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Tonart | Beitrag vom 17.05.2019

Gérard Grisey: "Les espaces acoustiques"Weltphilosophie in Klängen

Vladimir Jurowski im Gespräch mit Carsten Beyer

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Porträt des Dirigenten (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)
Vladimir Jurowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)

Einen "Trip" verspricht Vladimir Jurowski, der Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, dem Publikum bei der Berliner Erstaufführung von "Les espaces acoustiques" von Gérard Grisey. Im Gespräch erläutert Jurowski, was sich hinter dem Stück verbirgt.

Der Franzose Gérard Grisey galt als Vertreter des "Spektralismus", der "Musique spectrale". Der Begriff wurde  in den 70er-Jahren von der Künstlergruppe "Ensemble l’Itinéraire" etabliert, der auch Grisey angehörte. Die Komponisten stellten sich vor allem gegen das serielle Kompositionsprinzip - gegen das atonale Abschreiten von Tonhöhen. Sie forschten lieber nach den so genannten Obertönen. Diese sind, physikalisch gesehen, immer Bestandteile eines Tones. Sie färben ihn in Punkto Schärfe und Fülle, er bestimmt die Klangfarbe.

"Das ist genau die Idee der Künstler", sagt Vladimir Jurowski, Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters . "Sie wenden sich von den Strukturen ab und dem Leben zu. Und das Leben in der Musik manifestiert sich über den Klang. Klang ist das Medium. Klang ist aber auch die Form. Und es klingt erstaunlich schön!" Es gebe auch sehr grelle Klänge, aber im Gegensatz zu den anderen avantgardistischen und postavantgardistischen Schulen gewährten sie dem Schönklang eine Existenz. "Und es entsteht so ein Klanggewebe, das absolut berauschend sein kann", meint Jurowski.

Am Anfang war die Bratsche

Das Stück "Les espaces acoustiques" beginnt mit einem ausgedehnten Bratschensolo, in das erst nach geraumer Zeit andere Instrumente einsteigen. Die Steigerung wird durch das Schmettern der vier Hörner ins Extreme getrieben. Grisey sprach davon, so Jurowski, dem Hörer eine klangliche Reiseroute anbieten zu wollen.

Das Orchester steht auf der Bühne des großen Sendesaales des Berliner Funkhauses in der Masurenallee. (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)Der Konzertsaal im Haus des Rundfunks ist eine Heimat für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)

Das Stück sei im Laufe von elf Jahren entstanden und auch nicht chronologisch aufbauend. Dem Komponisten sei das aber vom ersten Ton an klar gewesen, berichtet Jurowski. Alle Stücke dürften auch einzeln gespielt werden. Außer dem Prolog, wie der Dirigent betont. Denn jedes Stück stünde für sich. Wenn aber alle nacheinander erklingen, dann werde der Hörer eine Art "transzendentale Erfahrung" durchleben. 

"Es ist für alle, inklusive dem Dirigenten, eine ziemlich sportliche Angelegenheit", meint der Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Auch das Lesen der Partitur sei herausfordernd, denn die Angaben zum Rhythmus sähen aus wie physikalische Formeln. Grisey habe die metrischen Angaben sehr kompliziert notiert, mit dem Ergebnis, "dass fast jeder Schlag einem neuen Metrum folgen muss."

Musikalische Affäre

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wird den Konzertabend nicht allein bestreiten. Der Dirigent hat dem Orchester das auch von ihm geleitete "ensemble unitedberlin" zur Seite gestellt. Das sei eine sehr beglückende Erfahrung gewesen, sagt Jurowski.

Die Mitglieder des Ensembles sitzen mit ihren Instrumenten eng beieinander. (Ensemble united Berlin / Matthias Bothor)Die Mitglieder des Ensemble unitedberlin interessieren sich vor allem für zeitgenössische Musik. (Ensemble united Berlin / Matthias Bothor)

"Es hat überhaupt keine Schwierigkeiten gegeben. Die Ensemblemitglieder haben sich reibungslos ins Orchester eingereiht - viele von ihnen haben ja auch Erfahrung mit dem Orchesterspielen." Und auch das Orchester habe sich selbstlos in diese Affäre hineingeworfen. Aber das Orchester spiele inzwischen auch sehr viel mehr zeitgenössische Musik unter seiner Leitung als in den Jahren zuvor und kenne den Umgang damit.

Klangabenteuer in Klangrede

"Aber so eine Musik wie der Grisey ist ihnen bestimmt noch nicht vorgekommen", meint Jurowski. Man müsse sich den ganzen Abend - und nicht nur einen Konzertteil - hochkonzentriert ins Zeug legen, fügt der Dirigent hinzu. Neben der Technik müsse man "hinter die Töne steigen. Und es auch emotional verinnerlichen, um es dann dem Publikum nahe zu bringen."

Grisey habe das Abenteuer, das Leben und den Tod des Klanges in seiner Musik erfasst. Am Ende scheint der Klang zu ersterben, er wird zu einem Geräusch und endet mit einem dumpfen Trommelschlag. Jurowksi fasst zusammen: Grisey habe eine Lebensphilosophie in Töne gefasst, "eine kosmogonische Weltdarstellung in Form dieser Klangabenteuer-Reden".

Am Dienstag, 21. Mai 2019, übertragen wir die Konzertaufzeichnung ab 20.03 Uhr.

(cdr)

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