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Buchkritik | Beitrag vom 10.01.2019

Gerald Murnane: "Grenzbezirke"Ein Alterswerk von höchster Konzentration

Von Meike Feßmann

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Das Cover des Buches "Grenzbezirke" vor einer australischen Felslandschaft (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster / Suhrkamp Verlag)
Die australische Natur ist schön und karg - und Gerald Murnane schreibt die Literatur dazu. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster / Suhrkamp Verlag)

In seinem neuen Buch feiert Gerald Murnane die Subjektivität: Der australische Schriftsteller hat so lange seinen eigenen Weg verfolgt, bis sein Abstand zum Mainstream anbetungswürdig wurde.

Es mag ein wenig schematisch sein und doch könnte man manchmal glauben, dass es nur zwei Menschentypen gibt: diejenigen, die der Fülle huldigen und ihr Glück in der Anhäufung von Gegenständen und Erfahrungen suchen; und diejenigen, die Begrenzungen bevorzugen und überzeugt sind, dass nur gelenkte Aufmerksamkeit und gezielte Konzentration hervorbringen können, was sie schätzen.

Der große australische Schriftsteller Gerald Murnane, mit der deutschen Übersetzung seines 1982 erschienenen Prosawerks "The Plains" ("Die Ebenen", 2017) auch im deutschsprachigen Raum bekannt geworden, gehört ohne Zweifel zur zweiten Sorte.

"Grenzbezirke" ("Border Districts", 2017) ist ein Alterswerk von höchster Konzentration. Der Ich-Erzähler dieses "Berichts", wie er selbst sein Schreiben nennt, hat sich vor einigen Jahren in einen kleinen Ort im Bundesstaat Victoria zurückgezogen.

Ohne Fernseher, ohne Computer und fast ohne Bücher

Die meisten Bücher hat er hergegeben, Fernseher und Computer besitzt er ohnehin nicht. So erkundet er seine eigene Bildwelt, die Entwicklung seines Geistes über all die Jahre. Er hat sich strenge Regeln auferlegt und will die Bilderfolgen so aufzeichnen, wie sie sich einstellen.

Über die Jahre hat er gelernt, den "Impulsen" seiner Vorstellung zu vertrauen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob andere seine Stoffe womöglich "als unpassend, banal und kindisch" bezeichnen würden.

Ähnlich wie Paul Valéry, aber in einer anderen Tonlage, erkundet Gerald Murnane die Einbildungskraft an sich selbst. Wie im Kopf des Lesers Vorstellungen entstehen, die mit dem, was er liest, nur am Rande zu tun haben, ist ihm ein faszinierendes Rätsel.

Ohne es zu exponieren, ist der Verlust des katholischen Glaubens mit siebzehn das Schlüsselerlebnis seiner autobiografischen Geschichte der Einbildungskraft. Was passiert mit den Bildern, wenn sie des religiösen Inhalts beraubt werden? Sie transformieren sich in Literatur, könnte man das Ergebnis zusammenfassen, wenn Murnane auf Objektivität aus wäre. 

Immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch

Doch das Gegenteil ist der Fall. "Grenzbezirke" ist eine Feier der Subjektivität – oder genauer: der privaten Sicht. Der 1939 in Melbourne geborene Schriftsteller, der nie in seinem Leben geflogen ist und sich nie weiter als eine "Tagesreise per Straße oder Schiene" von seinem Geburtsort entfernt hat, gehört zu den seltenen Schriftstellern, die so lange ihren eigenen Weg verfolgen, bis ihr Abstand zum Mainstream geradezu anbetungswürdig geworden ist.

Dreizehn Romane, Erzählungs- und Essaybände hat Gerald Murnane geschrieben und war immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch. Die hymnischen Besprechungen haben dennoch nicht nur mit seiner Prosa zu tun. Sie gelten auch der energischen Grenzziehung, die er betreibt, wenn er sich dem Reisen und den elektronischen Medien verweigert.

Wer den Autor kennenlernen will, sollte mit "Die Ebenen" beginnen und sich "Mental Places" ansehen, das Videoporträt, das Ben Denham 2014 gedreht hat. Welche Bedeutung die Landschaft für ihn hat, das Licht und die Farben, versteht man sofort – und auch seine Leidenschaft fürs Ordnen und Klassifizieren.

Gerald Murnane: Grenzbezirke
Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
232 Seiten, 18 Euro

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