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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 11.05.2005

Geraubter jüdischer Besitz

Micha Brumlik, Direktor des Fritz Bauer Instituts, zur Ausstellung "Legalisierter Raub"

Moderation: Katrin Heise

Blick in ein jüdisches Zuhause in New York (AP Archiv)
Blick in ein jüdisches Zuhause in New York (AP Archiv)

Die Ausstellung "Legalisierter Raub", die im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird, beleuchtet die systematische Ausplünderung jüdischer Bürger während der Nazizeit. Gezeigt werden Kunst- und Haushaltsgegenstände, Dokumente und Biografien von Opfern und Tätern. Das Fritz Bauer Institut lieferte mit seinen Holocaust-Forschungen die Grundlagen der Schau.

Heise: Geraubter jüdischer Buchbesitz in Museen und Bibliotheken. Einen anderen Aspekt der systematischen Ausplünderung jüdischer Bürger während des Nazireiches beleuchtet die Ausstellung "Legalisierter Raub". Nach verschiedenen deutschen Städten wird heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin diese Ausstellung eröffnet, und dazu begrüße ich jetzt Professor Micha Brumlik, Direktor des Fritz Bauer Institutes. Herr Brumlik, Ihr Institut hat Forschungen zu diesem Thema angestellt und sozusagen die Grundlagen für die Ausstellung geliefert. Dass jüdische Unternehmen und Fabriken quasi enteignet wurden oder zu Schleuderpreisen zwangsverkauft werden mussten, das ist ja auch bekannt, aber wie systematisch wurden eigentlich Privatleute bestohlen?

Brumlik: Auch Privatleute wurden systematisch ausgeraubt auf der Basis ganz unterschiedlicher Regelungen und Normen, beginnend mit der sogenannten "Reichsfluchtsteuer", die natürlich schon älter war als der Nationalsozialismus, die dann aber Juden, die gezwungen wurden, Deutschland zu verlassen, auferlegt wurde. Das hat sich fortgesetzt mit vielen Ergänzungsverordnungen dazu, bis hin zu der sogenannten "elften Verordnung", die festgelegt hat, dass Juden, die das reichsdeutsche Gebiet verlassen haben, alle ihre Habe dem Deutschen Reich zu überlassen hatten. Mit anderen Worten - und das ist der Höhepunkt der Infamie: Diejenigen, die ab 1941 gegen ihren Willen aus Deutschland etwa nach Auschwitz deportiert wurden, denen wurde attestiert, dass Auschwitz Ausland war, ihr Besitz dem Deutschen Reich anheim fiel.

Heise: Wie gingen diese Plünderungen eigentlich vor sich?

Brumlik: Ein Beispiel ist etwa die Geschichte von Arthur Lauinger, der noch bis 1937 Redakteur der "Frankfurter Zeitung" gewesen ist, dessen Bibliothek, 3.000 Bücher, beschlagnahmt worden ist. Die Bücher wurden eingesackt, und dann wurden pro Buch eine halbe Reichsmark errechnet, und das Geld wurde ausgezahlt. Die besondere Infamie ist, dass nach dem Zweiten Weltkrieg, als Lauinger diesen Schaden wieder anmeldete, ihm beschrieben wurde, das sei doch alles ordnungsgemäß bezahlt worden.

Heise: Sondersteuern, Eigentum wurde konfisziert, das heißt, da mussten unwahrscheinlich viele Behörden eigentlich mit daran beteiligt werden?

Brumlik: Behörden und auch private Unternehmungen. Das waren - das zeigt unsere Ausstellung - vor allem die Finanzämter, die Finanzdirektionen. Eine wesentliche Rolle spielten aber - und darauf ist noch viel zu wenig geachtet worden - etwa Speditionsunternehmen, die ja dann diese taxierten Sachen, zu übernehmenden Sachen abtransportiert hatten oder sich auch noch einmal gütlich daran gehalten haben.

Heise: Was geschah ansonsten mit dem Besitz?

Brumlik: Der wurde dann gerne versteigert. Diese Versteigerungen in den Jahren 1941/1942 waren zumindest auf dem flachen Land mitten im Krieg zum Teil Veranstaltungen durchaus mit Volksfestcharakter. Ein Aspekt dieses absolut perversen nationalsozialistischen sogenannten "Sozialstaates" war es dann, dass geraubtes jüdisches Gut etwa Ausgebombten zur Verfügung gestellt wurde.

Heise: Der Historiker Götz Aly spricht von einer Wohlfühldiktatur, davon, dass sich Hitler die Zustimmung der Deutschen quasi durch solche Gaben erkauft hat. Würden Sie ihm auch zustimmen, dass mit solchen Schnäppchen das Volk stillgestellt wurde?

Brumlik: Unter anderem auch. Ich möchte vielleicht noch eine Geschichte erzählen, die geradezu unglaublich ist. Im Jahre 1941 wurde eine ältere jüdische Dame in den Osten deportiert, sollte nach Riga gebracht werden. Dem zuständigen Taxierer fiel in der Wohnung dieser älteren Dame eine Nähmaschine auf, die ihm gefallen hat und die er dann für seine Familie reservieren wollte. Als dann nach der Deportation die Behörden kamen, um Hab und Gut sicherzustellen, stellte der zuständige Beamte fest, dass die Nähmaschine weggewesen ist. Das führte dazu, dass der Deportationszug nach Riga angehalten wurde, dass die alte Frau aus dem Zug gerissen wurde und man sie hoch und peinlich gefragt hat, wo diese Nähmaschine sei, so dass sie schließlich zugeben musste, einer ihrer wenigen Freundinnen, einer Nichtjüdin, die sich in dieser Zeit anständig verhalten hat, geschenkt habe. Daraufhin sind dann die Finanzbehörden zu dieser Freundin gegangen, haben diese Nähmaschine requiriert und sie ist dort gelandet, wo sie ursprünglich hin sollte, nämlich bei der Familie des Finanzbeamten.

Heise: Wie sieht es eigentlich mit Entschädigungen aus? Sie haben gerade erwähnt, Herr Lauinger hat seine Sachen mit dem Hinweis, er sei schon mal bezahlt worden, nicht wiederbekommen. Wie ist es ansonsten mit Entschädigungen auf dem Gebiet?

Brumlik: Das ist eine komplexe Angelegenheit gewesen. Es gab ja eine Reihe von sogenannten "Wiedergutmachungsgesetzen". Was aber die geraubten Gegenstände - das waren Haushaltsgegenstände bis hin zu Kunstgegenständen - angeht, muss man sagen, dass da auf gesetzlicher Basis nicht sehr viel passiert. Es hat viele Jahre gedauert, bis etwa, initiiert von Hilde Schramm, so eine Stiftung errichtet wurde "Zurückgeben", die dann versucht hat, an den Bürgersinn zu appellieren, um sich eben nicht mit geraubtem Gut ein schönes Leben zu machen, aber das war schon viele Jahrzehnte später.

Heise: Wie hat Ihr Institut diese ganzen Geschehnisse aufbereitet? Was kann man sehen in der Ausstellung?

Brumlik: Unsere Ausstellung, die heute um 18 Uhr im Deutschen Historischen Museum eröffnet wird, zeigt sehr vieles. Sie zeigt die Verordnung, sie zeigt die Bescheide, aber es bleibt keineswegs nur bei Dokumenten. Wir zeigen auch tatsächlich typische Gegenstände, die damals geraubt worden sind. Wir dokumentieren - und das ist besonders wichtig - die Lebensläufe, die Biografien, sowohl von Opfern als auch, was fast noch interessanter ist, die Lebensläufe von Tätern, eine Gruppe an die man ja kaum denkt, die bis heute als Inbegriff der Korrektheit überhaupt gelten, die Finanzbeamten, und da zeigt sich, auch und gerade die Finanzämter und Finanzdirektionen sind schon seit Anfang der dreißiger Jahre von einem nicht unerheblichen Teil von überzeugten Nationalsozialisten bevölkert gewesen.

Heise: Vielen Dank für Ihren Besuch.

Service:

Die Ausstellung "Legalisierter Raub - Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen und Berlin 1933 - 1945" ist vom 12. Mai bis 18. September 2005 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

Links:

Deutsches Historisches Museum: "Legalisierter Raub"

Fritz Bauer Institut in Frankfurt/M.

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