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Fazit | Beitrag vom 28.02.2019

Geraubte KulturgüterBaden-Württemberg gibt Witbooi-Bibel an Namibia zurück

Von Christiane Habermalz

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Ein Neues Testament und eine Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi liegen in einer Vitrine im Linden-Museum für Völkerkunde. Das Land Baden-Württemberg will die Exponate als geraubte Kulturgüter im Februar an Namibia zurückgeben. Bis zur Rückgabe werden beide Gegenstände nochmals im Lindenmuseum ausgestellt. (picture alliance / Marijan Murat / dpa)
Ein Neues Testament und eine Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi liegen hier noch in einer Vitrine im Linden-Museum in Stuttgart. Die Exponate wurden heute zurückgegeben. (picture alliance / Marijan Murat / dpa)

Deutschland tat sich lange schwer mit der eigenen kolonialen Vergangenheit. Baden-Württemberg hat nun eine Bibel und Peitsche des bedeutenden Nama-Anführers Hendrik Witbooi in Namibia zurückgegeben – und sich für das große Unrecht entschuldigt.

Immer wieder wird dieser Tage das gleiche Lied gesungen, das jeder Witbooi - ob klein oder groß - kennt. Es ist ein Preislied auf Hendrik Witbooi, den großen Urahnen. Wie eine Schlange sei er gewesen, heißt es in dem Lied, der sich im Gras versteckt habe, um dann im richtigen Augenblick seinen Feind zu vernichten.

Ein historischer Tag

Der kleine Ort Gibeon, etwa 350 km südlich von Windhoek, platzte heute förmlich aus allen Nähten. Ein sandiges 3000-Seelenest am Rande der Kalahari-Wüste. Fast die gesamte Politprominenz aus Windhoek ist für die Übergabezeremonie angereist: Staatspräsident Hage Geingob und seine zwei Vorgänger im Amt, zahlreiche Minister und Vizeminister, Abgeordnete und traditionelle Oberhäupter der Nama und auch der Herero. Und überall sind die traditionellen Kopfbedeckungen der Witbooi-Familie zu sehen: Der strahlend weiße Turban mit der Witwe-Bolte-Schleife an der Stirn bei den Frauen, der auf merkwürdige Weise mit weißem Tuch umwickelte Hut mit dem nach oben abstehenden Knoten bei den Männern.

Staatspräsident Hage Geingob nahm die Bibel und die Peitsche persönlich von Teresia Bauer entgegen: "Es ist wahr, dass wir angefangen haben, Wunden zu heilen. Dank Menschen wie Ihnen. Aber wir sind noch weit entfernt davon, dass diese Wunden wirklich verheilen. Aber wir sind sehr froh, dass Sie hierher gekommen sind, den ganzen Weg hierher, um vor so vielen Namibiern zu sagen, was Sie gesagt haben. Das ist sehr mutig, und wir danken Ihnen dafür."

Bibel-Rückgabe kann nur ein erster Schritt sein

Zuvor hatte Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft und Kultur, mit deutlichen Worten ihr Bedauern ausgesprochen für das große Leid und Unrecht, das Namibiern durch deutsche Soldaten zugefügt worden sei. Und deutlich gemacht, dass die Bibel und diese Rückgabe für sie nur ein erster Schritt ist. Allein im Linden-Museum befinden sich noch 2200 Objekte aus Namibia, sie werden derzeit erforscht. Sie verbindet die Rückgabe mit einer Namibia-Initiative, die Kooperationen zwischen beiden Ländern etwa im Archivbereich oder bei der gemeinsamen Erarbeitung von Unterrichtseinheiten zum Thema Kolonialismus vorsieht.

Theresia Bauer: "In Deutschland hat die Anerkennung unserer schwierigen kolonialen Vergangenheit viel zu lange gedauert. Aber sie hat begonnen. Ein Zeichen dafür ist die Rückgabe der Bibel und der Peitsche von Hendrik Witbooi nach über 100 Jahren. Viel zu lang. Und das tut mir sehr leid."

Schlacht von Hornkranz unvergessen

Eins ist klar: Hier in Namibia, und erst recht nicht bei den Wotboois, ist auch nach über 100 Jahren die Schlacht von Hornkranz nicht vergessen. Das Ereignis ging als Massaker von Horncranz in die Geschichte ein, weil die Deutschen dabei auch mehr als 70 Frauen und Kinder töteten. Die persönlichen Gegenstände des Nama-Kapteins wurden dabei erbeutet und kamen 1902 ins Linden-Museum nach Stuttgart. Dass sie jetzt zurückkehren, hat für die Witboois eine große Bedeutung. Wir sind nicht mehr dabei gewesen, als die Objekte gestohlen wurden, doch in den Erzählungen hätten sie ständig weitergelebt, sagt Elisabeth Kock, Ururenkelin von Hendrik Witbooi in der schönen Klicksprache der Nama. Und an die deutsche Ministerin gewandt:

"You have to bring back everything you have from us. But from the deepest oft my heart I thank you for that."

Lange war im Vorfeld verhandelt worden, an wen die Objekte zurückgegeben werden sollten. Am Ende hat sich die Witbooi-Familie einverstanden erklärt, dass sie ans Nationalarchiv und ins Nationalmuseum nach Winhoek kommen. Dort sollen sie für alle Namibier öffentlich präsentiert werden. Denn Henderik Witbooi, Anführer der Nama, ist auch eine wichtige nationale Figur, sein Konterfei ist auf Geldscheine gedruckt und jedes Kind kennt hier seinen Namen.

Stolz auf den Vorfahren

Dass die Übergabe in Gibeon stattfindet, hat für die Witbooi eine große symbolische Bedeutung – und ist ein Zugeständnis an die Familie. Denn hier ist der traditionelle Sitz der Witboois seit über hundert Jahren. Die Familie hat, wie die meisten Nama, für ihren Widerstand gegen die Deutschen einen hohen Preis gezahlt. Nachdem Witbooi 1905 im Krieg verwundet wurde und starb, kapitulierten seine Leute, die meisten Familienmitglieder wurden in die berüchtigte Haifischinsel deportiert und starben dort, andere nach Kamerun, auch dort überlebten die wenigsten.

Umso größer ist der Stolz auf den Vorfahren, der durch seinen politischen Weitblick und sein Verhandlungsgeschick selbst den Deutschen Respekt eingeflößt hatte. Hätte er nicht in Afrika gelebt, wäre er sicher eine wichtige historische Figur geworden, sagte einst Theodor von Leutwein, Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika über ihn. Seine zahlreiche Korrespondenz und seine Tagebücher sind zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt worden – wegen ihrer literarischen Qualität und wegen der Klarsicht, mit der Witbooi schon früh die menschenverachtende Natur des Kolonialismus durchschaute. Sie sind im übrigen vor zwanzig Jahren an Namibia zurückgegeben worden. Aus dem Überseemuseum in Bremen.

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