Generationenkonflikte

Es geht um Macht

04:36 Minuten
Zwei junge Fridays for Future Teilnehmer halten Plakate mit der Aufschrift „Beweist uns Partizipation. Hört auf diese Generation“ und "Macht Klimaschutz zum Wahlprogramm, denn bald sind wir mit Wählen dran!“ in ihren Händen.
"Da streiten Kohorten gegeneinander. Da sollen die Satten, die Mächtigen und Arrivierten vom Thron gestoßen werden", sagt Alexander Kissler. © picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen
Überlegungen von Alexander Kissler · 29.04.2021
Audio herunterladen
Geburtsjahrgänge spielen wieder eine Rolle. Generation Z gegen Millennials, alle zusammen gegen Boomer. Dabei geht es nicht nur um Sprache und Moral, meint Journalist Alexander Kissler, sondern auch um Machtfragen. Sein Rat: Mal die Perspektive wechseln.
Rau geht es zu, rau ist das Klima geworden – und damit ist nicht das meteorologische, sondern das gesellschaftliche Klima gemeint. "Neben jedem Deutschen steht sein eigener Todfeind", schrieb in der Weimarer Republik der Schriftsteller Rudolf Borchardt, und ein wenig verhält sich die Lage heute so. Jedes Wort kann das falsche sein. Man ist beleidigt, ehe man verstanden hat. Man unterstellt dem anderen üble Motive, ehe man sich der eigenen klar geworden ist.
Von Gereiztheit zu Gereiztheit schleppt sich eine nervöse Republik, die die Dramen anderer Gesellschaften nachspielt: das Drama der Cancel-Culture, in der das eigene Bewusstsein den Richter abgibt über die Ansichten der anderen. Das Drama der Identitätspolitik, in dem die eigene Gruppe turmhoch über jenen thront, die sich keiner Gruppe zurechnen lassen wollen.
Das Drama einer Gender-Debatte, in der die Geschlechtlichkeit zum Projekt wird und alles Vorgefundene zur Kränkung. Deutschland ist eine Drama Queen. Sind das, bei Lichte betrachtet, nicht alles Generationenkonflikte?

Kohorten streiten – aber nicht unbedingt über Inhalte

Jugend will werden, und wohl dem, der etwas geworden ist, der seine geistigen Anlagen ausgebildet hat und seiner Neugier eine Form gab. Generationenkonflikte drücken sich in Cancel-Culture, Identitätspolitik und Gender-Debatte nicht in dem Sinn aus, dass ausnahmslos Heranwachsende gegen ausnahmslos Erwachsene aufbegehrten.
Wohl aber zeigen sich in den genannten Konfliktfeldern die typischen Mechanismen eines Generationenkonflikts. Da streiten Kohorten gegeneinander. Da sollen die Satten, die Mächtigen und Arrivierten vom Thron gestoßen werden. Da kommen neue Gruppen und verlangen ihren Platz an den Trögen der Macht. Generationenkonflikte sind Auseinandersetzungen um Macht.


Unter diesem Gesichtspunkt gewinnen die wechselseitigen Vorwürfe eine neue Qualität. Im rauen Streit um die Frage, wer sich wo in welcher Weise äußern soll dürfen, zeigt sich eine neue Jugendbewegung. Eine Jugendbewegung in dem Sinn, dass neue Maßstäbe alte Kriterien hinwegfegen sollen. "Hier spricht das Morgen" – so lautet die Überschrift über vielen Konfliktfeldern unserer Gegenwart.
Wie sollte sich das Überkommene, das Althergebrachte, das Konventionelle verhalten? Auf zweierlei Weise, scheint mir. Zum einen liegt die Beweislast bei denen, die Änderungen verlangen. Wer möchte, dass sich die Sprache aus angeblich "gendersensiblen" Gründen in Schrift wie Klang ändert, der muss gute, der muss sehr gute Gründe vorlegen – und nicht nur persönlichen Ehrgeiz. Um Bewährtes umzustoßen, genügt es nicht, am Bewährten Anstoß zu nehmen.

Jugend ist der Zustand von Stärke und Verlorenheit

Hinzu kommt eine Erkenntnis, die niemand besser in Worte fasste als der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe. Er schrieb in seinem Meisterwerk, dem Roman "Von Zeit und Fluss":
"Ein junger Mensch ist so stark, so verrückt und so sicher und so verloren. Er hat alles und kann von nichts Gebrauch machen." Und außerdem: "Alle Jugend wird unweigerlich vergeudet. Das liegt zutiefst in ihrem Wesen und ist der Grund, weshalb alle Menschen ihr nachtrauern."
Das heißt: Ein Wechsel der Perspektive tut not. Die Angegriffenen, die Arrivierten, sollten die Attacken im Namen von Identität, Gender und Cancel-Culture als das nehmen, was sie sind – als Strategien, dem Hergebrachten die Macht zu entwinden. Und die Angreifer sollten die Gelassenheit gewinnen, ihren Eifer zu relativieren. Es ist der Eifer einer Generation, die sich überlegen wähnt.
Bei einem doppelten Abrüsten winkt – um einen weiteren Dichter zu zitieren – das erwachsene Glück eines Manès Sperber: "Ich gehöre zu den seltenen Erwachsenen, die kein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer eigenen Jugend haben."
Man muss werden, um zu sein.

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der "Neuen Zürcher Zeitung" und Sachbuchautor. Von ihm erschien 2020 "Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife".



Porträt von Alexander Kissler
© © Antje Berghaeuser
Mehr zum Thema