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Im Gespräch | Beitrag vom 18.01.2020

Generation ÜberflussWas tun gegen Lebensmittelverschwendung?

Ulrike Herrmann und Michael Schieferstein im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Verschwendung von Lebensmitteln, Brötchen im Biomüll. (imago images / Mario Hösel)
Gerade Brot und Brötchen werden viel zu oft weggeschmissen, obwohl sie noch gut essbar sind. Statt in den Müll mit den Resten, könnte man zum Beispiel einen Brotsalat machen. (imago images / Mario Hösel)

Fleckige Äpfel, Brot vom Vortag: Über 18 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel landen jährlich im Müll. Verbraucherinnen und Verbraucher schmeißen im Schnitt jährlich 82 Kilo weg. Was tun gegen die Verschwendung? Diskutieren Sie mit!

Wir leben im Überfluss: Die Regale in den Supermärkten sind immer gut gefüllt, mit makelloser, frischer Ware. In keinem Industrieland sind die Lebensmittelpreise so niedrig wie in Deutschland. Wir leben aber auch in einer Wegwerfgesellschaft: Über 18 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel landen jährlich im Müll. Die größten Verschwender sind wir Verbraucher: Jedes achte gekaufte Lebensmittel schmeißen wir weg, im Schnitt jährlich 82 Kilo pro Kopf.

Dabei entsorgen Jüngere öfter Essbares als die älteren Generationen, so eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Mehr als ein Drittel unserer Nahrungsmittel kommt zudem erst gar nicht in den Handel, bleibt auf dem Acker liegen oder übersteht den Transport nicht. Alles genusstaugliche Waren, die unter hohem Arbeits- und Ressourcenaufwand produziert wurden.

Kämpfer gegen den "Wegwerf-Wahnsinn"

"Alles, was wir wegwerfen, würde ausreichen, um den Welthunger zwei oder sogar dreimal zu stoppen", sagt der Koch und Küchenmeister Michael Schieferstein. Mit seinem Verein "FoodFighters" hat er dem "Wegwerf-Wahnsinn" den Kampf angesagt. In Kochshows verarbeitet er bevorzugt "gerettete Lebensmittel", die Supermärkte aussortieren. Er hat jahrelang "containert", also illegal Nahrungsmittel aus den Mülltonnen der Märkte geholt, um sie weiter zu verwerten. Und er gibt Kochunterricht in einer Mainzer Grundschule, geht mit den Viertklässlern auf dem Markt einkaufen. "Nur wer mit wertvollen Lebensmitteln umzugehen gelernt hat, weiß sie auch zu schätzen."

Lebensmittelverschwendung als Systemfrage

"Es ist einfach billiger, etwas wegzuwerfen, als es weiterzuverwenden. Das ist nicht nur bei Lebensmitteln so, auch zum Beispiel bei Kleidung", sagt Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin bei der Tageszeitung "taz". In ihren Artikeln und Büchern setzt sie sich mit Fragen des Kapitalismus und mit den Grenzen unseres Wirtschaftssystems auseinander. Dieses beruhe auf Wachstum und Konsum, Voraussetzungen letztlich auch für Arbeitsplätze und Wohlstand. Daran hätten wir uns über Jahrzehnte gewöhnt, auch an das Überangebot.

"Es liegt auch an uns Konsumenten: Wir wollen alle den glatten Apfel. Es sind auch die Hygienevorschriften und Normierungen. Wir haben für alles Vorschriften, wie etwas auszusehen hat, auch für Lebensmittel." Die Folge: "Dass man bestimmte Nahrungsmittel erst gar nicht mehr erntet. Die Bauern kriegen ihre Subventionen nach Hektar, ob sie etwas produzieren oder nicht. Es kostet sie etwas, wenn sie Obst oder Gemüse ernten, das einen Makel hat. Und wenn sie wissen, dass die Supermärkte diese nicht abnehmen, dann bleiben sie liegen. Und wenn die Supermärkte diese Waren nicht verkaufen können, kommen sie eben in die Tonne." Dieses System, so die Wirtschaftsjournalistin, gerate mehr und mehr an seine Grenzen, auch aufgrund der Klimakrise und der Ressourcenknappheit.

Aus Resten lecker kochen

Sie haben Gemüse, Obst oder Brot übrig? Schmeißen Sie es nicht weg. Michael Schieferstein gibt mit seinen Rezepten Tipps, was Sie aus Ihren Resten noch Leckeres zubereiten können:

Rezept für Gemüsefond

Rezept für Waffeln

Rezept für Brotsalat

Rezept für Smoothie

(sus)  

Was tun gegen Lebensmittelverschwendung? Darüber diskutiert Vladimir Balzer am 18. Januar von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Ulrike Herrmann und Michael Schieferstein. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de.

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