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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.05.2015

Geneviève de Gaulle-AnthoniozLetzte Ehre für eine Menschenrechtlerin

Von Susanne von Schenck

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Zeichnungen zeigen am Pantheon in Paris die Porträts der vier Résistance-Kämpferinnen und -Kämpfer: Jean Zay, Genevieve de Gaulle-Anthonioz, Pierre Brossolette und Germaine Tillion. (AFP / Thomas Samson)
Genevieve de Gaulle-Anthonioz' Porträt (2. v.l.) hängt am Pariser Pantheon neben Jean Zay, Pierre Brossolette und Germaine Tillion. (v.l.) Sie sollen hier symbolisch ihre letzte Ruhestätte finden. (AFP / Thomas Samson)

Neben Marie Curie gehört die Widerstandskämpferin Geneviève de Gaulle-Anthonioz zu den ersten Frauen, die jetzt einen Ehrenplatz im Pariser Pantheon erhält. Die Nichte des Generals Charles de Gaulle, die 2002 starb, setzte sich ein Leben lang für Menschenrechte ein.

Unter den Gefangenen, die im Februar 1944 aus Compiègne nördlich von Paris im Konzentrationslager Ravensbrück ankommen, ist auch die Nummer 27.372: Geneviève de Gaulle, die Nichte des Generals Charles de Gaulle, der von England aus zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer aufruft. Sie ist 23 Jahre alt, studiert Geschichte und ist aktiv in der Résistance – bis die Gestapo sie in einer Pariser Buchhandlung verhaftet. In Ravensbrück wird sie auf Befehl Heinrich Himmlers vier Monate in Isolationshaft genommen.

"Die Tür ist schwer ins Schloss gefallen. Ich bin allein in der Nacht. Kaum habe ich die nackten Wände der Zelle erkennen können. Tastend finde ich die Pritsche mit der rauen Decke; ich lege mich hin und versuche, den unterbrochenen Traum weiter zu träumen."

Über ein halbes Jahrhundert später schreibt Geneviève de Gaulle-Anthonioz, wie sie nach ihrer Heirat hieß, ihre Erinnerungen an diese dunkle Zeit auf: "La traversée de la nuit" – "Durch die Nacht". Die Erfahrung im Konzentrationslager Ravensbrück war prägend für ihr ganzes Leben, sagt ihre Tochter Isabelle Gaggini-Anthonioz:

"Als ich auf einer Landkarte nachschaute, war ich sehr verblüfft, dass Ravensbrück nur 80 Kilometer von Berlin entfernt lag. Für mich war das ein Ort, den es auf der Erde eigentlich gar nicht gab."

Als 13-Jährige las sie "Mein Kampf" 

Geneviève de Gaulle wird 1920 in einem kleinen südfranzösischen Dorf geboren. Der Vater ist Bergbauingenieur und nimmt bald eine Arbeit im damals vom Völkerbund verwalteten Saargebiet an. Mascha Join-Lambert, eine in Frankreich lebende Deutsche, hat später mit Geneviève de Gaulle-Anthonioz zusammengearbeitet:

"Geneviève ist im Saarland groß geworden und hat ganz nahe miterlebt, wie das Verhältnis zwischen deutschen Bergarbeitern und den französischen Ingenieuren, zu denen ihr Vater gehörte, schwierig war, wie die nationalsozialistische Propaganda anfing und wie nach der Machtergreifung auch Nazischlägertruppen im Saarland unterwegs waren. Als 13-Jährige las sie 'Mein Kampf' und sagte später: als wir dann in Ravensbrück ankamen, war mir klar, dass genau das umgesetzt wird, was ich als 13-Jährige begriffen hatte."

Zitat: "Ich hatte gelernt, dass jedes menschliche Wesen einen Wert hat. In diesem Buch erfuhr ich, dass man Nichts war, wenn man nicht zum germanischen Volk gehörte."

Nach dem Krieg heiratet Geneviève den Verleger Bernard Anthonioz, bekommt vier Kinder, engagiert sich, wie auch Germaine Tillion, bis an ihr Lebensende bei ADIR, einem Zusammenschluss internierter und deportierter Frauen des Widerstands.

Sie wird Mitarbeiterin des Kulturministers André Malraux – bis sie 1958 Joseph Wresinski kennenlernt. Der polnisch stämmige Pater zeigt ihr die Elendssiedlungen in Noisy le Grand, einem Vorort von Paris. Ein Wendepunkt in ihrem Leben, so Isabelle Gaggini-Anthonioz:

"Als meine Mutter dorthin kam, war es ein Schock für sie. Ein Schock, weil sie im Blick der Menschen genau die gleiche Zerstörung ihrer Würde fand, die sie an Ravensbrück erinnerte. Etwas in ihnen war erloschen. Hinzu kam der Geruch der Körper, die nicht gewaschen werden konnten. Das kann man nicht akzeptieren, sagte sie. Meine Mutter hat alles hinter sich gelassen und sich bei ATD Vierte Welt engagiert, um den Kampf gegen die Armut aufzunehmen."

Arbeiten im Hintergrund

ATD Vierte Welt - Aide à toute detresse, zu Deutsch "Hilfe in aller Not" – gegründet 1957 von Pater Wresinski, ist inzwischen eine international agierende Menschenrechtsorganisation. Bis 1999, drei Jahre vor ihrem Tod, ist Geneviève de Gaulle-Anthonioz deren Vorsitzende, sie bringt ein Gesetz gegen Ausgrenzung auf den Weg. Mascha Join-Lambert, die 1972 bei ATD Vierte Welt anfing, erinnert sich an die zierliche Dame mit der markanten Stimme:

"Sie war eher unscheinbar. Das war kein Mensch, der jedem sofort auffiel. Sie war auch nicht jemand, der als erster das Wort ergreifen musste, aber sie hatte die Fähigkeit, andere zur Zusammenarbeit zu bringen, indem sie sich selbst in den Hintergrund stellte."

Dass nun ihre sterblichen Überreste – symbolisch – ins Pariser Pantheon überführt werden, wie auch die von Germaine Tillion, ist für die Nachfahren, so Isabelle Gaggini-Anthonioz, eine große Ehre:

"Dass diese beiden Frauen, dass überhaupt Frauen im Pantheon einen Platz finden, Widerstandskämpferinnen, die so verbunden sind, das erfüllt uns mit Stolz und bewegt uns sehr. Wir haben den Eindruck, dass zugleich die anderen Widerstandskämpferinnen mit den beiden ins Pantheon ziehen."

Mehr zum Thema:

Gedenken - Neue Helden für das Pariser Panthéon
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 27.05.2015)

Germaine Tillion - Die Immer-Kämpferin
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 27.05.2015)

Befreiung von Paris vor 70 Jahre - Übergabe ohne Zerstörung
(Deutschlandfunk, Interview, 24.08.2014)

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