und die Dinge bewusst weglasse und überhaupt nicht erwähne, die mir nicht gefallen haben, dann würde ich das als zumindest schlechte forscherische Praxis bezeichnen. Und streng genommen ist es auch eine Fälschung, ja.

Führer: Und haben Sie eine Schätzung, wie viele Studien überhaupt gar nicht erst veröffentlicht werden?

Antes: Das wissen wir ziemlich genau, weil wir auch gerade dazu jetzt hier in Deutschland ein großes Projekt durchführen. Zirka 50 Prozent von dem, was als Forschung, klinische Studien begonnen wird, sieht nie die Öffentlichkeit.

Führer: Wie fälscht man medizinische Studien? Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Dr. Gerd Antes, dem Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums. Herr Antes, jetzt mal angenommen, die Ergebnisse sind einigermaßen so, dass ich sie doch veröffentlichen möchte, und jetzt sind wir an diesem Punkt und ich möchte das in einer dieser großen, renommierten Fachzeitschriften veröffentlichen. Wird denn da noch mal geprüft, wie plausibel meine Ergebnisse sind?

Antes: Ja. Alle besseren Zeitschriften haben einen Mechanismus, den man als Peer Review bezeichnet. Das heißt, die Publikationen werden – peer heißt "Gleiche" – also vom Fachkollegen kritisch angesehen und auch dann meistens noch mal mit einer Kritik zurückgeschickt, bevor sie publiziert werden. Das geschieht mit zwei, drei Kollegen.

Führer: Und ist das ein offenbar ja nicht wasserdichtes System, warum nicht?

Antes: Da gibt es einfache Gründe, dass man es einfach nicht gemerkt hat, weil die Fälschung so geschickt war, weil Sie bewegen sich ja im vorderen Rand der Forschung. Also man weiß nicht, wo die Wahrheit ist. Deswegen müssen Sie erst mal, wenn es technisch und von der Prozedur richtig gemacht worden ist, das so hinnehmen, wie Sie es sehen. Was hier allerdings auch passiert sein kann, ist, dass die Expertengläubigkeit sich irgendwann durchsetzt, dass also auch Gutachter unkritisch sind. Das kann ich im Moment noch nicht beurteilen, aber das sieht mir ein bisschen so aus.

Führer: Ach, Sie meinen, weil Scott Reuben schon so einen Namen hatte, wird das dann sozusagen immer weiter getrieben. Man glaubt ihm dann einfach.

Antes: Die Gutachter werden immer ängstlicher, vor allen Dingen, wenn sie auch noch in der Hierarchie jünger sind, dort kritisch hineinzubohren.

Führer: Nun ist es ja so, dass gerade bei Medikamentenstudien die Pharmaindustrie, die im Allgemeinen ja auch bezahlt – kann man sagen, dass da vielleicht auch eine ungute Verquickung stattfindet, ohne jetzt sofort unterstellen zu wollen, dass die zu Fälschungen anregen?

Antes: Das kann man nicht nur sagen, das muss man sagen. Das ist sicherlich eine der größten Quellen der Versuchung. Und nach dem, was ich bisher hier gelesen habe, ist auch zum Beispiel völlig unklar, wo die Zahlungen von Pfizer an Reuben gelandet sind.

Führer: Also das scheint ja jetzt auf einen ganz banalen Betrug hinauszulaufen.

Antes: Also den Fall hier würde ich schlichtweg als kriminell bezeichnen, ja.

Führer: Aber gibt es denn auch noch sozusagen, jenseits jetzt dieses kriminellen Falles, sozusagen, dass von der Konstruktion her etwas falsch ist, dass die Pharmaindustrie zu sehr Einfluss nimmt?

Antes: Es gibt halt viele Fälle, wo wir wirklich viel, viel mehr öffentlich geförderte Studien haben müssten, um diese ganzen Ursachen systematisch zu umschiffen. Das wird aber nicht gelingen in Kürze, weil einfach das Geld auf der anderen Seite sitzt. Und dann gibt es auch eine Reihe von kleinen Schlampereien, die sich so einschleichen – ich würde das eher so als, auch wieder in Englisch, als Spinning bezeichnen –, dass man die Ergebnisse so ein bisschen in die richtige Richtung bewegt. Was ich aber auch betonen möchte an der Stelle, ist, dass es natürlich zigtausend Studien gibt, die sehr, sehr sorgfältig und genau nicht mit diesen Fehlern behaftet durchgeführt werden. Und was bei diesen Skandalen immer ein bisschen untergeht, ist, dass die gute Seite, die für uns gerade auch als Menschheit enorm wichtig ist, dabei ein bisschen untergeht. Also der große Schaden dieser Affäre ist eigentlich nicht, ob ein paar Patienten geschädigt sind, sondern dass der Ruf der klinischen Forschung beschädigt wird.

Führer: Dr. Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg im Breisgau. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Antes!

Antes: Herzlichen Dank!

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