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Im Gespräch | Beitrag vom 22.05.2020

Generaldirektorin der Staatsbibliothek Barbara Schneider-KempfAus Liebe zum Buch

Moderation: Katrin Heise

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Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin Barbara Schneider-Kempf (SBB-PK / Hagen Immel)
Sinn für das Machbare: Barbara Schneider-Kempf. (SBB-PK / Hagen Immel)

Zuhause in Scharouns moderner Leselandschaft und im wilhelminischen Kuppelsaal: Seit über 16 Jahren leitet Barbara Schneider-Kempf die Staatsbibliothek zu Berlin mit ihren Standorten in Ost und West. Ihr Konzept: leidenschaftlicher Pragmatismus.

Weltraumdesign oder historischer Kuppelsaal? Wenn sie sich entscheiden muss, schlägt Barbara Schneider-Kempfs Herz für die moderne Baukunst. Schließlich hat sie selbst in den 1970er Jahren Architektur studiert: "Von daher mag man mir nachsehen, dass ich mit der Architektur von Hans Scharoun vertrauter bin."

Glücklicherweise muss sie sich aber nicht entscheiden. Die 66-Jährige ist die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – und die hat gleich zwei Standorte: den modernen Bau Hans Scharouns an der Potsdamer Straße, im ehemaligen Westberlin gelegen, und sein wilhelminisches Gegenüber Unter den Linden im Ostteil der Stadt.

Die Schätze der Staatsbibliothek

Seit sechzehn Jahren hat Barbara Schneider-Kempf diese Position inne - als erste Frau in der Jahrhunderte alten Geschichte der Staatsbibliothek, von den Berlinerinnen und Berlinern liebevoll "Stabi" genannt.

Sie sei ein durch und durch pragmatischer Mensch, hat die gebürtige Triererin 2004 in ihrer Antrittsrede bekundet - und schätzt diesen Wesenszug bis heute als hilfreich ein in ihrer Funktion. "Ich finde es wahnsinnig wichtig, den Sinn für das Machbare zu haben. Vielleicht engt man sich ein – kann sein, dass man das so sieht - aber ich würde sagen, auf lange Sicht kommt man damit weiter."

Wie wird digitalisiert, welche Bücher werden angeschafft, wenn man nicht alle haben kann, schon allein, weil Platz und Geld fehlen? Bei solchen Fragen gelte es, die praktischen Möglichkeiten im Blick zu behalten. "Das sind dann manchmal vielleicht nicht die Riesenschritte, sondern kleinere, aber die führen ja auch zum Ziel."

Neben dem Magazin und dem zugänglichen Freihandbereich, in dem sich weniger als zehn Prozent des Bestands finden, hat die Stabi auch wahre Schätze zu bieten. 80 Prozent der Handschriften Johann Sebastian Bachs werden dort aufbewahrt, Werke von Mozart und Beethoven ebenso wie die Tagebücher Alexander von Humboldts, die mittlerweile digitalisiert sind.

Barbara Schneider-Kempf ist bei alldem auch für das "Finetuning" verantwortlich. Neben dem Ziel, die Sammlung weiter aus- und aufzubauen, gehe es vor allem darum, nach außen zu vermitteln, was die Staatsbibliothek alles zu bieten hat, betont sie.

Unbelastet von West nach Ost

Barbara Schneider-Kempfs Weg bis nach Berlin verläuft von West nach Ost. Nach dem Architekturstudium entscheidet sie sich für das Bibliothekswesen und ist zunächst an verschiedenen westdeutschen Bibliotheken beschäftigt, bis 1992 Leiterin der neu gegründeten Universitätsbibliothek Potsdam wird.

Einen persönlichen Bezug zu Ostdeutschland hat sie bis dahin nicht: "Man kann natürlich darüber nachdenken, ob bestimmte Kenntnisse der Mentalität ein Vorteil oder ein Nachteil sind. Ich war, wenn man es positiv ausdrücken will, völlig unbelastet."

Anders als in anderen Bereichen seien in der Potsdamer Bibliothek auch nicht ostdeutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch westdeutsches Personal ausgetauscht worden, berichtet sie. Es habe Aufbruchsstimmung geherrscht und es seien viele neue Stellen geschaffen worden. Das Ankommen fiel deswegen leicht, auch ohne vorherige persönliche Verbindungen.

Und einen Anknüpfungspunkt zwischen der wissenschaftlichen Bibliothekarin aus dem tiefsten Westen und den neuen Bekanntschaften im Osten gab es durchaus. Immerhin teilt Barbara Schneider-Kempf mit einem der wichtigsten Vordenker des Kommunismus den Geburtsort:

"Damit bin ich auch immer gut angekommen. Wenn ich Trier gesagt habe, dann kam immer gleich: Karl Marx."

(era)

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