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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.05.2011

Generation auf wackligen Füßen

Anne Kunze/Katrin Zeug: "Ab 18 - Was junge Menschen wirklich machen", Rowohlt, Hamburg 2011, 240 Seiten

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Auf ins Leben: Wer heute jung ist, wünscht sich eine Familie. (picture alliance / dpa)
Auf ins Leben: Wer heute jung ist, wünscht sich eine Familie. (picture alliance / dpa)

Wie fühlt es sich an, heute in Deutschland ins Erwachsenenleben zu starten? Die beiden Autorinnen haben sich umgehört und festgestellt: Sicherheit ist ein Lebensgefühl, das ausstirbt.

Junge Menschen im Alter von 18 bis 25 werden immer wieder aufmerksam beäugt, nicht nur weil in diesem Alter viel passiert, sondern auch weil sie die Gesellschaft von morgen prägen. Meist sind es deshalb auch die Älteren, die diese Altersgruppe mitunter misstrauisch beobachten und dabei nicht selten auf Klischees zurück greifen: faul, perspektivlos, partysüchtig. Generation Praktikum oder Generation Facebook nannte man sie zuletzt.

Die beiden Autorinnen Anne Kunze und Katrin Zeug, beide selber Anfang dreißig, zeichnen jetzt ein viel genaueres Bild davon, wie es ist heute in Deutschland aufzuwachsen. Das Besondere an "ab 18": Es ist kein Buch über die deutsche Jugend, die Autorinnen lassen die jungen Menschen selber erzählen. In ihrer Sprache. Unverbraucht, unverblümt und klischeefrei.

Kunze und Zeug haben insgesamt 23 junge Frauen und Männer über ihren Alltag, ihre Träume und Sorgen befragt. Viele von ihnen leben nicht unbedingt in alltäglichen Situationen. Da ist die 20-jährige Luisa, die sich für 13 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet hat weil alternative Ausbildungsangebote Mangelware waren. Oder die junge Mutter, die ihren dreijährigen Sohn in der Großfamilie aufzieht während sie Abitur macht. Oder Patrick, zwanzig Jahre, der sich nach einem Tankstellenüberfall in Einzelhaft wiederfindet, acht Quadratmeter, eine Stunde Ausgang am Tag. Allen Befragten ist eins gemein: Sie lassen den Leser ganz nah an sich ran, erzählen mal abgeklärt, mal leidenschaftlich von ihren Wünschen und Ängsten. Interview für Interview zeichnen die Autorinnen so ein authentisches Bild über den Alltag junger Menschen in Deutschland.

Es werden aber nicht nur besondere Schicksale aufgegriffen, im Gegenteil. Gerade die Episoden, die im vermeintlich belanglosen Alltag von der Öffentlichkeit bisher unentdeckter junger Menschen spielen, sind besonders interessant zu lesen. Dabei offenbart sich der Blick der Autorinnen für Details. Etwa wenn sie der Frage nachgehen, wann ein frisch verheiratetes Paar Zeit miteinander verbringt, wenn sie Tag- und er Nachtschichten arbeitet.

Jede der 23 Geschichten steht für sich. Sie beginnen mit dem jüngsten, dem 18-jährigen Richard, der hingebungsvoll Gottesanbeterinnen züchtet, und endet mit dem ältesten, Serkan, 25, der für fünf Euro Stundenlohn Nachtschichten in einer 24-Stunden-Bar schiebt. Jede Geschichte ist in einem anderen Stil erzählt, mal als klassisches Interview, dann wieder als Fließtext oder in einer Mischform.

Belebend sind auch die Zusatzinformationen wie Tagesprotokolle oder kurze Tabellen mit Einkünften und Ausgaben, die in die Texte eingestreut sind. So sind sie für Leser jeder Altersstufe interessant. Besonders aufschlussreich dürfte die Lektüre für ältere Leser sein. Und ein Schnappschuss der heutigen Zeit für kommende Generationen.

Ausdrücklich soll das Buch keine Fallstudie sein, die sich zu einem Generationenporträt zusammensetzen lässt. Trotzdem gibt es auffällige Gemeinsamkeiten. Aufwachsend in einer Welt, in der nichts mehr sicher scheint, glauben sehr viele der jungen Erwachsenen, anders als noch die Generationen vor ihnen, dass sie wahres Glück nur in einer Familie finden können; eigene Kinder fest mit eingeplant. Vielleicht begegnen sie deshalb mehrheitlich der Dauerkrise so gelassen, wie es die 22-jährige Tuğba zusammenfasst: Wir werden uns eh niemals sicher fühlen, also gilt es flexibel zu sein und jeden Moment des Lebens das Glück zu suchen und zu genießen.

Besprochen von Julia Eikmann

Anne Kunze/Katrin Zeug: Ab 18 - Was junge Menschen wirklich machen
Rowohlt, Hamburg 2011
240 Seiten, 16,95 Euro

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