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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.05.2019

Generation 50 plus experimentiertWohnst du noch allein oder schon in Gemeinschaft?

Von Anastasija Roon

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Auf einer Aussichtsplattform stehen vier Stühle auf denen vier ältere Menschen sitzen. Im Hintergrund, in der Unschärfe schaut man auf eine grüne Stadt hinab. (EyeEm / Michael Kraus)
Gemeinsam, nicht einsam: Die passenden Mitbewohner sorgen für mehr Lebensqualität. (EyeEm / Michael Kraus)

Mit zunehmendem Alter werden Menschen einsamer, ohne es zu wollen. Auch deswegen experimentieren immer mehr Menschen ab 50 mit Wohnformen wie WG oder Hausgemeinschaft. Sogar eine Internetseite gibt es, die bei der Wohn-Partner-Suche hilft.

Ein Schneesturm kam auf. Zuerst fielen die Scheibenwischer aus, dann die Heizung. Fast wären sie im Graben gelandet. Ihr erwachsener Sohn wurde unterwegs krank. Sie mussten einen Zwischenhalt einlegen und waren erst nach zweieinhalb Tagen wieder zu Hause.

"Das Ganze entwickelte sich zu einem absoluten Horrortrip."

So beschreibt Monika Kohut, 68 Jahre alt, die Rückfahrt von ihrer letzten WG-Besichtigung. Vor Ort musste sie zudem feststellen, dass die potenziellen Mitbewohner und Mitbewohnerinnen zwar sehr nett waren, aber die Immobilie leider völlig ungeeignet für eine Wohngemeinschaft. Das war 2011. Für die damals 60-Jährige ist dieser Ausflug Auslöser dafür, die Dinge endlich selbst in die Hand zu nehmen. Sie gründet die Online-Plattform "Gold WG - Leben mit Freunden".

"Also ganz wichtig ist, dass man einfach von der Lebenseinstellung zusammenpasst. Und natürlich spielen diese Themen wie Ordnung, Sauberkeit, Tischkultur, Lebensrhythmus – das spielt alles eine Rolle."

60 Matchingpoints sind gute Voraussetzung für WG-Leben 

Kohut hat es sich zur Aufgabe gemacht, gezielt potenzielle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ab 50 zusammenzubringen. Ein Matching-Verfahren soll Erfolg versprechen. Es basiert auf einem Fragebogen, der von zwei Psychologinnen zusammengestellt worden ist. Ähnlich wie bei einer Partnerbörse klärt dann ein Algorithmus, wie gut Bewerber und Bewerberinnen zusammenpassen. Aber:

"Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass auch bei Gold WG, da fliegen einem nicht die gebratenen Tauben in den Mund. Also, man muss auch Eigeninitiative zeigen. Man muss mit den Leuten in Kontakt treten. Der Bauch entscheidet. Wir filtern bestmöglich vor." 

Mehr Lebensqualität durch Mitbewohner

Auch Monika Kohut hat ihren Mitbewohner über "die Gold-WG" gefunden. 60 Matching-Points gelten als gute Voraussetzung für ein Zusammenwohnen. Sie und Farzam hatten 79. Er ist 56 Jahre und kommt aus dem Iran. Gemeinsam wohnen sie in ihrer Wohnung im oberbayrischen Neuried.

"Und er hat da sein Zimmer mit seinem Balkon. Und da sitzt er dann manchmal auch alleine und raucht oder trommelt ein bisschen. Da gehe ich aber auch nicht rein. Also das Zentrale im Sommer ist eigentlich mehr mein Balkon und dann grillen wir und dann sitzen wir und dann kommen Leute und dann lassen wir es uns hier gutgehen. Lebensqualität halt."

Porträt der Betreiberin des Internetportals "Gold WG", Monika Kohut (Anastasija Roon)Monika Kohut hat ein Internetportal zur WG-Partner-Suche für Menschen über 50 gegründet. (Anastasija Roon) 
Die Furcht vor der Vereinsamung – also der ungewollte Verlust von Beziehungen – darin sieht Kohut den Grund für das Interesse von Älteren an Wohngemeinschaften.

"Also das Thema Einsamkeit, dass da jetzt drüber geredet wird und dass das nicht mehr stigmatisiert wird, das ist natürlich ein Riesenpush."

Gleiche Herausforderungen wie in der Studenten-WG

Der Schritt in eine WG ist aber für Menschen im höheren Alter nicht selbstverständlich und ein viel größerer als bei Studierenden, denn:

"Die Älteren bringen eben ihr ganzes Leben schon mit in die Wohngemeinschaft und sind vielleicht auch weniger bereit, ganz neue Dinge zu machen oder sich von eigenen Dingen zu verabschieden. Aber sie bringen eben auch Ressourcen mit. Vielleicht großes Verhandlungsgeschick, vielleicht eine Form von Gelassenheit. Insofern ist es natürlich anders, aber die Herausforderungen, die sind in der studentischen Wohngemeinschaft eigentlich die gleichen wie in einer Wohngemeinschaft, wo Ältere mit leben", sagt Professor Ulrich Otto, Sozialgerontologe und Leiter der Forschung der Careum Stiftung in Zürich.

"Die Singularisierung, die Individualisierung in der Gesellschaft ist sicher ein ganz großer Treiber, dass immer mehr Menschen lange Zeit alleine leben und es gar nicht wollen."

Wohnen im "Realexperiment"

Ulrich Otto forscht darüber, wie Menschen im höheren Alter selbstbestimmt leben können.

"Aber dann gibt es eine ganz, ganz große und wachsende Gruppe, die versucht, Experimente, Realexperimente zu leben, und die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens ist wirklich inzwischen fast eine Massenbewegung geworden in der Generation 50 plus. Darunter verbergen sich aber ganz, ganz unterschiedliche Formen. Die Wohngemeinschaft älterer Menschen oder auch generationsgemischt ist eigentlich eher die seltenere Form. Ganz viele neuere Wohnformen sind Hausgemeinschaftsformen."

Für den Forscher ist das die zukunftsträchtigere Wohnform.

"Menschen wohnen Tür an Tür, aber unter einem großen Gebäudedach, nicht aber hinter derselben Wohnungstür. Für die meisten bedeutet es ein gestuftes miteinander Zusammenwohnen, Dinge gemeinsam zu machen, vielleicht auch Gemeinschaftsflächen, den Gemeinschaftsgarten, den Gemeinschaftsraum gemeinsam zu bespielen, aber eben die eigene private Rückzugszone, die eigene Wohnung nicht aufzugeben."

Erfolgreich sind sozial gemischte Gemeinschaftsprojekte

Das wichtigste sind aus seiner Sicht robuste Wohnformen. Wohnformen, die sich anpassen, egal, wie das Leben einem mitspielt.

"Wir können inzwischen 20, 25 Jahre Wohnprojekte überblicken. Die erfolgreichen Projekte fangen sehr früh, meisten zu Beginn schon an, eine Mischung aus unterschiedlichen Bildungs-, Finanz-, Hausstands- und auch Altersgruppen zu bilden, und solche sehr gemischten Gruppen sind potenziell natürlich ressourcenreicher."

Laut Statistischem Bundesamt werden 2030 knapp 20 Prozent der Deutschen zwischen 65 und 79 Jahre alt sein. Menschen in diesem Alter sind heute aktiver und selbstständiger. Dass gemeinschaftliche Wohnformen im Alter so vielfältig und überhaupt möglich sind, hängt auch mit der Veränderung der älteren Generation zusammen.

"Was hieß denn früher 65 bis 79? Da war das das Lebensende. Heute sind ganz viele Menschen, immer mehr Menschen in diesem Alter, aber sie sind in diesem Alter mobil. Sie sind noch recht gesund. Sie sind vielleicht auch mit Bildung und finanziellen Ressourcen gut ausgestattet." 

Allein in einer großen Wohnung – unsozial?

Monika Kohut ist selbstständig und hat die nötigen Ressourcen, um sich ein komfortables WG-Leben in Neuried leisten zu können. Ihr geht es aber um mehr:

"Wenn zwei eine riesengroße Wohnung haben oder bis dato eine größere Wohnung hatten, aber nicht zusammenziehen wollen, dann ist es erst einmal unsozial, finde ich, im Rahmen des Wohnungsmarktes solche Wohnungen zu besetzen."

Ihr Mitbewohner wird heute zu Hause sein. Den Abend werden sie gemeinsam verbringen.

"Also, wir machen das so: Einmal kocht Farzam persisch. Ich koch eigentlich eher mediterran. Dann wird er bedient und das nächste Mal werde ich bedient. Und das machen wir nicht nur an Sonn- und Feiertagen, sondern immer. Dann lassen wir Musik laufen, manchmal persisch, manchmal eben klassisch deutsch Bach, und wer gekocht hat, da macht der nächste dann den Abwasch. Das ist sozusagen die Gegenleistung, das Dankeschön und dann sitzen wir noch zusammen und reden und trinken Wein, bis wir dann eben ins Bett gehen."

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