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Fazit | Beitrag vom 21.07.2020

Georgisches Liebesdrama "Als wir tanzten"Hass auf Homosexuelle entzündet sich an Kinofilm

Von Thomas Franke

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Filmstill aus "Als wir tanzten", ein Film von Levan Akin, Georgien/Schweden, 2019. (Salzgeber & Co. Medien)
Szene aus dem Film "Als wir tanzten": Kirchenvertreter und Rechtsradikale machen Front. (Salzgeber & Co. Medien)

In Georgien gilt ein solcher Plot als Provokation: In seinem Film "Als wir tanzten" erzählt Regisseur Levan Akin von zwei georgischen Tänzern am Nationalballett, die sich ineinander verlieben. Bei den wenigen Vorführungen kam es zu Ausschreitungen.

Eine Tänzerin und ein Tänzer stolzieren aufrecht durch den das Studio. Sie halten Distanz, schauen sich in die Augen, dann auf den Boden. Die beiden trippeln, er springt, immer auf Abstand mit der Partnerin. Jede Bewegung, jede Geste ist vorgeschrieben.

"Im georgischen Tanz gibt es keine Sexualität, das ist kein Lambada", lässt Regisseur Levan Akin den Tanzlehrer sagen. Doch Spannung zwischen Geschlechtern braucht ja bekanntlich keine Berührung. Georgischer Tanz wirkt häufig wie ein Balzritual.

"Der georgische Tanz ist ein Schrei unserer Gene", ruft ein anderer Trainer im Film. Diese Gene sind - so ist es in Georgien weit verbreitet - selbstverständlich heterosexuell.

Priester und Rechtsradikale Schulter an Schulter

Traditioneller georgischer Tanz und Homosexualität, wie es Akins Film "Als wir tanzten" erzählt, ist für viele Georgier eine Provokation, und dementsprechend kam es bei den wenigen Aufführungen in Georgien vor dem Kino zu Ausschreitungen. Ein Spalier von Polizisten sorgte für den sicheren Zugang zur Filmpremiere in Tiflis. Männer in traditioneller georgischer Kleidung, mit Schaftstiefeln, Säbeln und Patronen am Revers, Kirchenvertreter, Rechtsradikale machten Front.

Die Kirche spricht von der "Popularisierung von Sodomiten-Beziehungen" und einem "großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte". Obwohl der Film in Georgien von nur wenigen gesehen wurde, wurde anschließend lange über die Angriffe und Ausschreitungen am Rand der Premiere geredet. Denn es waren bei weitem nicht die ersten Übergriffe ultraorthodoxer Aktivisten gegen Homosexuelle.

Rückblick: Tiflis 2013. Mehrere Tausend Menschen haben sich auf dem von hohen Platanen gesäumten Boulevard Rustaveli-Prospekt versammelt. Die äußerst mächtige georgisch-orthodoxe Kirche hat zur Demonstration aufgerufen. Und so stehen in der ersten Reihe bärtige Priester in vollem schwarzen Ornat, auf der Brust dicke Kruzifixe.

Auf der anderen Seite steht Lewan Berianidse, der sich später erinnert: "Zwischen uns und denen gab es einen Zaun. Und Polizisten standen da. Aber noch bevor unsere Demonstration losgehen sollte, ich glaube, das war für ein Uhr geplant, fingen der Mob und die Geistlichen an, die Barriere zu durchbrechen."

Keine Ermittlungen nach Ausschreitungen

Mit verzerrten Gesichtern, weit aufgerissenen Mündern und Augen gingen die Demonstranten auf die Homosexuellen los. In vorderster Front immer noch Priester. 

Berianidse: "Die Polizisten riefen, wir sollten in Richtung der bereitstehenden Busse laufen. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, dass da Busse für uns standen, um uns wegzubringen."

Die Busse waren umringt, Scheiben gingen zu Bruch. Lewan Berianidse fürchtete um sein Leben:

"Nachdem wir die Demonstration beendet und den Platz verlassen hatten, war das wie zu Zeiten der Inquisition. Die Leute liefen herum und suchten nach uns, um uns zu töten oder uns zusammenzuschlagen."

Es ist ein großes Glück, dass niemand ermordet wurde. Obwohl es Videoaufnahmen gibt, wurde weder gegen die Organisatoren, die Kirche, die Wortführer, darunter viele Priester, noch gegen andere Gewalttäter ermittelt.

Berianidse: "Die Kirche ist so stark in diesem Land. Sie spüren ihre Macht. Niemand kann etwas Kritisches gegen sie sagen, und sie wissen, dass sie praktisch alles tun können, was sie wollen, und sie werden immer Unterstützung haben."

Der Schauspieler Levan Gelbakhiani in einer Szene des Films "Als wir tanzten" (Salzgeber & Co. Medien)Bodyguards beim Dreh: Der Schauspieler Levan Gelbakhiani in einer Szene des Films "Als wir tanzten" (Salzgeber & Co. Medien)

Fünf Jahre später, 2018, konnte zum ersten Mal eine Pride-Parade in Georgien stattfinden, allerdings sehr klein, unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen vor dem Innenministerium. Von Angst waren auch die Dreharbeiten zum Film "Als wir tanzten" über die schwulen Tänzer geprägt.

Das Team sagte an den Drehorten nicht, was für einen Film sie drehen, und sie hatten Bodyguards dabei. Auch die Tanzensembles in Georgien kooperierten nicht: Homosexualität existiere im georgischen Tanz nicht.

Angriff gegen veganes Restaurant

Georgier erzählen gern, dass sie eine Urzelle Europas seien, das antike Königreich Kolchis befand sich im heutigen Georgien. Doch westliche Werte empfinden vor allem orthodoxe Kreise als Bedrohung der Traditionen. Das gilt, neben Homosexualität, auch für das Essen. Vor einigen Jahren überfielen Nationalisten ein veganes Restaurant in Tiflis, bewarfen die Veganer mit Wurst und Fleisch, prügelten, brüllten, sie sollten gefälligst normal leben.

Eine der Gründerinnen des Restaurants ist Maryam Tabatadse. Als sie den Schock überwunden hatte, sagte sie, dass es kein Generationsproblem ist: "Diese Idee, dass Georgien traditionell ist und bleibt, ist etwas für junge Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen können und die wenig Bildung haben. Die glauben, ihrem Land etwas Gutes zu tun."

Genau dort möchte der Regisseur von "Als wir tanzten" anknüpfen. Akin will den traditionellen georgischen Tanz mit modernem Denken verbinden.

"Als wir tanzten"
Regie: Levan Akin
Georgien/Schweden 2019, 113 Minuten
Kinostart: 23. Juli 2020

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