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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.03.2018

Georg Klein: "Miakro"Im Wunderreich des Wortschöpfers

Von Rainer Moritz

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Buchcover von Georg Kleins Roman "Miakro" (Rowohlt / dpa / picture alliance / Hinrich Bäsemann)
Neues, Unerhörtes darzustellen – ist das nicht ein Zeichen von großer, wahrhaftiger Literatur? - Georg Klein: "Miakro" (Rowohlt / dpa / picture alliance / Hinrich Bäsemann)

Georg Kleins "Miakro" spielt in einem ungewöhnlichen Büro, einem mit bizarren Elementen ausgestatteten Kosmos, und einer magischen Außenwelt mit Maden und großen Pilzen. Verquer-Komisches von einem überzeugenden Vertreter deutschsprachiger Phantastik.

Keine Sorge: Georg Klein beabsichtigt nicht, dem siebenbändigen, inzwischen auch hierzulande entdeckten "Büro"-Zyklus des Niederländers J. J. Voskuil ein deutsches Pendant an die Seite zu stellen und einen neuen Trend, den Büroromantrend, einzuläuten. Von Büros, genauer: von einem "Mittleren Büro", ist in Kleins neuem Roman "Miakro" zwar die Rede, doch mit dem Alltagsrealismus seines niederländischen Kollegen hat das herzlich wenig zu tun.

Im Gegenteil: Klein, der als einer der wenigen überzeugenden Vertreter aktueller deutschsprachiger Phantastik gelten darf, erfindet genussvoll einen anspielungsreichen, mit bizarren Elementen ausgestatteten Kosmos, der sich um Lesererwartungen und Forderungen nach einem plausiblen psychologischen Realismus wenig schert.

Technik und Mensch bilden eine Einheit

Eine Handvoll Männer in Overalls lässt Klein in einer immanenten Halbkugel agieren, angeführt von Büroleiter Nettler. Mit kurzen Attributen wie "bullig", "klein", "rotschopfig" oder "schön" charakterisiert er eine Riege von Büroangestellten, die einer geheimnisvollen, dunklen Tätigkeit nachgehen – von wem auch immer gesteuert. Sie stehen an Tischen aus Weichglas, über die Bildflüsse gleiten und die Althergebrachtes wie Jahreszeiten simulieren. Nettler und seine Kollegen sind Eingeschlossene. Ihre technischen Gerätschaften passen sich ihren Körperformen an.

Eine Trennung von Freizeit und Arbeit existiert nicht mehr. Ist das Tagewerk vollbracht, speist man im "Nährflur", saugt über "Zapfstummel" Wasser aus den Wänden und zieht sich danach in "Ruhenischen" zurück. Ab und an tut sich etwas in diesem wohligen Einerlei, ab und an kommt man mit der "wilden Welt" in Kontakt und sieht dem "Volk" dabei zu, wie es sich mit faserigen "Dicksprossen" den Bauch füllt.

Georg Klein spinnt im ersten Teil seines Romans konsequent und spielerisch zugleich fort, was die digitale Eroberung unseres Lebens bereits jetzt ausmacht. Technik und Mensch bilden eine Einheit, verschmelzen miteinander. Das allein macht "Miakro" zu einem faszinierenden Buch, doch Klein wäre nicht der eigensinnige Autor Klein, wenn er es bei dieser Analogie beließe. Denn es kommt zu Störungen im Betriebsablauf des Mittleren Büros.

Neues, Unerhörtes in magischen Szenerien

Einer der Ihren, der kleine Wendler, ist abhandengekommen, wurde von einem Schacht jählings aufgesogen. So machen sich Nettler & Co. daran, den Abgegangenen aufzuspüren, und gelangen in die nicht minder sonderbare "Außenwelt", wo es echte Spinde mit Vorhängeschlössern gibt und wo eine Frau Fachleutnant Xazy in einer militarisierten Ödnis das Regiment führt. Sie und die Ihren wollen offenbar dorthin gelangen, woher Nettler und seine Gefährten kamen.

Georg Klein lässt auch in der zweiten Hälfte seines Romans nichts aus, um den Leser anzuspornen, sich seinen ganz eigenen Reim auf das Geschilderte zu machen. Die Erzählperspektiven wechseln munter. Figurennamen kehren leicht verändert wieder. Maden und recht große Pilze haben ihren Auftritt. Selbst wer mit diesem in sich konsequenten magischen Szenerien nichts anzufangen weiß, wird dem Sprachfluss des Wortschöpfers Klein irgendwann erliegen und sich – der Autor wäre darüber wohl nicht einmal betrübt – gar keinen Reim mehr auf das Gelesene machen wollen.

Und nicht zuletzt: Man sollte nicht übersehen, wie der ironisch wache Erzähler Georg Klein teuflische Freude daran findet, die Wohligkeit des Mittleren Büros ad absurdum zu führen, sich Verquer-Komisches auszudenken, die Leser zu narren und sich in seiner Fabulierlaune Dinge auszumalen, die es vor "Miakro" gar nicht gab.

Neues, Unerhörtes darzustellen – ist das nicht ein Zeichen von großer, wahrhaftiger Literatur? Hätte man zumindest früher gesagt, als es noch ganz normale Büros gab.

Georg Klein: "Miakro"
Roman, Rowohlt Verlag
Reinbek 2018
333 Seiten, 24,00 Euro

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