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Studio 9 | Beitrag vom 09.01.2021

Geräuschemacher Amadeus Bodis Der mit dem Ton tanzt

Von Christian Volk

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Der Geräuschemacher Amadeus Bodis sitzt zwischen vielen Utensilien in einem Tonstudio. (Deutschlandradio / Christian Volk)
Hat eigentlich Filmschnitt gelernt und ist dann zum Geräuschemachen gekommen: Amadeus Bodis. (Deutschlandradio / Christian Volk)

Amadeus Bodis ist einer der wenigen Geräuschemacher in Deutschland. In Zeiten riesiger digitaler Archive wird er vor allem für die Details etwa beim Nachvertonen von Filmen gebraucht. Dabei geht es sehr oft um ein bestimmtes Geräusch.

Amadeus Bodis wackelt mit einem Windspiel aus abgesägten Muscheln. Bodis ist 62, er kreiert die Sounds für Kinofilme, Hörspiele, Serien und auch Werbung. Unter anderem mit diesem Windspiel. "Das ist ein philippinisches Zierdingsda - wenn die Decke wackelt und der Kronleuchter anfängt zu klirren. Das habe ich mal für einen Werbespot für VW gemacht."

Vor ihm auf dem Boden liegen überall verstreut Gegenstände, es sieht aus wie auf einem Flohmarkt. In der Ecke stehen vier alte Reisekoffer. Das Leder ist schon abgeplatzt. Bodis wühlt darin. Hier ein paar Boxhandschuhe, da ein Seil, dort eine kleine Leiter. Und: überall Mikrofone. Jedes noch so kleine Geräusch ist wichtig für den Geräuschemacher.

Den Ton transparent machen 

"Es sind so viele Details: Wenn jemand ein Glas in die Hand nimmt, hat er einen Ehering? Klackert das? Oder Frauen, wenn sie den Kopf schütteln, dass man die Ohrringe hört. Natürlich nur in einer Großaufnahme – aber das ist genau das, was den Ton transparent macht."

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Solche kleinen Details, wie beispielsweise klackernde Ohrringe können am Film-Set nicht einwandfrei aufgenommen werden. Dann kommt Bodis ins Spiel und nimmt die Geräusche noch einmal separat auf. Gerade arbeitet er für die KIKA-Serie "Die Pfefferkörner" und ist dafür auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gegenstand: einer Holzschraubzwinge. "Mit der kann man alles Mögliche machen. Das kann knarrender Boden sein, das kann sogar ein morscher Baum sein, Takelage. Man kann es ja auch unterschiedlich spielen."

Die Liebe zum Detail

Eine Ausbildung zum Geräuschemacher gibt es nicht, in Deutschland arbeiten auch nur 20 bis 30 Leute in diesem Beruf. Bodis hat Filmschnitt gelernt, ist in den Geräusche-Job später einfach reingerutscht. In Zeiten riesiger digitaler Archive mit Sounds und Geräuschen brauche man ihn vor allem wegen der kleinen Details, sagt er – und wegen der Schritte. Bodis verbringt 90 Prozent seiner Arbeit nur damit, Schritte in Filmen nachzuvertonen. Dafür hat er selbstgebaute Schuhe. Manche davon haben nicht mal eine Sohle und sind vorne noch gedämpft mit einem Lassoband. 

Porträt des Geräuschemachers Amadeus Bodis in seinem Studio. (Deutschlandradio / Christian Volk)90 Prozent Schritte: Der Geräuschemacher Amadeus Bodis. (Deutschlandradio / Christian Volk)

Das Besondere: Bodis hat immer nur einen Schuh an und sitzt beim Schritte nachmachen. Über Jahre hat er seine Technik perfektioniert, rollt die Sohle so ab, dass er mit dem Vorderfuß einen ersten Schritt macht, dann mit der Ferse einen zweiten. Fast immer ist dabei auch schauspielerisches Talent gefragt. "Wenn man es schafft, in die Emotion einzusteigen, dann hat man auch die entsprechende Körperspannung. Haut natürlich nicht immer hin. Ich bin kein Akrobat. Also man kann sich vorstellen, zu hinken, an einer Krücke zu gehen, bei jedem Schritt Schmerzen zu verspüren. Das ist einfacher als einen Athleten nachzumachen."

Der Sound wird lauter, krasser und brutaler

Im Laufe der Zeit haben sich unsere Hörgewohnheiten verändert. Der Filmsound wird immer besser, alles muss so realistisch wie möglich klingen. Aber große Genres übertreiben auch immer wieder. Vor allem in Action- oder Horrorfilmen gilt: lauter, krasser und brutaler. "Ich kann manche Dinge nicht ertragen. Also, wo jedes Messer, wenn es schon im Fleisch steckt, man die Klinge hört. Und gleichzeitig das Fleisch "tschhhrk" klingen muss. Wo jeder Schlag bis auf 30 Herz runtergeht. Also jeder Gesichtsschlag, was natürlich Quatsch ist - aber irgendwie gut kommt."

Weil im vergangenen Jahr viel weniger gedreht und produziert wurde, hatte auch Bodis über einige Wochen keine Aufträge mehr. Aktuell aber kommen wieder viele Anfragen von Produktionen, die über den Sommer gedreht wurden, bei ihm rein. Deshalb ist der Geräuschemacher sich auch sicher: Solange in Filmen Decken mit Kronleuchtern wackeln – wird auch sein handgemachter Sound dazu gebraucht.

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